Tränen lügen nicht

Obgleich ich unbestritten mit einem gewissen Maß an Sensibilität ausgestattet bin und als durchaus emotionaler Mensch gelte, fehlt Herrn Moser das Tränendrüsen-Gen. Auch wenn weinende Männer bei vielen Damen der Gesellschaft längst nicht mehr als Schattenparker, Händchenhalter, Beipackzettelleser oder Flusensiebreiniger gelten, sondern als zartfühlend und verständnisvoll, fällt es mir schwer, meinen Tränen freien Lauf zu lassen. Solche Gelegenheiten sind äußerst rar. Ich erinnere mich beispielsweise an einen Sommerurlaub mit Heidi am Comer See. An einem azurblauen Bilderbuchtag waren wir stundenlang an der frischen Luft unterwegs, bewunderten und bewanderten die herrliche italienische Landschaft, und kehrten bei Sonnenuntergang hungrig wie Wolf, Bär und Krokodil in ein nobles Restaurant am Seeufer ein. Wir saßen direkt am Wasser und bestellten – was kostet die Welt?! –  Kapaun mit allerlei fremd klingenden Beilagen sowie ein Fläschchen Weißwein. Der gute Tropfen ging bereits gefährlich zur Neige, als der Kellner nach schier endlos langer Wartezeit endlich mit einem riesigen Silbertablett auftauchte. Der Südwind wehte uns unbeschreiblichen Bratenduft in die Nasen, sodass der Speichelfluss nur schwer unter Kontrolle zu bringen war. Doch der schwarz livrierte Ober war so auf sein Tablett mit dem köstlichen Vogel konzentriert, dass er den Betonsockel eines Sonnenschirms übersah und stolperte. Der Kapaun flog in hohem Bogen in den Comer See und ersoff. Als ich unser Abendessen in den Fluten versinken sah, konnte ich meine Tränen nicht zurückhalten. Aber wie gesagt: Das war eine der wenigen Gelegenheiten, bei denen man Herrn Moser heulen sah.

Meine allerliebste Adelheid hingegen hat, wie man so schön sagt, nahe am Wasser gebaut. Schon ein verletzt am Wegesrand piepsendes Amselchen oder eine schnulzige Hollywood-Schmonzette bringen ihre Tränendrüsen ordentlich in Schwung. Und so kam es wenig überraschend, dass ich sie am Sonntagabend nach unserem Grillfest heulend in der Badewanne vorfand. Wie Sie in meiner Geschichte „Grill den Moser!“ nachlesen können, hatte ich mir einen schrecklichen Fauxpas geleistet, indem ich frug: „Wie hat es dir gefallen, mal nicht kochen zu müssen?“ Heidi saß also schluchzend im tränendurchsetzten Badewasser und würdigte mich keines Blickes. Verlegen setzte ich mich zu ihr auf den Wannenrand, pflückte ein Pfirsichschaumbällchen und platzierte es auf ihrem tropfenden Näschen. „Na?“ sagte ich mitfühlend und imitierte den Blick eines todtraurigen Dackels. „ICH habe die ganze Arbeit gemacht, gekocht, gebacken, serviert und abgeräumt – wie ein Dienstmädchen! Und der feine Herr Moser legt ein paar Steaks auf den Grill, lässt sich von den Gästen über den grünen Klee loben und fragt mich, ob es schön war, mal nicht kochen zu müssen!!“ wimmerte Heidi und schob ein „Bist du eigentlich noch ganz dicht?!“ hinterher. Ich musste zugeben, dass sie recht hatte und sagte: „Ach Heidi, du hast ja recht. Es tut mir leid, wie dumm von mir!“ Liebevoll seifte ich ihr den gramgebeugten Rücken ein und summte „Please forgive me“ von Bryan Adams. Nach ein paar Nachbeben beruhigte sich zwar ihr weinkrampfgebeutelter Rücken, doch weitere Zärtlichkeiten und Annäherungsversuche meinerseits blieben ergebnislos.

Am Montag brachte ich Heidi nach Dienstschluss einen prächtigen Strauß roter Rosen mit und flüsterte ihr ins Ohr: „Ich grille für dich den ganzen Sommer lang und du musst keinen Finger rühren!“ Meine wundervolle Frau lächelte, ihre Augen füllten sich mit Tränen der Rührung und sie meinte: „Aber nur, wenn ich weiterhin den Kartoffelsalat machen darf. Deine Erdäpfel sind immer zu hart, und du gibst Senf und Kapern rein. Furchtbar!“ Wo Heidi recht hat, hat sie recht.

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18 Kommentare zu „Tränen lügen nicht“

    1. Im Übrigen möchte ich, nur so nebenbei, darauf hinweisen, dass ich wegen der gewählten Überschrift jetzt seit etwa einer Stunde dieses 70-er-Jahre-Michel-Holm-Gedächtnis-Gejammer im Ohr habe. 😉

      Mittlerweile bin ich an einem Punkt angelangt, an dem ich mich anstelle des besagten Gejammers doch lieber mit Freuden der chinesischen Wasserfolter aussetzen würde, welche im Vergleich nicht wirklich schlimmer sein kann… 🙂

      Gefällt 2 Personen

  1. Lieber Herr Moser!

    Da haben Sie ja ein tolles Versprechen gegeben. Und beim Grillfest sind Sie dann sicherlich auch mal den Tränen nahe, wenn Sie die Zwiebeln zum Bräunen auf den Rost legen 🙂

    Herzliche Grüße, auch an die beneidenswerte Adelheid, die den gesamten Sommer über begrillt wird
    Mallybeau

    Gefällt 1 Person

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