Die Schimmelreiter

Es war schon vor geraumer Zeit, als mich meine brave Adelheid mit einem markerschütternden Schrei aus den nachmittäglichen Sonntagsträumen holte: „Schiiiiiiimmel!“ Und Sie können mir glauben – mit diesem Ausdruck des Entsetzens und in dieser Tonlage meinte sie gewiss nicht ein anmutiges, weißes Pferdchen. Ich rappelte mich auf und folgte dem Schimmel-Schrei. Heidi stand schreckensbleich in der Küche und wies mit zitterndem Zeigefinger auf ein dunkles Muster, das sich in Bodennähe von der Glastür hinter die Küchenschränke schlängelte. „Moser, Schi… Schi… Schimmel!!“ stammelte sie. Dazu muss man wissen, dass meine liebe Frau panische Angst vor Schimmelpilzen, Bakterien, Keimen und verdorbenen Lebensmitteln hat. Wenn ich zum Frühstück ein wenig Erdbeerjoghurt löffle und den angebrochenen Becher zurück in den Kühlschrank stelle, kann ich sicher sein, dass er spätestens zu Mittag im Müll landet. Alles, was nicht mehr originalverpackt ist, wird misstrauisch beäugt: „Ist das noch gut?“ Heidi lebt nach der Devise „Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste“ und ein nicht gänzlich durchgebratenes Stück Fleisch ist für sie gleichbedeutend mit Salmonellen, Campylobacter-Bakterien und Magen-Darm-Infektionen. Hygiene wird in unserem beschaulichen Reihenhäuschen also sehr groß geschrieben, und das nicht nur in der Küche. Es verwundert daher nicht, dass Adelheid angesichts des schwarzen Schimmels, der nun auf der Küchenwand graste, leicht hysterisch wurde: „Das kann doch nicht sein. Ich putze und lüfte doch regelmäßig!“

Ich flößte ihr einen Teelöffel Baldrian ein, legte sie auf die Couch, lagerte die Beine hoch und googelte, mit welchen Waffen man den Feind bekämpfen kann. Tags darauf besorgte ich Brennspiritus, Wasserstoffperoxid und Isopropylalkohl und wir rückten dem Schimmel mit Bürsten, Schwämmen und Tüchern auf den Pelz. Er zeigte sich davon unbeeindruckt. Heidi rief die zuständige Hausverwaltung an, meldete unser Problem mit eindringlichen Worten und wies auch nachdrücklich auf die Gesundheitsgefährdung hin: „Hören Sie, die Sporen in der Luft greifen unsere Schleimhäute an, und das Immunsystem!! Und das Nervensystem! Schicken Sie umgehend jemanden vorbei, sonst gehen wir hier drauf!“ Die Hausverwaltung versprach, sich so rasch wie möglich darum zu kümmern.

Bereits drei Wochen später tauchten zwei Experten auf, nahmen unsere Wände und Mauern unter die Lupe, schüttelten die Köpfe, trugen irgendwelche Zahlen in Tabellen und Formulare ein, machten geschäftig mit Messgeräten herum und schüttelten wieder die Köpfe. Die Prozedur zog sich über zwei Stunden, bis Heidi schließlich Aufklärung begehrte: „Was ist denn nun?“ Der ältere Experte studierte seine Aufzeichnungen und meinte dann bedächtig: „Aspergillus niger. Schwarzer Schimmel. In der Küche.“ Ich zollte der Diagnose verhaltenen Applaus und der Schimmelspezialist fuhr fort: „Allerdings lässt sich der Ursprung nicht genau feststellen. Vielleicht von innen, möglicherweise auch von außen. Wir werden die Küchenzeile und die Schränke abbauen und nachsehen, wie die Sache dahinter aussieht.“ Heidi schnappte nach Luft. „Unsere Tischler und Bauexperten werden sich wegen eines Termins mit Ihnen in Verbindung setzen.“

