Fahrstuhl des Grauens

Wie an jedem Freitag stand auch heute Gebackenes Fischfilet mit Sauce Tartar und Kartoffelsalat auf dem Menüplan unserer Kantine. Darauf freute ich mich schon den ganzen Vormittag, musste ich doch das Frühstück aus Zeitgründen ausfallen lassen. Ich hatte bereits um 8:00 morgens einen Termin mit dem Produktionsleiter und war spät dran.

Um 12:03 versetzte ich meinen Computer in den Ruhestand und machte mich auf den Weg zur Ausspeisung im dritten Stock. Leider verspürte auch Kollege Cerny Appetit auf saftig-knusprigen Fisch und ließ es sich nicht nehmen, mich zu begleiten. Gottlob wurde gestern unser defekter Aufzug von den fleißigen OTIS-Leuten wieder instand gesetzt, sodass wir uns vor dem Essen nicht der unnötigen Anstrengung des Treppensteigens unterziehen mussten. Ich drückte das Knöpfchen mit der 3, die Tür schloss vollautomatisch und der Lift setzte sich langsam in Bewegung. Gerade als ich überlegte, ob ich als Appetizer vorher noch eine Leberknödelsuppe nehmen sollte, begann der Fahrstuhl seltsam zu rumpeln und hielt plötzlich mit einem heftigen Ruck an. Einfach so. Hilflos sah ich Cerny an, der zuckte aber nur mit den Schultern. Gefangen zwischen zweiter und dritter Etage! Panik kroch in mir hoch. „Das gibt es doch nicht“, flüsterte ich mit erstickter Stimme. „Die Aufzugsmonteure haben ihn doch erst gestern repariert!“

Leider bin ich mit zahlreichen Phobien geschlagen, und Klaustrophobie rangiert weit oben, gleich zwischen Akrophobie und Ornithophobie. Ohne Fluchtmöglichkeit eingesperrt auf 2,5 Quadratmetern, wobei die Gegenwart Cernys noch verschärfend hinzukam! Ich spürte, wie sich mein hellblaues Hemd unter den Achseln dunkel zu verfärben begann. Hektisch drückte ich alle Knöpfe, die mir unter die zitternden Finger kamen. „Was machen Sie da?“ frug mein Kollege mit stoischer Ruhe. Ich rief: „Bei Versagen Knopf drücken!!!“ Ich bin in den 60er und 70er Jahren aufgewachsen – zu einer Zeit, als auf jedem Automaten das Schild Bei Versagen bitte Knopf drücken angebracht war. Egal ob Kaugummi-, Zigaretten-, Kondom- oder Fahrschein-Automat: Die Lösung aller Probleme hieß stets „Bei Versagen Knopf drücken“. Das konditioniert. Jetzt hatte der verdammte Lift versagt und ich drückte wie wild alle Knöpfe zwischen K, EG und 6. Nichts geschah. Gelassen betätigte Cerny die Notruftaste, die mir in der Aufregung verborgen geblieben war. Dankbar tätschelte ich ihm den Rücken, doch nichts geschah. Aus dem Lautsprecher kam nur undefinierbares Knarzen. „Diese Schweine!“ schrie ich mir meine Angst von der Seele und meinte damit die Otis-Monteure, die ich kurz zuvor noch als Wundertäter verehrt hatte. „Mörder!“ trommelte ich mit beiden Fäusten gegen die Wandverkleidung. „Beruhigen Sie sich, Moser“, sagte mein Kollege und zückte sein Handy. „Wen rufen Sie an? Polizei? Feuerwehr?“ „Den alten Swoboda“ antwortete Cerny. Hubert Swoboda ist unser Pförtner. Er geht im Sommer in Pension und ist schon etwas schwerhörig.

Nach einem fünfminütigen Schreiduell hatte Jonas Cerny dem alten Swoboda unsere missliche Lage klargemacht. „Hilfe ist unterwegs“, beruhigte mich mein Leidensgenosse, „jetzt heißt es warten.“ Seufzend ließ ich mich zu Boden gleiten und tippte eine WhatsApp an Heidi: Bin gefangen! Es kann später werden, warte nicht mit dem Essen. Mfg Moser  Auf ihre Nachfrage, was denn los sei, antwortete ich: Jetzt nicht. Der Sauerstoff wird knapp. Ich liebe dich! Vergiss mich nicht, LG (Letzte Grüße) Moser.

