Versuchungen

Es war am verwichenen Sonntag und Heidi buk Buchteln. Ein unvergleichlicher Duft lag in der Luft, und als ich das flaumig zarte Hefegebäck in die warme Vanillesauce tunkte, seufzte ich glückselig: „Ach Heidi, wenn wir nicht schon verheiratet wären, würde ich sofort um deine Hand anhalten!“ Mein braves Weib beherrscht das Bäckerhandwerk vortrefflich und ich schwebte im siebten kulinarischen Himmel. „Lass es dir schmecken Moser“, lächelte sie, „denn diese Buchteln werden für lange Zeit die letzten sein.“ In meinen eben noch verträumten Augen wurden zwei riesige Fragezeichen sichtbar. Adelheid holte ein dicht beschriebenes Blatt Papier hervor, das mit Neujahrsvorsätze 2017 übertitelt war. „Du erinnerst dich bestimmt“, erläuterte sie in notariellem Tonfall, „Ab Aschermittwoch halten wir die 40tägige Fastenzeit bis Ostern ein – kein Zucker, keine Süßigkeiten, kein Gumpoldskirchner, Reduktion der Kohlenhydrate auf ein Minimum, dafür viel Gemüse und Salat.“ Diesen gravierenden Einschnitt in mein Leben hatte ich glatt verdrängt. Aber ein Moser, ein Wort. Wehmütig blickte ich auf meine bereits stark geschrumpfte Buchtel. „Ciao Amore“, flüsterte ich leise zu meinem süßen Schatz. „Wir sehen uns am Ostersonntag wieder, sei tapfer!“

Am gestrigen Aschermittwoch war es soweit. Anstatt frischer Semmeln, Butter, Marmelade und Gugelhupf lagen zwei Scheiben Eiweißbrot (50% weniger Kohlenhydrate!) auf meinem Teller, dazu gab es Tomaten-Basilikum-Aufstrich. Ich machte gute Miene zum kalorienarmen Spiel und rief Heidi, die meine Thermoskanne mit einem Kaffee-Sojamilch-Süßstoff-Gemisch betankte, fröhlich zu: „Wir schaffen das, locker! Ganz easy!“

Auf dem Weg zur Fabrik komme ich zwangsweise an der Bäckerei Fallnbügl vorbei. Ich warf aus reinem Interesse einen Blick in die Auslage, um zu sehen, mit welch süßen und furchtbar ungesunden Verführern das namensgebende Ehepaar ihre Kundschaft heute locken wollte. Wie in Trance versank ich in den Anblick von Punschkrapfen, Cremeschnitten und Erdbeerkuchen. Ich muss wohl schon ein paar Minuten in das Schaufenster gestarrt haben (zu meinen Füßen hatte sich bereits eine kleine Speichelpfütze gebildet), als die Chefin aus dem Laden kam, um eine handgeschriebene Tafel aufzuhängen: Heute frischer Apfelkuchen! Nur 2,50 €! Frau Fallnbügl wischte sich die Hände an ihrer gestärkten weißen Schürze ab und meinte: „Guten Morgen, Herr Moser! Kommen´S – da Opflkuchn is no warm!“ Rasch erwiderte ich: „Ich kann… ich darf… ich muss…. Ich hab es eilig. Auf Wiedersehen!“ und ergriff die Flucht. „Dann bis morgen!“ rief mir die gute Bäckersfrau hinterher. Attacke abgewehrt.

Der nächste Angriff auf meinen eisernen Willen erfolgte um die Mittagszeit und kam von meinem Kollegen Cerny. Obwohl ich ihn von unserem Fastenvorhaben in Kenntnis gesetzt hatte, wickelte er eine dicke Leberkäs-Semmel aus fettigem Butterbrotpapier, worauf sich ein köstlicher Duft im Büro entfaltete. Mir lief das Wasser im Mund zusammen, und das ist nicht nur bildlich gesprochen. Cerny nahm einen tüchtigen Bissen und mampfte mit vollen Backen: „Mmmmhhh, sücher Sempf und Pepeeoni…“ War das die Retourkutsche für meine originelle Cerny-Kostümierung beim Betriebsfasching? Verächtlich öffnete ich meine Tupperdose und machte mich über den von Heidi liebevoll zubereiteten Salat her. „Mmmmhhh, Kaotten und Papika…“ schwärmte ich vollmundig. Attacke abgewehrt.

Zum Abendessen hatte Adelheid gedünstete Putensteaks mit Broccoli gerichtet. Im Fernsehen tafelte eine illustre Runde ein Perfektes Dinner, bestehend aus Jakobsmuscheln auf Feldsalat mit Kartoffeldressing und Holunderbirne, anschließend ein Duo aus Rehrücken und Rinderfilet mit Kartoffel-Sellerie-Püree, und zum süßen Finale ein Schokoküchlein mit flüssigem Kern an Rotweinsauce. Widerlich diese Völlerei. Ich schaltete den Fernseher ab und schob meinen Teller zur Seite. Eigentlich hatte ich gar keinen Hunger.

Als ich gegen 23 Uhr mit Heidi in der ehelichen Bettstatt lag, knurrten sich unsere Mägen ein mürrisches „Gute Nacht!“ zu. Nach zwei Minuten gurgelte es leise winselnd aus Heidis Bauch: „Vielleicht nur ein kleines Schoko-Bananen-Röllchen? Nur eines??!“ Mein Magen knurrte zurück: „Führe uns nicht in Versuchung, Satan!“ Attacke abgewehrt.

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22 Kommentare zu „Versuchungen“

  1. Ich empfehle einen anderen Weg zur Fischfabrik! Täglich an einer österreichischen Bäckerei vorbei zu gehen, würde vermutlich den erprobtesten Asketen schwach werden lassen…sabber…
    Zumunternde Grüße aus dem Land mit der wohl lausigsten Backkunst

    Gefällt 2 Personen

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