Osterpassion

Nachdem ich mit Heidi ein paar verregnete Tage im Komfortzimmer mit Dusche einer Pension im westlichen Tirol verbracht hatte, um Ostern ein Schnippchen zu schlagen, reisten wir am Ostersonntag Abend wieder heim nach Osten in unser gemütliches Reihenhäuschen. Wie dem einen oder anderen Leser vielleicht noch erinnerlich, wollten wir am feiertägigen Montag einige Auserwählte zum Osterbrunch laden. Leider machte uns der launische April  mit einem Wechselbad aus Wolkenbruch & Sonnenschein einen Strich durch das geplante Motto „Ostern war gestern, heute ist Western! Die Mosers laden zum Western-Brunch in ihren Saloon! Mit Texas-Burgern, Speckbohnen-Westernpfanne und Spareribs Western Style vom Grill“. Wir ließen den Grill im Regen stehen und aktivierten Plan B: Ein klassisches Osterbuffet mit allem, was Kreuzigung, Auferstehung und Tradition zu bieten haben.

Glücklicherweise nahm Heidi mein Versprechen, das Küchenzepter in Alleinregie schwingen zu wollen, nicht wörtlich und unterstützte mich nach Leibeskräften. Sie buk einen mit Hagelzucker bestreuten Osterstriezel, Osterpinzen und einen Waldviertler Karottenkuchen, zu dessen Dekoration ich aus Marzipan und Lebensmittelfarbe kleine Möhrchen fabrizieren sollte. Wie eine Zählung nach 45 Minuten ergab, hatte ich exakt 18 Stück geschafft, was für mich als Konditorlehrling einen neuen Rekord darstellte. Die kleinen Marzipankarotten, die ich als alter Wortkünstler auf den Namen Marotten getauft hatte (ein sogenanntes Kofferwort aus Marzipan und Karotten), wirkten etwas verschrumpelt und schmutzig, also richtig biologisch. Ich war sehr stolz auf mein Werk. Anschließend durfte ich noch hartgekochte Eier in allen Regenbogenfarben anmalen, die Käseplatte mit Weintrauben und Nüssen dekorieren, sowie Heidis hausgemachte Marillen- und Erdbeermarmelade in kleine, appetitliche Schälchen umfüllen.

Pünktlich um 11:00 standen unsere Gäste im strömenden Regen vor der Haustür. Unsere Freunde Elsbeth und Raoul hatten von höchster Stelle  geweihten Schinken und gesegnetes Brot mitgebracht, süßen Senf und handgeriebenen Kren inklusive. Heidis Schwester Babsi überreichte ein Tablett mit kleinen Lauch-Zwiebel-Speck-Blätterteig-Kunstwerken, ihre Mutter Inge hatte – nebst schokoladigen Hasen und Eiern für Luki – eine bemalte Steinfigur namens Sorgenfresserchen für die Mosers im Ostergepäck. Die Freude war groß, zielsicher fischte Luki den im Nest versteckten Geldschein hervor und vertiefte sich in sein Smartphone. Nachdem meine fleißige Heidi alle mit Kaffee und Säften versorgt hatte, konnte das große Fressen beginnen.

Zwei Stunden später hingen wir ermattet in den Seilen. Alle hatten ihr Bestes gegeben, um das Ende der Fastenzeit würdig zu begehen. Doch ehe sich die  aufkeimende Müdigkeit breit machen konnte, machte Schwiegermama Inge, befeuert von zwei Stamperln Eierlikör, einen Vorschlag: „Singen wir doch gemeinsam ein Osterlied!“ Wir zermarterten uns die Köpfe, kratzten uns nachdenklich die vollen Bäuche, doch ein spezielles Osterlied wollte niemandem einfallen. Schließlich stimmte Raoul zaghaft einen kirchlichen Choral an: Gelobt sei Gott im höchsten Thron samt seinem eingebornen Sohn, der für uns hat genug getan. Halleluja, Halleluja, Halleluja! Leider kannte niemand sonst diesen Song, Luki stöpselte sich die Ohren umgehend mit Kopfhörern zu, und Raouls Bemühungen verliefen nach wenigen Takten im Sand. Inge und Babsi versuchten sich noch an einer zweistimmigen Version von Amazing Grace, doch auch dabei wollte keine rechte Stimmung aufkommen. Es war Zeit für mich, die Sache in die Hand zu nehmen.

Ich besann mich der epochalen Rockoper Jesus Christ Superstar, welche die letzten Tage Jesu bis zur Kreuzigung thematisiert. Was lag also näher, als ein Stück aus diesem Welterfolg darzubieten? Ich habe dieses Musical wohl an die hundert Mal im Theater, Kino, Fernsehen und auf DVD gesehen und gehört, und bin darin überaus textsicher. Ich entschied mich für die Nummer I only want to say, in der Jesus im Garten Gethsemane seinen Vater verzweifelt beschwört, er möge diesen Kelch an ihm vorüberziehen lassen. In einem stillen Moment, als unsere Ostergesellschaft gegen aufsteigende Bäuerchen kämpfte und bunte Eierschalen zwischen den Fingern zerrieb, fing ich leise zu singen an:

 I only want to say

If there is a way

Take this cup away from me

For I dont want to taste ist poison…

Alle Augen waren auf mich gerichtet, ich begann mich in die Rolle einzufühlen. Leidenschaftlich und voller Inbrunst klagte ich Gottvater mit ineinander verschlungenen Gebetsfingern mein Leid:

Why, why should I die?

Oh why should I die?

You let them hate me, hit me, hurt me

Nail me to their tree…

Herr Moser wurde im Verlauf des Liedes immer mehr zu Jesus Christ Superstar himself, ich war in meinem Element. Auf meinen Schläfen bildeten sich glitzernde Schweißperlen und ich blickte gepeinigt nach oben auf unsere Wohnzimmerdecke, um meiner Performance mehr Ausdruck zu verleihen. Ich bot all mein Gesangskünste auf und versemmelte in den hohen Passagen treffsicher jeden Ton. Ich bin der Meinung, der Wille steht für das Werk. Erschöpft und verausgabt ließ ich mich nach der letzten Zeile Kill me, take me now – before I change my mind!  in den Stuhl fallen und schloss die Augen. Und als hätte der Allmächtige höchstpersönlich Regie geführt, brach zwischen den dunklen Regenwolken die Sonne hervor. Eigentlich hatte ich an dieser Stelle aufbrandenden Applaus und Jubelrufe erwartet, doch es blieb merkwürdig still.

Ob der Ernsthaftigkeit des Themas deutete ich es als ergriffenes Schweigen. Heidi nannte es später peinlich berührtes Schweigen. Schwiegermama Inge kippte sich noch einen Eierlikör hinter die Binde und meinte: „So, es ist schon spät. Aufbruch!“ Erfreut sprang Luki auf und jubelte: „Nice!“

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29 Kommentare zu “Osterpassion”

  1. Lieber Herr Moser!

    Nun haben Sie sich ja wirklich gänzlich ungeahnt in die absolute Favoritenrolle der Weltsensationen auf der Alm gespielt. Wer kann Moser-Christ-Superstar mit seinen flotten Karotten noch toppen? Da fällt mir vor Staunen die Kinnlade auf die Kniescheiben und der Löffel aus der Hand. Glückwunsch zu solch einer österlichen Darbietung! 🙂

    Herzliche Grüße aus dem Schneetreiben
    Mallybeau

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