Keine zwei Wochen später rief eine Firma Fux an, und kündigte ihr Kommen für den nächsten Tag um 7:00 früh an. Wir sollten inzwischen alle Küchenschränke leerräumen. In einer Nacht- und Nebelaktion packten wir Geschirr, Töpfe, Backformen, längst verschollen geglaubte Küchengeräte und zwei riesige Laden mit diversem Krimskrams in alte Kartons, auf dem Esstisch landeten geschätzte 3 Kilo Besteck und Dutzende Döschen mit Gewürzen aus aller Welt. Pünktlich am nächsten Morgen klingelten die Handwerker und begannen, die rechte Seite unserer schönen Einbauküche zu demontieren. Die linke Seite mit Herd blieb gottlob intakt. Ich hatte mir für diesen Tag frei genommen, um Heidi seelischen Beistand zu leisten. Gegen 9:00 verschwanden die zwei Herren mit den Worten „Frühstückspause!“, kehrten aber bereits um 9:45 wieder zurück. Mittags stapelten sich unsere zerlegten Schränke im Wohnzimmer. „Chef!“ rief der schnauzbärtige Handwerker mit türkischem Migrationshintergrund aus der Küche. „Guckst du! Schimmel nicht schlimm. Nur zwa Meta (zwei Meter – Anm.) bis hier.  Kommt Maler, macht weg und streicht mit Spezialfarbe. Dann Schimmel weg!“

Weitere zehn Tage später kam ein junger, schweigsamer Bursche, machte weg Schimmel und strich mit Spezialfarbe. Dann schulterte er seine Tasche und wollte mit einem saloppen „Wiederschaun!“ verschwinden. Blitzartig versperrte ihm Heidi den Weg: „Halt! Wer baut unsere Küche wieder auf??!!!“ Der Maler zuckte die Schultern und meinte: „Die Firma Fux meldet sich“, und schlüpfte an Adelheid vorbei in die Freiheit.

Seit der Entdeckung des Schimmels sind gut und gerne acht Wochen vergangen. Acht Wochen, in denen wir zwischen Brettern, Laden, Gewürzdöschen und demontierten Schranktüren hausten. Doch gestern war es soweit: Die zwei Handwerker der Firma Fux marschierten um 7:00 morgens in unserer Küche ein und begannen mit dem Wiederaufbau. Es wurde gehämmert, gebohrt, geflucht, aber nach sechs Stunden (abzüglich 45 Minuten Frühstückspause) hatten wir unsere Küche wieder. Schimmelfrei. „Musst du immer gut lüften!“ sagte der türkische Zimmermann beim Abschied zu Heidi und zwinkerte mit dem rechten Auge. „Mach ich“, antwortete sie und ließ den bereit gehaltenen Zehner Trinkgeld unauffällig wieder in ihrer Hosentasche verschwinden.

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20 Kommentare zu „Die Schimmelreiter“

  1. Oh nee, da hätte die liebe Gattin bei uns wohl schon einen Herzinfarkt erlitten. Wir haben Offensichtlichkeitsschimmel in drei Räumen, denen wir jedoch baldigst den Rücken nebst dazugehörigen, weiteren Körperteilen kehren. 😂

    Jedenfalls wieder eine kurzweilige Beschreibung einer langwierigen Angelegenheit 😀.

    Beste Grüße

    Gefällt 3 Personen

  2. Ernstes Thema, aber wirklich herrlich geschrieben. 🙂 Wir hatten in unserer letzten Wohnung auch ein Schimmelproblem, Ecke Wohnzimmer oben. Ergebnis: Wir waren natürlich Schuld! „Ordentlich lüften und heizen“, wurde uns mitgeteilt von der Hausverwaltung. Das haben wir natürlich vorher schon gemacht, zwischendurch mit 100% Alkohol den Schimmel abgewischt … Letzten Endes haben wir uns dann eine neue Wohnung gesucht, zum Glück ohne Schimmel.

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