Ärger im Paradies

Wie die botanisch interessierten Groß- und Kleingärtner unter Ihnen wissen, bereitet so eine grüne Oase der Ruhe vor der Haustür nicht nur Labsal für die Seele, sondern auch eine ganze Menge Maloche. Der gestrige 1. April war ein wolkenloser Frühsommertag und somit ideal, um die anfallenden Gartenarbeiten in Angriff zu nehmen. Befand zumindest meine fleißige Adelheid. Sie ist in unserer harmonischen Ehe diejenige mit dem grünen Daumen, mit dem gestalterischen Auge des Gartenarchitekten, mit dem geheimen Wissen über Kräuter, Sträucher, Obstbäume und ihre Anforderungen an ein gedeihliches Leben im Moser´schen Paradies. Daher übernahm sie stillschweigend das Kommando.

Mein erster Auftrag lautete: Grabe ein Loch mit den Ausmaßen 50x50x50 cm im nordöstlichen Teil des Rasens. Heidi wollte ein Gewächs, das auf den unappetitlichen Namen japanische Blutpflaume hört, versetzen und es damit besser zur Geltung bringen. Ich wollte das Arbeitsklima ein wenig auflockern und meinte: „Blutpflaume hört sich ein wenig nach menstruierender…“ „Moser, du sollst graben, nicht Unsinn quatschen!“ wies mich Käpt´n Flora zurecht. Seufzend schwang ich den Spaten. Nach ungefähr 15 Minuten war mein Aushub gerade groß genug, um eine Zigarrenkiste zu beerdigen, ich schwitzte erbärmlich und auf meinen Handflächen bildeten sich erste Schwielen. „Serienmörder wäre kein Beruf für mich“, sagte ich zu Heidi, während ich mich keuchend auf die Schaufel stützte und eine dringend notwendige Rast einlegte. „Ehe ich im Wald ein Grab geschaufelt habe, wo eine Leiche reinpasst, bin ich von einem Heer Polizisten samt Bluthunden eingekreist.“ Adelheid, die inzwischen die Blutpflaume ausgegraben, etliche Sträucher zurechtgestutzt, und den Rasen von wucherndem Unkraut befreit hatte, besah sich das klägliche Ergebnis meiner Bemühungen und schüttelte augenrollend den Kopf. „Ich habe auch zwei Regenwürmer vor dem sicheren Tod gerettet“, gab ich zu bedenken.

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Mein Gartenkommandant dachte sich eine Aufgabe aus, die offenbar besser zu mir passte. Sie hatte einen alten, verwitterten Holztisch aus dem Schuppen geholt, drückte mir Schleifpapier, einen Pinsel und einen Topf blauer Farbe in die Hand und befahl: „Reinigen, abschleifen und streichen! Und nicht so lahmarschig wie beim Lochbuddeln!“ Kurz darauf hatte ich durchschaut, dass der alte braune Lack wesentlich besser abgeht, wenn man die raue Seite des Schleifpapiers benützt und schon ging es los. Während ich in der prallen Sonne schliff, was das Zeug hergab, sang ich in monotoner, gequälter Tonlage die alten Sklavenlieder „Cotton fields“ und „Swing low, sweet chariot“. Dabei bemerkte ich, dass der Tisch schon etwas wacklig auf den Beinen war. Ganz Handwerksprofi entfernte ich gekonnt ein paar morsche Holzstreben und schliff weiter. Schließlich kam Miss Adelheid zu mir auf das Baumwollfeld und reichte mir eine Flasche Wasser. Vor Dankbarkeit schluchzend fiel ich auf die Knie, küsste ihren Kittelsaum und flüsterte mit ausgedörrter Kehle: „Danke Massa! Sie so gut zu mir, Massa! Möge Ihnen der Herr ein langes Leben schenken!“ Heidi strich mir über das verschwitzte Haar und meinte: „Schon gut, Moses. Und jetzt fang endlich zu streichen an.“

Das Streichen ist des Mosers Lust! Das war eine Aufgabe ganz nach meinem Geschmack, denn schon nach ein paar Pinselstrichen konnte man sich am Ergebnis erfreuen. Ich stellte die Sklavengesänge ein und pfiff fröhlich Beethovens Klaviersonate Nr. 2 in A-Dur, Opus 2 (Largo appassionato). Nach knapp  45 Minuten erstrahlte der Holztisch in freundlichem Griechenlandblau, und der warme Sommerwind trocknete mein Werk quasi in Windeseile. Heidi rückte den rustikalen Griechentisch in die Nähe der Bambus-Palisade und bestückte ihn mit bunten Keramiktöpfen, die mit Erde und Samen gefüllt waren. Ein klein wenig stolz zeigte ich Heidi meine schwieligen Arbeiterhände, auf denen die Farbe ihre blauen Spuren hinterlassen hatte. Sogar ein kleiner blutiger Riss, verursacht durch einen Holzspan, war zu sehen. In dieser Sekunde streckte der von mir in höchster Präzision frisch gestrichene Holzkamerad alle Viere von sich und stürzte unter ächzendem Getöse in sich zusammen. Dabei riss er die irdenen Kräutertöpfchen mit in den Tod, wobei einer direkt auf Heidis Daumen landete.

„Das hat er absichtlich gemacht, dieser verfluchte Tisch!“ rief ich empört. „Lässt mich schleifen und streichen bis mir die Hände bluten – und dann gibt er den Geist auf! Ein Aprilstreich übelster Sorte.“ „Vielleicht liegt es auch daran, dass du unten die Querstreben einfach entfernt hast“, meinte Heidi und nuckelte am Aua-Daumen.  Tja, meine arme Frau hat offenbar nicht nur einen grünen, sondern jetzt auch einen blauen Daumen.

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13 Kommentare zu “Ärger im Paradies”

  1. Lieber Herr Moser!

    Möglicherweise hätten Sie keine blutigen Hände bekommen, wenn Sie den Tag nicht mit einer Blutpflaume begonnen hätten. Ich nehme an, der Name besagt, dass man beim eingraben Selbiger Blut und Wasser schwitzt und sich wie eine Pflaume anstellt. 🙂
    Ich wünsche dem Heidi-Daumen gute Besserung. Und trotz allem, sehr lobenswert, dass Sie sich an dieses mörderisch botanische Unterfangen gewagt haben.

    Herzliche Grüße aus dem Garten
    Mallybeau

    Gefällt 3 Personen

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