Offener Brief

Sehr geehrtes Smartphone, liebes Handy!

Inzwischen habe ich mich ja schon daran gewöhnt, dass du (fast) alles über mich weißt. Wenn ich mich morgens in unseren tomatenroten Spanier setze und die Fischkonservenfabrik ansteuere, verkündest du ungefragt, dass die voraussichtliche Fahrzeit zu meinem Arbeitsplatz 47 Minuten beträgt. Wer hat dir eigentlich gesagt, wo ich arbeite? Und falls ich mal mit den Öffis unterwegs bin, bietest du mir sofort die Fahrpläne und Verspätungen der in Frage kommenden Verkehrsmittel an. Ich muss dich nur mit dem Zeigefinger anstupsen, und schon zeigst du mir die relevanten Informationen. Dass du meine Vorlieben bei Büchern kennst und mir entsprechende Kaufangebote unterbreitest ist ja fast schon normal. Dass du aufgrund meiner Likes und Kommentare bei Facebook ein wahrscheinlich exakteres Persönlichkeitsprofil von mir erstellen kannst als meine Frau Adelheid, ist aber schon ein wenig unheimlich. Und wie du aus den Fotos meiner Geburtstagsfeier bei meinen Eltern in Tullnerbach ungefragt eine hübsche Bildercollage gebastelt hast – alle Achtung!

Jetzt gehst du aber zu weit, liebes Smartphone. Seit ich auf diesem kurzweiligen Blog kundgetan habe, in der Fastenzeit auf Süßes und andere böse Kohlenhydrate verzichten zu wollen, schickst du mir täglich ein gutes Dutzend E-Mails, die allerlei Schlankmacher und Diät-Wunder anpreisen. Mein Postfach ist voll mit „Abnehmen wie die Stars“, „Minus 5 Kilo in 3 Tagen“, „Die Schlemmer-Diät“ und anderem Unfug. Woher weißt du von meinen Fastenvorsätzen? Liest du heimlich meinen Blog? Frechheit. Aber damit ist nun Schluss, du oberschlauer Alleswisser! Ich werde dir auch gern erklären, warum.

Gestern Abend kuschelte ich mit meiner lieben Heidi am Sofa und wir sahen uns die Komödie My Big Fat Greek Wedding auf DVD an.  Mit den Lachern wuchs auch der Appetit auf Griechisches, schließlich hatten wir zum Abendessen fastenkonform nur ein Stück Scholle natur auf Blattsalaten gespeist. Das macht hungrig. Noch als der Abspann lief, schlüpften wir in Hose und Jacke, um unserem Lieblingsgriechen Akropolis einen Besuch abzustatten. Bei Lamm-Souvlaki mit Pommes und Tsatsiki stellte ich fest, dass die kulinarischen Ausnahmen inzwischen die echten Fastentage bei weitem überholt hatten, denn ein Grund die Regeln zu brechen, findet sich immer. Gefüllte Paprika in der Kantine, ein Platzregen, der dich in die nächstbeste Schenke schwemmt, die unverzichtbare Geburtstagstorte, ein Grillfest mit Guglhupf und Bier … das Leben ist voll mit Versuchungen. Daher orderte ich eine Runde griechischen Joghurts mit Honig und Nüssen, und erhob mit Heidi das Glas auf ein vorzeitiges Ende unserer Diät. Schluss mit der Quälerei, Schluss mit Ausreden und schlechtem Gewissen!

So, mein kluges Smartphone! Nun weißt du es – Familie Moser hat dem Fasten abgeschworen und ist zu einem genußvollen Leben zurückgekehrt. Du kannst dir also in Zukunft deine Diät-Mails sparen. Und weil wir gerade dabei sind: Mit meiner Potenz und Penisgröße ist alles in Ordnung! Streiche bitte auch alle Angebote für Viagra und Luftpumpen aus meinem Mail-Verteiler. Danke!

Mit freundlichen Grüßen,

Herr Moser

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12 Kommentare zu “Offener Brief”

  1. Lieber Herr Moser!
    Vielleicht können Sie Ihr Handy ja soweit „erziehen“, dass es Ihnen bereits im Voraus die Lottozahlen für die kommende Woche ins Postfach schickt. Das wäre dann endlich mal etwas Sinnvolles 🙂
    Herzliche Grüße und ein schönes, genußreiches Schlemmer-Wochenende
    Mallybeau

    Gefällt 3 Personen

  2. Mein Handy ist doof.
    Neulich – ich war arbeiten! – sagte es: „Sie haben 14km bis zur Arbeit.“
    Staus meldet es immer erst, wenn ich schon mittendrin stehe und neulich meinte es mir sagen zu müssen, ich sei in wenigen Minuten zuhause, während ich schon eine Stunde lang in der heimischen Badewanne entspannte.

    Gefällt 2 Personen

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