Über den Holzpyjama

Am achten Tag erschuf Gott die Dialekte. Alle Völkchen waren glücklich.

Der Berliner sagte: „Icke hab nenn wahnsinns Dialekt, WA?“
Der Hanseate sagte: „Moin Dialekt ist dufte, NE!“
Der Kölner sagte: „Hey, du Jeck, mit Kölsch feiert man Karneval!“
Der Hesse sagte: „Babbel net, di Hessa babbeln des best Hochdeutsch!“
Der Sachse sagte: „Ja nu freilisch is äs Sächsisch klosse!“

Nur für den Wiener war kein Dialekt übrig. Da wurde der Wiener traurig, aber irgendwann sagte dann Gott: „Scheiss di ned au, Oida, dann redst hoid wia I!“

 Da mein Beitrag „Ein echter Wiener“ vom 3. Februar bei der Leserschaft sehr großen Anklang fand, möchte ich Sie heute wieder zu einer kleinen Entdeckungsreise durch die Poesie des Wiener Dialektes einladen. Weil der Wiener und der Tod seit jeher ein ganz besonderes Verhältnis zueinander haben, widme ich mich diesmal dem morbiden Thema „Tod und Sterben“. Böse Zungen sagen, der Tod selbst muss ein Wiener sein. Zärtlich wird dieser von den Wiener besungen und über ihn gescherzt. Nicht selten erklingt bei einem fröhlichen Gelage das altbekannte Wienerlied „Es wird a Wein sein, und mir wern nimmer sein…“. Und selbstverständlich haben wir Wiener auch höchst blumige Ausdrücke für das Sterben, die dem Tod mit etwas Augenzwinkern ein wenig von seinem Schrecken nehmen.

Er hat an Abgang gmacht – gemeint ist der endgültige Abgang von der Bühne des Lebens

Er hat die Patschn gstreckt – seine Patschn (Schuhe, Hausschuhe) wurden endgültig auf die Schuhstrecker gespannt

Er hat se ins Holzpyjama ghaut – er hat sich „den Sarg angezogen“, also in den Sarg gelegt

Er hat die Bock aufgstellt – Bock = Schuhe. Wenn ein Toter auf dem Rücken liegt, sind die Schuhe aufgestellt, berühren also mit der Sohle nicht mehr den Boden

Er hat an Wuaf angsagt – wenn man in Wien stolpert und hinfällt, dann hat man einen Wurf angesagt. Tote stehen eben nicht, sie fallen um

Er hat se d´Schleifn gebn – gemeint ist die Schleife am Kranz, die den Sarg ziert

Er is ois arme Sööö zum Petrus aufe gflogn – er ist als arme Seele zum Petrus raufgeflogen, also in den Himmel gekommen

Er hat se abelassen – der Sarg wird von den Totengräbern in die Grube runter gelassen

Er ist nachschaun gangen, ob da Deckel passt – er hat geprüft, ob der Deckel des Sarges wirklich passt

Wie sich all diese poetischen Dialektausdrücke für das Sterben harmonisch in ein Ganzes fügen, können Sie hier nachhören: Roland Neuwirth – Ein echtes Wienerlied. In Sachen letzter Ehre sind wir halt echte Profis.

Habe d´Ehre. Kommen Sie gut durch den Tag!

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17 Kommentare zu “Über den Holzpyjama”

  1. Lieber Herr Moser!
    Der Holzpyjama gefällt mir sehr gut.
    Auch wir Schwaben haben ein typisch geiziges Verhältnis zum Tod . Wenn jemand den Spruch äußert: „Umsonst ist nur der Tod!“ kommen wir mit der Antwort daher: „Selbscht der koschts Läba!“ 🙂
    Herzliche Grüße … und stolpern Sie nicht
    Mallybeau

    Gefällt 1 Person

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