Wechselbad der Gefühle

Am gestrigen Sonntag saß ich pünktlich um 8:55 vor dem Fernseher, um die Übertragung des 34. Vienna City Marathon zu verfolgen. Ich gebe zu, dass sportliches Interesse dabei eine sehr untergeordnete Rolle spielte. Vielmehr versuchte ich, meinen Bürokollegen Cerny in dem Menschengewühl aus knapp 43.000 Läufern zu entdecken. Ich hatte mir dazu sogar unseren kleinen Operngucker zurechtgelegt, der uns schon bei so manchem Theater- und Musicalbesuch gute Dienste geleistet hatte. Leider vergeblich. Die Kameraleute des ORF hatten offenbar kein Interesse am ehrgeizigen Vertriebsassistenten einer Fischkonservenfabrik, der nach acht Monaten Lauftraining sein Debüt bei diesem Langstrecken-Event geben wollte.

Ich war daher heute mehr als gespannt auf Cernys Erfahrungsbericht. Schlag halb Neun traf mein Kollege im Büro ein – und schlich, nein humpelte zu seinem Schreibtisch. „Nanu?“ frug ich mit gespieltem Bedauern. „Muskelkater?“ „Nicht nur“, antwortete Cerny und ließ sich in seinen Drehstuhl fallen. „Wie ist es gelaufen?“ konnte ich mir das Wortspiel nicht verkneifen. „Muskelkrämpfe bei Kilometer 28. Ich musste aufgeben.“ Er sprach diese bedeutungsschwangeren Sätze in einem Gestern-ist-mein-Kater-gestorben-Tonfall aus.  „Oh, das tut mir leid“ sagte ich und stellte mit Erschrecken fest, dass ich es ehrlich meinte. Er hatte letzte Woche noch so optimistisch und motiviert geklungen, hatte sich ein Ziel gesetzt, trainiert und es zumindest versucht. Und auch wenn Dr. Jonas Cerny nicht gerade zu meinen Lebensmenschen zählt, das rang mir doch einen gewissen Respekt ab. „Naja, nächstes Jahr vielleicht“ seufzte er und entschuppte mit ein paar geübten Handgriffen die Schultern seines Sakkos.

Den Vormittag verbrachten wir zumeist schweigend, vertieft in unsere E-Mails und Excel-Tabellen. Als es Zeit für den Mittagstisch war, fragte ich den verdächtig Unverdächtigen: „Kommen Sie mit in die Kantine? Erzählen Sie mir ein bisschen vom Marathon. Heute gibt es Spaghetti Bolognese.“ Der arme Kerl brauchte eine Schulter zum Ausweinen, das war offensichtlich und man ist ja kein Unmensch. Cerny und seine schmerzenden Beine benötigten zum Aufstieg in die Kantine im 3. Stock die Hilfe des Aufzugs; ich entschied mich aufgrund des traumatischen Erlebnisses vom letzten Freitag für das Treppenhaus.

Während der Kollege auf die Ankunft von Otis wartete, sprintete ich los – in Cerny-Manier zwei Stufen auf einmal nehmend. Schließlich wollte ich nicht als unsportliches Weichei dastehen. Leider ist Herr Moser aber ein unsportliches Weichei, und noch ehe ich außer Atem geraten konnte, strauchelte ich und verknackste mir den rechten Knöchel. Als ich leise jammernd auf den Stufen saß und meine geringfügige Schwellung untersuchte, kam unsere Reinigungsfachfrau aus der Ukraine vorbei. Entsetzt rief Editha bei meinem Anblick: „Emergency Room? Moser nach Schwarzwaldklinik? Klinik am Südring?“ Tapfer winkte ich ab: „Nein, danke Editha. Ist nur verstaucht. Geht schon.“ Die brave Frau half mir hoch und geleitete mich stützend bis in den dritten Stock. Am Eingang zur Kantine frug sie zur Sicherheit noch einmal: „Dr. House? Greys Anatomy?“ Ich schüttelte mit zusammengebissenen Zähnen den Kopf und Editha entließ mich mit einem aufmunternden Schulterklaps in den Speisesaal.

