Der rosa Elefant

Gestern war es wieder soweit. Heidi nahm unseren tomatenroten Flitzer für schwerwiegende Besorgungen in Beschlag (Blumenerde, neuer Spaten, diverse Blumentöpfe, Holzlatten, Farben, Pinsel – schließlich steht der Frühling vor der Gartentür), und ich musste für meinen Weg zur und von der Fabrik auf öffentliche Verkehrsmittel ausweichen.

Auf dem Heimweg in der U-Bahn kramte ich mein aktuelles Buch aus der Aktentasche („Elefant“ von Martin Suter, Diogenes Verlag) und vertiefte mich in die amüsante und interessante Geschichte. Mir gegenüber saß ein Pärchen, schätzungsweise Ende 30, und führte ein Gespräch, das meine Aufmerksamkeit alsbald mehr fesselte als der winzige, leuchtende rosa Elefant. Es entspann sich folgender Dialog:

Er: Lass uns das Thema wechseln. – Sie: Welches Thema? – Er: Keine Ahnung. Aber ein anderes Thema wäre mir lieber. – Sie: Nein, du wirst dich jetzt damit auseinandersetzen! – Er: Womit? – Sie: Das weißt du ganz genau. Hörst du mir eigentlich nie zu? – Er: Klar höre ich dir zu! – Sie: Dann würde mich dein Standpunkt dazu interessieren. – Er: Ääähhh… naja, man kann die Sache so oder so sehen. – Sie: Das nennst du einen Standpunkt? – Er: Nicht direkt, aber worum geht es überhaupt? – Sie: Na toll, typisch!

Das klang sehr vielversprechend und ich hoffte, dass die beiden nicht zu früh aussteigen. Nach kurzem Schweigen nahm der Kerl mit 5-Tagesbart und Rossschwanzfrisur das Gespräch wieder auf.

Er: Geht es um meinen Alkoholkonsum? – Sie: Nein. – Er: Dass ich oft zu wenig aufmerksam bin? – Sie: Nein. – Er: Also geht´s ums Kinderkriegen?! – Sie: Nein! Aber wenn du schon davon anfängst, wir sollten mal darüber reden.

Ich wurde von einem kurzen, aber heftigen Lachkrampf gebeutelt. Das Pärchen sah mich missbilligend an. Entschuldigend zuckte ich mit den Achseln und deutete auf das Buch: „Ein rosa Elefant, stellen Sie sich vor! Urkomisch! Nicht zu fassen, was sich diese Autoren alles ausdenken.“ Zum Schein versenkte ich mich wieder in meine Lektüre.

Er: Du hast mit deinen Freundinnen gesprochen? – Sie: Ja, zufällig. Und jetzt fängst du auch noch davon an. Das ist doch ein Zeichen, oder? – Er: Ich dachte, wir wollten uns noch ein wenig Zeit lassen. – Sie: Du hast doch damit angefangen. – Er: Eigentlich nicht… – Sie: Außerdem, viel Zeit ist ja nicht mehr. Ich bin jetzt… – Er: Ich weiß wie alt du bist. – Sie: Immerhin.

Kichernd prustete ich los, es gab kein Halten mehr. Das war großes Kino, und als sich meine Haltestelle näherte, fasste ich den Entschluss, einen kleinen Umweg zu nehmen und die beiden noch ein Stück des Weges zu begleiten. In der heutigen Zeit interessieren sich die Menschen ja kaum noch füreinander und ich wollte bei dieser Unart nicht mitmachen. Glucksend stammelte ich: „Der rosa Mini-Elefant leuchtet im Dunkeln!“ Das Pärchen wandte sich kopfschüttelnd wieder einander zu.

Er: Weißt du überhaupt, was so ein Kind kostet?! – Sie: Das zahlt der Staat. – Er: Welcher Staat? – Sie: Eventuell müssten wir umziehen. – Er: Also Kinder liegen mir irgendwie nicht. Ich hab eigentlich nur Spaß an Sachen, die ich richtig gut kann. – Sie: Ich dachte, dir gefällt unser Sex? – Er: Wie meinst du das? – Sie: Ach, das gehört jetzt nicht hierher. – Er: Was bitte ist nicht in Ordnung mit unserem Sex?! – Sie: Nichts. – Er: Gut, lassen wir das Sexthema.

Sofort rief ich: „Ich höre überhaupt nicht zu, keine Angst! Außerdem interessiert mich dieses ganze Sexzeug gar nicht. Ehrlich. Ich lese nur mein Buch!“ Doch die beiden schienen mir nicht zu glauben und verfielen in eisiges Schweigen. Schade.

Bei der nächsten Haltestelle stieg ich aus. Ich war zwar spät dran, denn Heidi wartete daheim mit dem Abendessen. Es sollte gedünsteten Heilbutt mit Linsen geben, ich hatte es also nicht besonders eilig. So schlenderte ich, in Gedanken noch ganz bei den letzten Minuten in der U-Bahn, zur nächsten Bus-Station. Dabei touchierte ich geistesabwesend einen Laternenpfahl und holte mir eine kleine Beule. Aber das geschah mir wahrscheinlich recht. Wenn ich Ihnen sage, Sie sollen NICHT an einen rosa Elefanten denken, woran denken Sie? Eben.

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6 Kommentare zu „Der rosa Elefant“

  1. Heilbutt mit Linsen, soso. 😉
    Die besten Geschichten schreibt das Leben, oder? Ich habe mir auch schon überlegt, wenn das Wetter so bescheiden bleibt, einfach mal den Öffentlichen Personennahverkehr zu benutzen, statt in Straßencafés einzukehren. Bei schlechtem Wetter sitzen da eh nur Mathilde, Ottilie, Marie und Liliane (kennt Ihr nicht? Aber bitte mit Sahne …). Das ist nur bedingt unterhaltsam. Bus, Straßen- und U-Bahn sind da ergiebiger.

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