Engelbert, Teil II

Mit 22 Jahren war ich immer noch unberührt. Gut, ich hatte jetzt eine eigene Wohnung und musste nicht mehr fürchten, dass mich Mama bei meinem Lieblingshobby überrascht. Befriedigend war die Situation jedoch in keiner Weise. Die Großstadt war kein Schlaraffenland, wo hübsche Frauen in Straßencafés saßen und mir aufreizend zulächelten. Im Gegenteil. Jeder und jede schien so mit sich selbst beschäftigt, so verschlossen, dass ich mir bald wie ein Außerirdischer auf einem fremden Planeten vorkam.

An einem Sonntagvormittag las ich wie üblich gelangweilt die Zeitung, überblätterte rasch den Teil mit den Kleinanzeigen, als mein Blick auf die fettgedruckte Überschrift KONTAKTE fiel. Natürlich! Was war ich doch für ein Idiot gewesen. Heutzutage lernt man sich über Zeitungsinserate kennen, dachte ich und mein unschuldiges Herz schlug etwas schneller. Mit Feuereifer machte ich mich über die Kontaktanzeigen her … und musste rasch erkennen, dass die hier inserierenden Damen wohl dem ältesten Gewerbe der Welt nachgingen. „Monika – Hausbesuche ohne Tabu“ hieß es da. Oder: „Reife Rubenslady besorgt es dir“.

Es war ein Sonntag der Erkenntnisse. Neugierig studierte ich jede einzelne Anzeige und merkte, wie der kleine Engelbert an die Hosentür klopfte, um sein Verlangen, endlich Bekanntschaft mit seinem weiblichen Gegenstück schließen zu dürfen, kundzutun. Warum eigentlich nicht? Die Sache würde zwar ein bisschen was kosten, aber Geld war das geringste Problem. Ich hatte ja außer Miete und Lebensmitteln kaum Ausgaben, und so blieb trotz meines bescheidenen Gehalts am Monatsende immer noch etwas übrig. Und das beste daran: Kein wochenlanges Kennenlernen, wo ich ohnehin nicht wusste, was ich sagen sollte. Kein Liebes-Chaos. Ich begann das Projekt „1. GV“, wie ich es im Stillen nannte, strategisch zu planen.

Zunächst musste ein neues Bett her, denn in dem quietschenden Klappergestell, das mein Vormieter zurückgelassen hatte, wollte ich meine Jungfernschaft keinesfalls verlieren. Zum Glück hatte vor wenigen Monaten ein schwedisches Selbstbedienungs-Möbelhaus am Stadtrand eröffnet, wo ganz nette Schlafstätten aus hellem Kiefernholz zu moderaten Preisen angeboten wurden. Mein Chef zeigte sich großzügig und ich durfte mir übers Wochenende einen alten Baumarkt-Lieferwagen leihen. Ganz kostenlos.

Schon am nächsten Samstagnachmittag konnte ich mit dem „kinderleichten“ (O-Ton des Verkäufers) Aufbau beginnen. Knapp fünf Stunden und hundert Flüche später stand „Nyvoll“ samt neuer Matratze und frisch bezogener Bettwäsche vor mir. Es sah toll aus und ich war stolz auf mich. Ich legte mich vorsichtig hinein, atmete den frischen Holzduft, und stellte mir vor, wie sich schon bald eine langbeinige Strapslady oder eine versaute Jaqueline um mich kümmern würde. Knapp fünf Minuten später war das Schwedenbett eingeweiht.

In den nächsten Tagen putzte ich die Wohnung auf Hochglanz, kaufte zwei Flaschen Sekt, gesalzene Erdnüsse und ein paar Kerzen. Und natürlich studierte ich aufmerksam und täglich die Seite mit den Kontaktanzeigen, um die richtige Dame für mein Projekt auszuwählen. Alle in die nähere Auswahl kommenden Inserate schnitt ich säuberlich aus und klebte sie auf ein Blatt Papier. Freitag sollte der große Tag sein, und so saß ich am Donnerstagabend vor 15 potenziellen, ganz unterschiedlichen Kandidatinnen. Ein Schlaraffenland, und die Wahl fiel schwer. Schließlich entschied ich mich für „Busenwunder OLGA erfüllt deine geheimsten Wünsche“. Meine Wünsche waren gar nicht so geheim, aber große Brüste konnten nicht schaden.

