Alles Walzer!

Ehe ich Sie, liebe Leser, nach dieser ereignisreichen Woche in das wohlverdiente Wochenende entlasse, muss ich Ihnen noch rasch eine kleine Geschichte erzählen.

Gestern stand mit dem Wiener Opernball der alljährliche Höhepunkt der Ballsaison an – für Heidi und mich ein absoluter Pflichttermin. Die Staatsoper war festlich geschmückt, in feierliches Licht getaucht, der rote Teppich ausgerollt, und die Mosers legten ihre 1er Panier*) an. Während also die Spitzen der Gesellschaft, vom Bundespräsidenten über Hollywood-Größen bis hin zu Promi-Gynäkologen und Baumeistern, ihre mehr oder weniger prominenten Gesichter im Scheinwerferlicht badeten, nahmen wir daheim erste Reihe fußfrei vor dem Flachbildschirm Platz, köpften eine Flasche Schaumwein und naschten salzige Erdnüsse aus einem eleganten Kristallglas-Schälchen. Dankenswerterweise überträgt der ORF das kulturelle Highlight mit 19 Kameras, und schickt seine attraktivsten und geübtesten Kultur- und Gesellschaftsreporter ins bunte Walzertreiben, um in investigativen Interviews die letzten Geheimnisse aus den Stars zu kitzeln („How do you like the Vienna Opera Ball?“ „Ooohhh, it´s amazing! Beautiful! I love it so much!“).

Gebannt und ehrfürchtig verfolgten wir die künstlerischen Darbietungen der Opernsänger und Balletttänzer (ja, mit 3 t!),  erfuhren alles über die von Lagerfeld designten Krönchen der Debütantinnen, lästerten über geschmacklose Abendroben, die ungewollte Einblicke in faltige Dekoltées boten, und spähten in die Logen der feinen Herrschaften, wo Diamanten, Juwelen und Orden glitzerten. Die Übertragung des Opernballs dauert ja bis weit nach Mitternacht, und gegen 23 Uhr gähnte Adelheid: „Ich geh schlafen. Gute Nacht mein lieber Moser!“ Sie schälte sich aus ihrem aprikotfarbenen Spitzenkleid und schlüpfte in ein pistazienfarbiges Nachthemd. Heidi hat zweifellos eine Vorliebe für appetitanregende Farben. Dann hauchte sie mir ein Küsschen auf die Wange und entschwand ins Schlafzimmer im Obergeschoss. Ich hingegen war vom Ballfieber gepackt, leerte in kleinen Schlucken die restliche Sektflasche und amüsierte mich über Richard Lugner, der mit geröteten Backen seinem Stargast Goldie Hawn hinterher dackelte. Irgendwann schlief ich ein und schnarchte wohl im 3/4 Takt.

Um 5:58 erwachte ich in meiner 1er Panier auf der Couch. Schlaftrunken tapste ich nach oben, um mich meiner Klamotten zu entledigen, möglichst ohne Heidi zu wecken. Die Gute schläft ja meist bis 7:00. Eben wollte ich leise die Schlafzimmertüre öffnen, als diese wie von Geisterhand aufschwang. Meine Frau stand vor mir und stieß bei meinem Anblick einen markerschütternden Schrei aus. Es war wohl eine faustdicke Überraschung, dass da ein totenbleicher Mann mit dunklen Augenringen und wirren Haaren im Halbdunkel vor ihr stand. Außerdem tropfte mir noch etwas Nachtsabber aus dem Mundwinkel. In meinem verknitterten, schwarzen Anzug muss ich ausgesehen haben wie ein James-Bond-Zombie auf Rachefeldzug.  Da ich in den Nachtstunden auch ein wenig schreckhaft bin, erschreckte mich ihr Schrei dermaßen, dass ich selbst wie am Spieß zu schreien begann. Mein Blutdruck schnellte auf 200/110, Heidis Gesicht nahm die Farbe ihres Nachthemds an und sie zitterte am ganzen Leib pistaziengrün.

zombie

Es dauerte ein paar Minuten bis wir uns beruhigt hatten. Dann klingelte mein Handy. Es meldete sich Walter „Rotkäppchen“ Weinwurm, unser Nachbar von gegenüber, der als pensionierter Polizist freiwillig und ungefragt für Zucht und Ordnung in unserer Siedlung sorgt: „Moser, um Gottes Willen! Was ist passiert, ich habe laute Todesangstschreie gehört!? Soll ich das Überfallskommando alarmieren? Besteht Gefahr für Leib und Leben?“ Dazu muss man wissen, dass erst vor zwei Wochen ein gemeiner Einbruch, bei dem Schmuck und Bargeld entwendet wurden, für Aufregung in unserer Reihenhaus-Gemeinschaft gesorgt hatte. „Nein Herr Weinwurm“, beschwichtigte ich, „ich bin am Opernball eingeschlafen und eben erst heimgekommen. Adelheid hat mich wohl für einen Einbrecher gehalten…“

Doch von solch einfachen Erklärungen lässt sich unser „Blockwart“ nicht abhalten, seine Pflicht zu tun. Als ich um 8:30 das Haus Richtung Fischkonservenfabrik verließ, patrouillierte Rotkäppchen im militärischen Tarnanzug durch die Wohnanlage, eine Motorsäge im Anschlag. „Man kann nie wissen!“ rief er mir zu und schob sich die rote Schirmmütze in den Nacken. Lächelnd und kopfschüttelnd ging ich weiter. Es gibt ja so viele verrückte Typen auf der Welt. Gottseidank gehöre ich nicht dazu.

*) Als 1er Panier (sprich: Anser Panier) bezeichnet man in der Wiener Umgangssprache seine schönste und feinste Garderobe. Dazu stelle man sich den nackten Körper als rohes Kalbsschnitzel vor, welches nun durch Mehl, Ei und Semmelbrösel (vulgo Panier, Panade) eine gefällige und Genuss versprechende Hülle erhält. Der vorangestellte 1er verdeutlicht die Wertigkeit der Kleidung.

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15 Kommentare zu “Alles Walzer!”

  1. Lieber Herr Moser!

    Der Anblick sämtlicher Opernballbesucher gewälzt in frischer Panade, wie sie galant ihre Fleischkörper übers Parkett tänzeln lassen, würde mir schon gefallen. Naja, daraus wird wohl nichts werden. Aber wir haben ja noch Fasching 🙂

    Herzliche Grüße aus der Almmetzgerei
    Mallybeau

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