Discofieber

Seit Tagen steht meine liebe Frau Adelheid seufzend vor ihrem Kleiderschrank und jammert: „Was soll ich nur anziehen? Disco. Hmmm. Siebziger. Hmmm. Verdammt! Retro Style. Ich hab nichts Passendes. Moser, was soll ich anziehen? Hilf mir!“ Heute Abend gehen Heidi und ihre Spießgesellinnen, allen voran ihre tanzwütige Freundin Uschimaus, nämlich zu einer 70er Jahre Disconacht in einem Wiener Nachtclub. Ich kramte in meiner Schachtel mit Jugenderinnerungen und förderte einen Atomkraft Nein Danke! Anstecker zutage: „Wie wäre es damit?“ Heidi zeigte mir den Vogel. Auch von meinem breiten Ledergürtel mit Batman-Silberschnalle wollte sie unverständlicherweise nichts wissen, obwohl mir dieses coole Superhelden-Accessoire zu einigem Ansehen in der dritten Klasse Gymnasium verholfen hatte. „Das ist 70er pur, ein echtes Original!“ pries ich meinen Gürtel an, doch ihr schwebte offenbar anderes vor. Langer Rede, kurzer Sinn: Ich steckte Heidi einen Fünfziger zu, um ihr Discofieber klamottentechnisch zu kurieren. Und so wird Frau Moser heute Abend in einem paillettenbestickten Shirt (Dance!), einer zeitlosen Blue Jeans und Plateauschuhen aus dem Second-Hand-Laden die Tanzfläche unsicher machen.

Ich selbst kann dem Tanzen nichts abgewinnen. Für seriöse Schrittabfolgen fehlen mir jegliches Talent und Rhythmusgefühl, beim Freestyle-Zappeln komme ich mir lächerlich vor. Es muss wohl Anfang der 80er Jahre gewesen sein, als ich zum bislang letzten Mal eine Disco von innen gesehen habe. Eine unvergessliche Nacht. Damals verbrachte ich den Sommerurlaub mit zwei Freunden auf Mallorca. Nach einem ausgiebigen Sonnentag am Strand und einer dubiosen Touristen-Paella folgten wir dem Ruf eines pinken Neon-Flamingos, um die Damenwelt in der Disco „Paradise Beach“ zu erobern. Meine beiden Freunde kamen auch rasch ins Gespräch mit zwei schwedisch aussehenden Mädels, spendierten Barcadi-Cola und wiegten sich bald darauf zu Donna Summers „Love to love you Baby“ unter der Discokugel. Ich stand an der Bar, starrte neidisch auf die Tanzfläche und tröstete mich mit ein paar Tequila Sunrise. Als schließlich „Billie Jean“ ertönte, hatte ich genügend Sonnenaufgänge genossen, um mir ein Herz zu fassen und die nächstbeste Person mit weiblicher Oberweite anzusprechen: „Mmchtesdudansn?“ Sie sah mich kurz an und schüttelte den Kopf. Ich versuchte es auf Englisch: „Du you wantu dänz?“ Keine Reaktion. Ich holte mein bestes Schulfranzösisch hervor und frug: „Voulez vous…?“ und ergänzte meine Frage mit ein paar Tanzbewegungen, inklusive Michael Jacksons Griff in den Schritt. Ehe mir die junge Dame eine Ohrfeige verabreichen konnte, wandte ich mich wieder dem Tequila Sunrise zu.

An diesem Abend versuchte ich mein Glück noch einige Male, holte mir aber eine Abfuhr nach der anderen. Vielleicht lag es daran, dass meine Aussprache immer undeutlicher wurde und beinahe schon an den Verlust der deutschen Muttersprache grenzte; möglicherweise war es auch mein blutrotes Gesicht, auf dem sich die Haut bereits in kleinen Fetzen zu schälen begann, und mich im gespenstischen Licht der bunten Spotlights wie einen Zombie aussehen ließ. Ich war nämlich ohne Sonnenschutzfaktor unter der heißen spanischen Mittagssonne eingeschlafen. Irgendwann gab ich auf, torkelte auf Umwegen zurück ins Hotel und fiel in mein Bett, das sich augenblicklich in einen Hochseedampfer bei stürmischem Wellengang verwandelte. Ich kotzte noch rasch die halbverdaute Paella auf meine Espadrilles und schlief ein.

Wenn ich heute Abend Strohwitwer bin, werde ich mich bei Dancing Stars (ORF) oder bei Let´s Dance (RTL) ebenfalls am Tanze erfreuen. Ganz ohne Tequila Sunrise. Und wenn zeitgleich Heidi die Disconächte der 70er wieder aufleben lässt, wünsche ich nur eines: Möge ihr nicht so ein Typ wie ich begegnen.

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12 Kommentare zu „Discofieber“

  1. Bekam beim lesen mein Schmunzeln nicht mehr aus dem Gesicht und einfach herrlich wieder!
    Hätte da auch so meine Probleme bezüglich Kleidung für die Disco und Töchterchen schimpft immer wieder, weshalb ich all meine coolen Klamotten aus den Siebzigern alle weggeschmissen hab! 😆
    Aber Plateauschuhe waren da nie dabei und ich schau mir inzwischen auch lieber Let’s Dance & Co im TV an.
    Liebs Grüßle und noch einen wunderschönen Tanzabend wünsche ich euch… jedem wies gefällt! 😀

    Gefällt 2 Personen

  2. Lieber Herr Moser!
    Ich würde es wie Sie machen und mir das Gehopse auf der Tanzfläche nicht antun. Schließlich sind Sie ja immer so fleißig mit den Nordic-Walking-Stöcken unterwegs. Man sollte sich nur nicht zu sehr überanstrengen. 🙂
    Herzliche Grüße aus dem Ohrensessel
    Mallybeau

    Gefällt 2 Personen

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