Nahverkehr

Heftige Schneefälle sind in diesem aufkeimenden Frühjahr nicht mehr zu erwarten, und wir konnten bei der Werkstatt unseres Vertrauens kurzfristig noch einen Termin ergattern, um die Prozedur des Reifenwechsels von Winter auf Sommer in professionelle Hände zu legen. Entspannt ließ ich mich heute früh vom Postbus Richtung U-Bahn kutschieren, um pünktlich meinen Dienst in der Fischkonservenfabrik anzutreten. Kein Stress, kein Stau, keine verrückten, hupenden Autofahrer, keine Verkehrskontrollen. Gemütlich rollten wir auf der Busspur dahin, alles war friedlich. Eine feine Sache, dieser öffentliche Nahverkehr.

Die schweinslederne Aktentasche auf den Knien checkte ich am Smartphone ganz lässig meinen E-Mail Posteingang. Lächelnd las ich die zahlreichen Glückwünsche diverser Glücksspielunternehmen, die mir zum Gewinn vieler Millionen Euro gratulierten (Moser, Du hast gewonnen!), ein halbes Dutzend Bank- und Kreditinstitute hatte von meinem neuen Reichtum offenbar noch nichts mitbekommen, denn sie boten mir Rundum-Sorglos-Kredite zu sensationellen Konditionen an. Aber wenn ich nicht wüsste, wohin mit dem ganzen Geld, könnte ich umweltfreundlich in Windkraft investieren. Die Welt liebt mich, denn ich wurde außerdem mit zahllosen Rabatten und Sonderangeboten förmlich überschüttet: 10% Frühlingsrabatt auf Gartenmöbel, 20% auf die Düfte des Frühlings, minus 15% auf jedes Paar neue Schuhe und gar 30,- Euro Gutschrift in einem bekannten Elektronikmarkt (bei einem Einkauf ab 290,- Euro). Ich könnte kostenlos und gänzlich unverbindlich den neuen Mini Countryman probefahren, Amazon legte mir den Kauf der neuesten Romane meiner Lieblingsautoren nahe, und eine brandneue Glukose-App wollte meinen Zuckerspiegel im Auge behalten, meiner Gesundheit zuliebe.

Verzückt und dankbar studierte ich die wundervollen, selbstlosen Angebote der seriösen Unternehmen, als bei der Walzwerkstraße ein junger Mann zustieg und die idyllische Ruhe im Bus zerstörte. Er war sicher noch keine 30, konnte aber bereits drei markante Zahnlücken vorweisen, die langen Haare hingen in fettigen Strähnen auf die Schultern. Am Bund seiner fleckigen, weiten  Militärhose trug er eine dickgliedrige Kette, an der ein Flaschenöffner, ein Taschenmesser und ein gewaltiger Schlüsselbund baumelten. Begleitet wurde der auffällige Bursche von einem etwas verwahrlost wirkenden Schäferhund mit traurigem Blick. Er ließ sich auf eine freie Sitzbank mir gegenüber fallen, das Tier forderte er mit „Platz, Rambo!“ auf, es sich gemütlich zu machen. Dann fischte er ein Handy aus einer der zahlreichen, seitlich applizierten Hosentaschen und begann so ungeniert und lautstark zu telefonieren, als befände er sich in seinem Wohnzimmer.

„Serwas Peda, kummst du eh a heit auf d´Nocht zum Charlie?“ (Servus Peter, kommst du heute Abend auch zu Karl?) „Naaa, de Renate is im Oasch, i kumm alaa…“ (Nein, Renate geht es nicht so gut, ich werde alleine kommen…) „Owa i bring an Doppler Rodn mit!“ (Aber ich bring zwei Liter Rotwein mit!). Jeder im Bus wurde ungewollt Ohrenzeuge dieses unappetitlichen Gespräches im breitesten Wiener Slang. Ich wollte gerade eine E-Mail mit dem verheißungsvollen Titel „Letzte Chance!“ öffnen, aber meine Konzentration war dahin. Also beendete ich das Mailprogramm und sah rüber zu Rambo, der sich hechelnd am schmutzigen Busboden niedergelassen hatte. „Na, du?“ flüsterte ich ihm tröstend zu. Rambo begann leise zu knurren und richtete sich auf. Immerhin weiß ich, dass man Hunde niemals merken lassen darf, dass man Angst hat. „Hör mal Hund, ich hab keine Angst!“ rief ich ihm halblaut zu. Rambo spitzte die Ohren, aus seinem mageren, räudigen Körper drang ein tiefes Grollen.

Der junge Mann mit den Zahnlücken ließ sein Handy sinken und bellte mich an: „Heast, G´schisserna! Wos is mit dir? Loss mein Hund in Ruah, sunst muass i da leida ane betonieren!“ (Hör mal, du Kackwurst! Was ist los mit dir? Würden Sie bitte meinen Hund nicht belästigen, sonst muss ich Ihnen die Zähne einschlagen!) In Panik rief ich: „Hunde müssen in öffentlichen Verkehrsmitteln einen Beißkorb tragen!“ Zahnlücke entgegnete: „Oida, bist wo augrennt? Schleich di, oba dalli!“ (Alter, bist du wo gegen gelaufen? Verschwinde, aber schnell!) In diesem Moment erreichten wir die nächste Haltestelle und ich stieg aus. Drei Stationen zu früh.

Ich musste acht Minuten auf den nächsten Bus, der mich zur U-Bahn bringt, warten. Ich nutzte die Wartezeit und rief bei unserer Werkstatt an: „Meister, wird der Wagen für Moser noch heute fertig? Ja, die Sommerreifen. Erst morgen Vormittag? Hören Sie, ich brauch das Auto aber dringend! Ich lege einen Fünfziger drauf, wenn ich ihn heute um 17:30 abholen kann! Ja? Fein! Bis später!“ Stau hin, Stress her – es geht eben nichts über ein eigenes Auto.

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14 Kommentare zu „Nahverkehr“

  1. Spitze! Die Übersetzung hätte ich persönlich nicht gebraucht 🙂 aber die Geschichte ist eine echte Wien-Geschichte. Ich fahre ausschließlich mit Kopfhörern U-Bahn. So kann ich Podcasts hören und Mails und Fotos bearbeiten. Klappt sehr gut.

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  2. Die Übersetzungen hätte ich persönlich auch nicht gebraucht, um dem Text zu folgen (wenn man das halblaut liest, versteht man es besser als beim stillen Lesen, auch wenn man die Melodie des Wiener Dialekts nicht beherrscht), aber ohne die Übersetzungen wäre der Spaß nur halb so groß gewesen. Großartig, Herr Moser! Ich bin auch ein Fan des Do-it-yourself-Personennahverkehrs. 😉

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