Coffee to go

Gestern am Vormittag war ich auf Außendienst. Ein 10-Uhr-Termin bei einem unserer Großabnehmer, um die Konditionen für das neue Geschäftsjahr auszuhandeln. Reine Routine für einen alten Konservenfuchs wie mich. Als Pünktlichkeitsfanatiker gehöre ich zur Spezies der Lieber-zu-früh-als-zu-spät-Kommer, weshalb ich bereits um 9:35 den Wagen in unmittelbarer Nähe des Zielgebäudes abstellte. Ich überlegte, was ich mit dem kleinen Zeitpolster anfangen sollte, als mein Blick auf das grün-weiße Logo einer internationalen Coffeeshop-Kette fiel. Der Name tut hier nichts zur Sache, schließlich will ich kein Product Placement betreiben, nur so viel: Das weltumspannende Unternehmen mit Sitz in Seattle wählte seinen Namen in Anlehnung an den Steuermann Starbuck aus Hermann Melvilles Klassiker „Moby Dick“. Obgleich ich noch nie einen Fuß in eine dieser Filialen gesetzt hatte, erwachte in mir beim Anblick des signifikanten Firmenlogos augenblicklich der Wunsch nach einer guten, heißen Tasse Kaffee. Als leidenschaftlicher Wiener mit Traditionsbewusstsein bevorzuge ich normalerweise eines unserer alten, charmanten Kaffeehäuser, wo der grantige Ober einen speckigen, schwarzen Anzug mit Mascherl trägt und die bestellte Melange auf einem Silbertablett mit den Worten „Eine Melausch für Herrn Kommerzialrat, bittesehrbitteschön“ serviert.  Leider befand sich keine dieser Institutionen in meinem Blickfeld, also musste ich meine Koffein-Sucht beim sterilen Coffee-to-go-Dealer befriedigen.

Schon beim Betreten des Ladens erkannte mein geschultes Auge, dass ich es hier weniger mit einem Kaffeehaus als vielmehr mit einer durchorganisierten Kaffee- und Muffin-Ausgabestelle zu tun hatte. Natürlich Self Service. Das junge, studentisch aussehende Personal lächelte professionell und ich näherte mich vorsichtig dem riesigen Tresen. Ein mokkabraunes (sic!) Fräulein fragte nach meinen Wünschen. „Einen Kaffee bitte!“ Damit setzte ich eine Spirale in Gang, die kaum noch zu stoppen war.

„Und was darf es sein? Caffè Americano, Caramel Macchiato, Espresso con Panna, White Chocolate Mocca?“ Ich schluckte. „Ääähhh…“. Was zur Hölle wollte ich denn? Ich blickte hoch zu den vielen bunten Schautafeln über der Theke und meine Verwirrung wurde von Sekunde zu Sekunde größer. Ich fühlte mich unter Zugzwang, denn die Blicke der schwarz-grünen Kaffeefachkraft wirkten bereits ein wenig ungeduldig. „Moment bitte…. ich weiß nicht so recht…“ versuchte ich Zeit zu gewinnen, während ich meine Geschmacksknospen einer eindringlichen Gewissenserforschung unterzog. „Vielleicht einen Caffè Misto?“ Das Lächeln der jungen Dame sah schon ein bisschen gezwungen aus. Da mir Misto zu sehr nach Pizza klang, entschied ich mich schließlich für einen Vanilla Latte. „Normal oder Iced Vanilla?“ Darüber wollte ich gar nicht nachdenken und orderte Normal. Reines Bauchgefühl. „Mit Zucker oder Süßstoff?“ „Zucker bitte.“ „Weißer oder brauner?“ „Ganz gewöhnlicher Kristallzucker, weiß bitte. Danke.“ „Mit Koffein oder koffeinfrei?“ Langsam beschlich mich das Gefühl, ein Opfer der Versteckten Kamera zu sein. „Mit.“ „Möchten Sie normale Vollmilch, fettreduzierte Milch oder Sojamilch?“ Wollen die mich verarschen? Ich ging zum Gegenangriff über: „Ist die Sojamilch auch vegan?“ „Natürlich!“ „Keine tierischen Inhaltstoffe?“ „Nein.“ „Dann nehme ich die volle Kuhmilch.“ Meine Kaffeeberaterin verzog keine Miene. Hinter mir gab es erste Unmutsbekundungen aus dem wartenden Volk. Ich drehte mich um und rief: „Bin gleich fertig!“ Leider war die Thekenkraft anderer Meinung: „Tall, Grande oder Venti?“ „Wie bitte?“ „Tall, Grande oder Venti?“ Ich war kurz vorm Auszucken und rief aufs Geratewohl: „Venti! Und jetzt Avanti!“ „Möchten Sie etwas Süßes dazu? Muffin, Cupcake, Donut?“ „Geben Sie mir meinen Kaffee, sonst geschieht ein Unglück. Keine Fragen mehr!“ Wer denkt, dass mir nach diesem kriminalistischen Verhör-Marathon unverzüglich meine Bestellung ausgehändigt wurde, der irrt. Schließlich musste der Vanilla Latte meinen Wünschen entsprechend erst zubereitet werden. Die mokkabraune Mitarbeiterin dankte mir und schickte mich zum Ausgabe-Counter, wo bereits sechs oder sieben Mitbürger lechzend auf ihr Heißgetränk warteten.

