Lauschangriff

In unserer tadellosen, österreichischen Fischkonservenfabrik geht die Angst um. Angst vor der Übernahme durch einen japanischen Food-Giganten, der sich wie eine Krake unseren Betrieb einverleiben und Haifischflossensuppenkonserven ausspucken wird. Wie berichtet, führte Direktor Pfotenhauer vor einigen Tagen eine Delegation streng gescheitelter Japaner in dunklen Anzügen durch die Produktionshallen und tat auf geheimnisvoll. Seither wollen die Gerüchte nicht verstummen. Die Belegschaft fürchtet um das Wiener Schnitzel in der Kantine und die Einführung von fernöstlicher Zucht und Ordnung.

Gestern früh lief mir unsere Reinigungsfachkraft Editha über den Weg. Die brave Frau kam vor zwei Jahren aus der Ukraine nach Österreich, ist stets gut gelaunt, ist die Unauffälligkeit in Person und hat dabei ihre Augen und Ohren einfach überall. Ich habe ihre Talente früh erkannt und beizeiten ein joviales Vertrauensverhältnis zu ihr aufgebaut. „Hallo Editha“, grüßte ich freundlich. „Haben Sie in Pfotenhauers Büro zufällig etwas über Japan gehört?“ Dabei zog ich mit den Zeigefingern meine Augen zu schmalen Schlitzen. „Kommt böse Sushi-Mann und nimmt weg Fabrik?“ „Guten Morgen, Damen und Cherren!“ antwortete Editha, „Hier ist Frihnachrichten mit Ibersichtsmeldungen. Präsident Pfotenchauer chat telefoniert mit japanitsch Kompani. Habe gehert bei wischen Staub. Tokio will nix kaufen Fabrik, weil zu kleine und ist nix am Meer. Nur Donau.“ An dieser Stelle sei angemerkt, dass Editha keinen Deutschkurs besucht und ihre Kenntnisse unserer schönen Sprache ausschließlich über die hiesigen Radio- und Fernsehprogramme bezieht. Mein Herz machte einen Luftsprung. Tokio will nix kaufen Fabrik! Eben wollte ich meine ukrainische Agentin vor Freude umarmen, als Cerny um die Ecke bog. Mein verdächtig unverdächtiger Kollege soll ruhig noch eine Weile in Unwissenheit schmoren, und so zeigte ich zur Ablenkung rasch aus dem Gangfenster hinaus in den Wiener Hochnebel und sagte zu Editha: „Scheußliches Wetter! Brrrr. Kalt.“ Die gute Frau erkannte meine Absicht und stieg sofort darauf ein: „Es ist zehn Uhr und finf Minuten. Hier ist die Wetteraussicht fir heitige Tag: Im Osten trib durch Hochnebel bei maximal zwei Grad. Nach Werbung große Hit von 80er Jahre, dann Frihstickspause.“

Cerny schlapfte an uns vorbei Richtung Kaffeeautomat und nickte uns im Vorbeigehen einen Morgengruß zu. Editha stopfte sich ihre Kopfhörer in die Ohren, startete den Staubsauger und zog pfeifend über den Gang. Tokio will nix kaufen Fabrik! Alles bleibt beim Alten. Ich jubilierte innerlich und schrieb im Überschwang der Gefühle eine Whats App an unseren jungen Hausgast Luki: „Zur Feier des Tages darfst du dir heute abend eine große Sushi-Platte bestellen!“ Er schrieb zurück: „Bin im Mathekurs. Welche Feier?“ Ich: „Vertrauliche Information vom ukrainischen Geheimdienst: Angriff der Japaner abgewehrt!“ Luki: „Nice. Aber darf ich auch Pizza? Ich hasse Sushi.“

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6 Kommentare zu „Lauschangriff“

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