Agentin mit Herz

Als Abteilungsleiter einer Fischkonservenfabrik ist es unerhört wichtig, über alle Vorgänge innerhalb des Betriebes bestens informiert zu sein. Essentiell, möchte ich behaupten. Normalerweise funktionieren die firmeninternen Buschtrommeln zwar recht gut, dringen jedoch selten bis in die oberen Etagen vor. Deshalb habe ich mich vor einiger Zeit der Dienste unserer hellhörigen, ukrainischen Reinigungsfachkraft Editha versichert. Sie hat Zugang zu allen Büros und Räumlichkeiten, inklusive Pfotenhauers Allerheiligstes, wo sie unbeachtet Papierkörbe leert, Staub von den Aktenschränken wischt und dabei vieles mitbekommt, was eigentlich nicht für Abteilungsleiter-Ohren bestimmt ist. Außerdem versteht Editha unsere Sprache viel besser, als ihr Fernseh-Radio-Deutsch vermuten lassen würde. In einem unbeobachteten Augenblick hatte ich die gute Frau also zur Seite genommen, und ihr mit verschwörerischem Augenzwinkern klargemacht, dass ich mich für vertrauliche Insider-Informationen aus der Chefetage und anderen Abteilungen durchaus erkenntlich zeigen würde.

Editha öffnete ein Fenster, zündete sich eine Zigarette an und blies den Rauch in die kalte Februarluft: „Im Geheimdienst Ihrer Majestät? Privatdetektive in Einsatz? Cheute-Nachrichten?“ „Kluges Mädchen“, sagte ich, „einfach Ohren offen halten und mir interessante Informationen erzählen. Vielleicht könnten Sie mich auch warnen, wenn Direktor Pfotenhauer unangekündigt auf Inspektionstour geht, das wäre sehr lieb!“ „Agentin mit Cherz?“ „Ja genau! Sind wir uns einig?“ Ich streckte ihr meine Rechte hin, auf dass Editha unser Geheimbündnis besiegeln möge. Sie hielt mir auch ihre Rechte hin und meinte lakonisch: „Bares fir Rares!“ Geschäftstüchtig sind sie, die Ukrainer.

Gestern machten sich Edithas Geheimdienste bezahlt, doch der Reihe nach: Für Österreich als Ski-Nation sind die derzeit laufenden Weltmeisterschaften in St. Moritz von enormer Bedeutung. Immerhin ist der alpine Skirennlauf eine der wenigen Sportarten, wo wir einigermaßen an der internationalen Spitze mitmischen können. Und so verfolgt jeder Österreicher, der nur einen Funken Nationalstolz besitzt, die Entscheidungen um Gold, Silber und Bronze mit klopfendem Herzen. Mein Kollege Dr. Jonas Cerny und ich saßen also gestern gegen 13:30 vor wichtig aussehenden Excel-Tabellen auf unseren Bildschirmen, verfolgten in Wahrheit jedoch die Super-Kombi der Herren via Smartphone und Kopfhörern. Unser Tausendsassa Marcel Hirscher lag nach der Abfahrt zwar fast aussichtslos zurück, ist aber immer für eine Überraschung gut, und der rot-weiß-rote Speed-Racer Romed Baumann lag vor dem Slalom sogar in Führung. Hochspannung pur war garantiert.

Just in diesem Augenblick stürmte Editha in unser Büro, ihr Alu-Wägelchen mit Putzutensilien polternd vor sich herschiebend. „Damen und Cherren!“ rief sie aufgeregt. „Wir unterbrechen Programm fir wichtiges Durchsage. Präsident Pfotenchauer kommt auf Staatsbesuch in Abteilung fir Heringfische! Kommt er mit First Lady Svetlana, was ist Shopping Queen. Ich gebe zurick in Studio!“ Und schon rauschte meine Agentin mit Herz wieder aus der Tür. Verdammt, ausgerechnet jetzt! Blitzschnell verstauten wir die Smartphones im Schreibtisch, Cerny klopfte sich noch rasch eine Handvoll Schuppen vom Sakko, da erschien auch schon Direktor Pfotenhauer. Begleitet wurde er tatsächlich von seiner Frau Svetlana, frisch blondiert und in einen abstoßenden, grau-weißen Pelzmantel gehüllt. Es war das erste Mal, dass sich die Angetraute des Chefs in unseren heiligen Fabrikshallen sehen ließ. Was das nun wieder zu bedeuten hatte? Mag. Erwin Pfotenhauer erklärte seiner Svetlana in groben Zügen die Aufgaben unserer Abteilung und fand so nebenbei sogar lobende Worte für meine innovative Idee der fischlosen Fischkonserve. Fünf Minuten später war der Spuk vorüber, Cerny und ich sahen uns fragend an. Dann gab ich vor, die Toilette aufzusuchen, und machte mich auf die Suche nach Editha. Da waren einige interessante Fragen zu klären.

Ach ja, es gab Silber für Österreich. Marcel Hirscher verpasste die Goldmedaille um nur 1/100 Sekunde.

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6 Kommentare zu „Agentin mit Herz“

  1. Lieber Herr Moser!
    Momentan läuft ja gerade das Teamrennen in St. Moritz, das hier auf der Alm natürlich niemand verpasst. Sollten Sie erneut von Ihrem Chef nebst Gattin von wichtigen Neuigkeiten abgehalten werden und Ihre Agentin mit Herz nicht zugegen sein, werde ich gerne den aktuellen Stand der Sportnews übermitteln. 🙂
    Herzliche Grüße
    Kuhmissar Mallybeau

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  2. 1/100-Sekunde ist gemein. Das ist so fies in einer Sportart, in der man sich Hals und Ohren brechen kann. Editha ist wirklich goldig. Jetzt überlege ich, wie ich unser Putzgeschwader für diese Zwecke nutzen kann. Das wird schwierig. Mein Problem ist, dass ich mit Müh und Not noch ein paar russische Brocken „hinwerfen“ kann, aber weder arabisch noch türkisch spreche. Unsere Putzfeen kommen aus dem nordafrikanischen Raum und der Türkei. Und leider lächeln sie immer nur vielsagend, wenn man sie anspricht und es kein Tagesgruß oder „bitte, danke“ ist.

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