Um 9:53 stand ich wieder auf der Straße, in der Hand einen Becher mit 592 ml (Venti bedeutet wohl so viel wie X-Large) koffeinhaltigem Kaffee mit Vanille-Flavor, weißem Zucker und geschäumter Kuh-Vollmilch. Wenn ich pünktlich zu meinem Termin erscheinen wollte, musste ich mich bereits sputen.  Aber wohin mit dem Rieseneimer Kaffee? Ich konnte bei unserem Kunden doch unmöglich mit dem Ding in der Hand auftauchen? Rasch nahm ich einen Schluck von dem heißen Gebräu, verbrannte mir die Zunge, fluchte laut und heftig, warf den Becher in den nächsten öffentlichen Abfalleimer und sprintete los.

Ich schaffte den Termin wie immer pünktlich. Aber eines kann ich Ihnen versprechen: Mein nächster Coffee-to-go kommt wieder von Heidi. Ohne Schnickschnack, ohne Fragen und direkt aus der Thermoskanne.

Foto: Starbucks

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21 Kommentare zu „Coffee to go“

  1. Lieber Herr Moser!

    Das klingt wie eine Geschichte aus einem Science-Fiction-Roman, wo Außerirdische mit kryptischen Lauten kommunizieren. Meine Hochachtung, dass Sie Ihren Kaffee so bravourös ergattert haben! Obwohl es mich ja schon interessieren würde, ob man beim Bestellen eines Kaffee Misto eine pürierte Pizza serviert bekommen hätte. 🙂

    Herzliche Grüße … zum Glück trinke ich Tee …
    Mallybeau

    Gefällt 2 Personen

  2. Mensch, und dabei dachte ich immer, ich wäre aus der DDR – dem Land der vielen Fragen – schon sehr viel gewöhnt!
    Oh mein Gott, ich glaube, ich wäre aus der – nicht mehr ganz taufrischen – Haut gefahren! 🙂

    DANKE für das Lachen (heute nach zwar einfachen Versen, dennoch wieder ein Genuss – ob meines Bedürfnisses nach Lachsalven und Glättung der Haut im Mundbereich …). 🙂 🙂

    Gefällt 1 Person

  3. Bei Subway kann man mit „Empfehlen Sie mir doch mal was“ ganz schön Bewegung in den Vorgang bringen. Nicht als Antwort auf die erste Frage, aber ab dann. 😉
    Bei der Postleitzahl-Frage frage ich nach, ob ich dann einen Preis bekomme für den, der am nächsten dran/am weitesten weg wohnt. Ernsthaft, manchmal sind die Antworten ganz interessant.
    Liebe Grüße
    Christiane

    Gefällt 1 Person

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