Rund zweieinhalb Stunden später, ich war am Verhungern und bereits völlig dehydriert, hörten wir laute Stimmen und Klopfen. Die Kavallerie war rechtzeitig eingetroffen. Endlose Minuten später setzte sich der Aufzug wieder ruckelnd in Bewegung und wir landeten sicher im dritten Stock. Ich küsste den Fahrstuhlboden, fiel dem nächstbesten Mechaniker um den Hals, krächzte „Danke“ und schleppte mich mit letzter Kraft zur Kantine.

„Menü 1, den Fisch bitte, und einen Liter Apfelsaft aufgespritzt“ orderte ich bei Hilfsköchin Dragica. Sie deutete auf die große Wanduhr, die 14:56 zeigte, und bedauerte, aber „Küche ist nur bis halb drei“. Jetzt blieb in meiner Not nur noch eines – ich rief Heidi an: „Hör zu mein Schatz, und stell keine Fragen. Tu einfach was ich dir sage. Hol sofort die Fischstäbchen aus dem Tiefkühler und schalte die Fritteuse ein.  Bei Versagen bitte Knopf drücken. In einer halben Stunde bin ich da.“

AM ENDE

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30 Kommentare zu „Fahrstuhl des Grauens“

  1. Lieber Herr Moser!

    Das war ja beinahe der Fahrstuhl zum Schafott. Glückwunsch, dass Sie diesen Höllentrip inklusive Cernyphobie so bravourös gemeistert haben. Ich bin mir sicher, dass Ihre Heidi über das Wochenende ihre Kochkünste spielen lässt und Sie ausreichend verwöhnen wird, so dass Sie nächste Woche frisch gestärkt die Treppen Richtung Kantine nehmen können 🙂

    Herzliche Grüße
    Mallybeau

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  2. …verstehe Dich sehr gut, leider leide ich auch an Klaustrophobie, deshalb meide ich alle Aufzüge. Nur einmal fuhr ich in unserem KRankenhaus (leider musste ich in den 21.Stock), prommt blieb er stecken. Seit dieser zeit ist für mich jeder Aufzug ein tabu!
    Wünsche Dir ein schönes und gutes Wochenende… 😴 Lis

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  3. Um Himmels Willen, im Aufzug eingesperrt zu sein muss allein schon katastrophal sein. Aber noch dazu mit dem „Lieblingskollegen“?
    Ich wünsche ein erholsames Wochenende und schlage Trostschokolade vor…die Diät is ja rum, gell?
    Herzliche Grüße, Meermond

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  4. Mit einem breiten Grinsen verfolge ich ihre Misere…
    Mein Sohn hat einmal im Theaterlift einen Hüpfer gemacht und dann blieb dieser stecken. Unangenehm…. seitdem verlange ich „konzentriertes Stillstehen“ im Lift.😊
    Gute Erholung wünsche ich.
    Priska

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  5. Entschuldige ,aber Du hast das so köstlich beschrieben,dass ich lachen muss 🙂 Obwohl es tragisch war.Es tut mir leid,dass Du all das erleben musstest.Doch es ist vorbei.Alles ist gut .Stay cool .Liebe Grüsse.Ich wünsche ein erholsames Wochenende ( nach so einem Schock )

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  6. Oh Mensch!
    Aber Ihr Leid wie immer unser Lese-Glück, da muss ich mich meiner Vorschreiberin Jeannette anschließen. Ich hatte Sie und Cerny so überdeutlich vor Augen, dass mir ist, als hätte ich in der Früh bereits einen Spielfilm geschaut!
    Genießen Sie Ihr Wochenende und freuen Sie sich auf Montag mit dem winselnden Cerny. Alle Ihre Leiden werden dann mit Lachgold aufgewogen.

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