Not macht erfinderisch

Es war Sonntagmorgen, mein Smartphone zeigte 08:10, leicht bewölkt bei 5° C.  Ich stand, noch im Pyjama, in der Küche und bestrich zwei Scheiben Dinkelbrot mit einem Aufstrich aus roten Indianerbohnen, schnitt einen knallroten Paradeiser in mundgerechte Happen und salzte sie aus der Mühle. Meine liebe Heidi schlief noch den Schlaf der Gerechten und ich wollte sie mit einem kleinen Fastenfrühstück überraschen. Wir sind ja seit Aschermittwoch auf Diät – kein Zucker, kein Kuchen, kein weißes Mehl und so Kram, Sie wissen schon. Liebevoll dekorierte ich die gesunden Brote mit hellgrünen Selleriestangen und träumte von Apfelkuchen mit Schlagobers. In diesem Moment läutete es an der Tür. Morgendlicher Besuch am Tag des Herrn?

Vor mir stand eine freudlos wirkende Dame in den Vierzigern, das Haar von grauen Strähnen durchzogen, die braunen Schuhe abgetreten, die dunkle, schmucklose Winterjacke zeigte an den Ärmeln starke Abnutzungserscheinungen. Begleitet wurde sie von einem etwa 14-jährigen blassen Jüngling, der Druckwerke mit dem Titel Erwachet! und Der Wachtturm in Händen hielt. Wie hießen die gleich noch mal? Scientology? Adventisten? Zeugen Jehovas? Egal. „Würden Sie nicht auch gerne in einer Welt voller Frieden leben?“ frug die graue Frau mit gezwungenem Lächeln. Ich dachte an eine Welt ohne Erwin und Svetlana Pfotenhauer, ohne Cerny, an friedliche Sonntage ohne lästige Sektenbesuche… und ohne Diäten. Ich nickte und leckte mir etwas Indianerbohnenaufstrich vom Finger. Der Junge zitierte einen Psalm aus der Bibel, in dem die Bösen in einer Weile nicht mehr sein und die Sanftmütigen die Erde besitzen werden. „Glauben Sie an Gott?“ Ich hatte in diesem Moment jedoch nur Bock auf Kuchen und ich beschloss, die Missionare für meine Zwecke einzuspannen. Also schnappte ich mir einen Zwanziger von der Kommode, drückte ihn dem dünnen, stimmbrüchigen Buben in die Hand und sagte in verschwörerischem Ton: „Gleich da vorne, rechts neben dem großen Parkplatz, ist eine Bäckerei, die sonntags geöffnet hat. Besorgt uns vier Stück Streuselkuchen, dann frühstücken wir gemeinsam und können über alles reden.“ „Auch über Gott?“ wollte die Frau wissen. Mit den Worten „Na klar, Wechselgeld nicht vergessen, sonst kommt ihr in die Hölle! Bis gleich.“ schloss ich die Tür.

Tatsächlich klingelten die zwei Zeugen knapp zehn Minuten später wieder. Sie hatten an diesem Sonntagmorgen wohl auch Lust auf Süßes, überreichten mir mit klammen Fingern eine Pappschachtel mit dem Kuchen und 7 Euro 80 Wechselgeld. „Vergelt´s Gott!“ bedankte ich mich. „Dürfen wir jetzt reinkommen?“ Ich drückte Mutter und Sohn je ein Stück Apfel-Streuselkuchen aus dem Karton in die Hand und sagte bedauernd: „Tut mir leid, aber meine Frau ist Muslima und hat mir den Umgang mit Ihrer Sekte verboten. Auf Wiedersehen!“

In der Küche zerriss ich die Schachtel in kleine Fetzen und versteckte sie im Mistkübel ganz unten. Den duftenden Apfelkuchen richtete ich auf zwei hübschen, blumenverzierten Porzellantellern an. Kurz darauf kam Heidi in einem kirschroten Morgenmantel die Treppe herunter. „Hat es da eben an der Tür geläutet?“ „Ja, stell dir vor“, erzählte ich, „eine gewisse Anna Fromm und ihr Sohn Jakob waren hier. Sie ziehen demnächst in unserer Siedlung ein und haben uns als nachbarschaftliches Gastgeschenk selbstgemachten Apfelkuchen vorbeigebracht!“ „Das ist aber nett“, freute sich Adelheid über so viel Gastfreundschaft. „Dann machen wir heute eine Ausnahme und frühstücken Kuchen – wäre ja sonst unhöflich, wenn sie sich schon so viel Mühe gemacht hat!“ Ich nickte zustimmend. Wenn der Zuckerspiegel im Keller ist, heiligt der Zweck eben die Mittel.

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32 Kommentare zu “Not macht erfinderisch”

  1. Lieber Herr Moser!

    Da haben Sie ja einige Tricks auf Lager. Noch scheint Ihre werte Adelheid wohl nichts gemerkt zu haben. Aber spätestens wenn sie realisiert, dass keine Anna Fromm nebst Jakob in der Nachbarschaft eingezogen ist, dürfte der Haussegen schief hängen, oder? 🙂
    Herzliche Grüße und guten Appetit
    Mallybeau

    Gefällt 3 Personen

  2. großartig 🙂 🙂 🙂
    Gern hätte ich noch ein Bild der beiden gesehen, wie sie mit dumpfen Augen die Tür anglotzen, die sie ihnen gerade, die duftenden Kuchenstücke in der Hand, vor der Nase zugeschlagen haben. Köstlich.

    Gefällt 1 Person

  3. Interessant, dass du mit Lügen so weit kommst. Die stabilsten Partnerschaften und Ehen basieren eigentlich auf Ehrlichkeit. Wenn deine Religion auch die Bibel als Grundlage hat, solltest du das wissen.

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