Freitagabend, kurz nach 20 Uhr, saß ich in meinem nach Putzmittel und Vanillekerzen duftenden Wohnzimmer und qualmte es mit Zigarettenrauch voll. Ich war elendig nervös und mein Darmtrakt spielte mir übel mit. In heißen Wellen überflutete mich der Drang, eine Entleerung vorzunehmen, doch das erschien mir ausgeschlossen. Jeden Augenblick konnte das zuvor telefonisch bestellte Busenwunder seine Aufwartung machen – und ich wollte nicht auf der Toilette sitzen, wenn es klingelnd Einlass begehrte. Von der Geruchsbelästigung ganz abgesehen. Also drehte ich ein paar Runden durch die Wohnung und inhalierte ein Nikotinstäbchen nach dem anderen. Eine Viertelstunde später ging „Projekt 1. GV“ in die finale Phase.

Olga war eine sehr üppige und sehr wasserstoffblonde Erscheinung. „Du bist Ängälberrrrt?“ begrüßte sie mich mit unüberhörbar osteuropäischem Akzent. Sie war etwa einen halben Kopf größer als ich, und soweit ich unter dem großzügig aufgetragenen Make Up erkennen konnte, wohl Mitte 40. Das alles entsprach zwar nicht unbedingt meinen Erwartungen, doch immerhin trug ihr Vorbau das Attribut „Wunder“ durchaus zu recht.

„Ein Glas Sekt?“

„Gärnä.“

Mein nervöser Magen quittierte den Empfang der Alkohol-Kohlensäure-Mischung mit einem laut hörbaren Gurgeln und Glucksen. Nun, in diesem Geschäft ist Zeit tatsächlich Geld. Also wechselte zunächst die vereinbarte Summe den Besitzer, ehe Olga mich aufforderte: „Komm, gähen wir Bätt!“.

Hier lag ich nun, mit offenem Hemd und freiem Unterkörper, während Olga mit professionellen Griffen versuchte, den schlaffen Aggregatzustand von Ängälberrrt junior zu verändern. Leider waren ihre Bemühungen nicht von Erfolg gekrönt, und das hatte mehrere Ursachen. Zum einen hatte sich die stattliche Russin (oder was immer sie war) inzwischen auch ihrer Kleider entledigt, was ein Paar haarige Waden, und mehr fleischliches Übergepäck als meiner Libido zuträglich war, zutage förderte. Außerdem gab „Nyvoll“ bei jeder Bewegung des Busenwunders ein sorgenvolles Ächzen von sich. Zum anderen waren meine Eingeweide noch immer in Aufruhr, und ich brauchte meine volle Konzentration, um nicht unabsichtlich eine Flatulenz in die Freiheit zu entlassen. All dies wollte beim kleinen Engelbert so gar keine erotische Stimmung aufkommen lassen.

Doch Olga, Profi durch und durch, ließ sich nichts anmerken. Unbeirrt setzte sie ihre Bemühungen fort…. und siehe da: wenige Minuten später gehorchte mein sonst so treuer Gefährte doch noch dem Ruf der Natur. Kaum hatte mein kleiner Soldat Haltung angenommen, wollte meine Besucherin die Gunst der Minute nützen und erklomm schwungvoll den Damensattel. Doch meine frisch zusammengeschraubte schwedische Bettstatt war nun endgültig überfordert. Ob es nun an meinen handwerklichen Fähigkeiten oder am Körpereinsatz der Liebesdienerin lag, sei dahingestellt – jedenfalls brach „Nyvoll“ in diesem Moment mit lautem Getöse splitternd in sich zusammen. Und damit fiel auch der von Olga in mühsamer Handarbeit errichtete Turm wie ein Fabrikschlot bei der Sprengung um.

So endete dieses Liebesabenteuer ebenfalls im Chaos. Beim Zusammenbruch des Bettes rammte sich die Olga einen XL-Holzsplitter in den fleischigen Unterarm, fluchte lautstark in ihrer Muttersprache und sprenkelte mit Blutstropfen mein blütenweißes Laken. Während ich erschrocken aufsprang, um Heftpflaster aus dem Badezimmer zu holen, entfleuchte der lange zurückgehaltene Darmwind mit Pauken und Trompeten. An meine Entjungferung war nicht mehr zu denken. Das Busenwunder flüchtete, notdürftig verarztet, Hals über Kopf aus meiner Wohnung. Ich stand vor den Trümmern von „Nyvoll“ und meines Liebeslebens. Und dachte über die Anschaffung einer aufblasbaren Sexpuppe nach.

Advertisements

10 Kommentare zu „Engelbert, Teil II“

  1. Ich kann einfach nicht anders, als wieder herzlich lachen.
    Ganz ehrlich: Auch, wie Du das Ängelbertchen (piiiiiieeeeep) beschreibst, ist der Knaller!
    Das zeige ich morgen meinem Mann. Also, ich meine Deine Geschichte hier 😂😂😂😂😂.
    Der ist kein Kostverächter. Guter, auch SOLCHER Geschichten.

    Danke, Herr Moser.
    Und mit dem Gelächter muss ich nu ins Bette! 😂😂😂😂😂😂

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s