Cerny hatte sich bereits an einem Tisch niedergelassen und wickelte Nudeln auf seine Gabel. Als er mich humpelnd zur Tür hereinkommen sah, rief er: „Nanu? Muskelkater von zwei Etagen?“ Mein Respekt und Mitleid für ihn schwanden schlagartig. „Nur ein verstauchter Knöchel. Ich war wohl zu stürmisch unterwegs“ murmelte ich. „Soll ich Ihnen einen Teller Spaghetti holen?“ deutete mein Kollege mit dem Kopf Richtung Essensausgabe. Verdammt Cerny! Warum kann dieser Kerl nicht einfach nur unausstehlich sein??

Illustration: Runnersworld.com

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17 Kommentare zu “Wechselbad der Gefühle”

  1. Lieber Herr Moser!
    Wenn Ihre Fischfabrik jetzt noch „Casablanca-Frischfisch“ heißen würde, hätte nur noch der Schlusssatz gefehlt: Das ist der Beginn einer wunderbaren Freundschaft. 🙂
    Wer weiß, wofür es gut ist …
    Herzliche Grüße und gute Besserung wünscht
    Mallybeau

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  2. Na, das war ja wohl ganz nach dem Motto „Sport ist Mord“ und nur gut, dass noch genügend Elan und Kraft zum Spaghetti aufrollen da war! 😆
    Geh zwar regelmäßig ins Sportstudio und auch ansonsten bin ich nicht so ganz unsportlich……. aber Extremsport oder Marathons sind mir sogar schon alleine beim zuschaun ein Greul und kann einfach nicht verstehen, warum sich das Manchereiner antut! 😀
    Liebe Grüße und gute Besserung für den verstauchten Knöchel ☀

    Gefällt 1 Person

  3. Oh, gute Besserung Herr Moser 😉 Auch ich konnte fast mit Cerny mitfühlen, denn beim Berlin Marathon vor viele Jahren haben auch mich Muskelkrämpfe bei Kilometer 27 eingeholt, aber ich bin weiter gerannt und nach einem Kilometer – schwupps – waren sie vorbei. Hätte Cerny wohl ein wenig mehr Durchhaltevermögen und Biss gebraucht !!! : ) LG aus Melbourne in die Fischkonservenfabrik. Antje

    Gefällt 1 Person

  4. Lieber Herr Moser,
    dass Sie aber auch so ein Pechvogel sein müssen – erst Fahrstuhlkoller, dann Treppensturz – damit haben Sie dann aber auch hoffentlich alle Misslichkeiten für dieses Jahr abgearbeitet. Gute Besserung für Ihren Knöchel!
    Wie Sie sich denken konnten, habe ich Ihren heutigen Beitrag geradezu verschlungen (nicht ahnend, dass Sie daselbst auch würden humpeln müssen). Und ja, auch mich überkam in der Tat ein echtes Mitgefühl mit dem Herrn Cerny. Und in der Tat sogar Hochachtung, dass er fähig zur Aufgabe war. Monatelang nur auf dieses Ziel trainieren und dann aufgeben müssen, das tut noch mehr weh als Muskelkrämpfe und Muskelkater. In der Tat ist so ein Marathon wirklich nur für echt schräge Vögel und einen Hang zur Eigenfolter muss man überdies besitzen. Die letzten zehn Kilometer meines ersten Marathons habe ich mich beschimpft und meinen Ehrgeiz verflucht – wie idiotisch könne man sein, eine solche Strecke zu laufen, freiwillig. Und warum zum Teufel sei ich so verflixt ehrgeizig und würde nicht einfach sagen – so Leute, ich bin raus. Naja, alles war am Ziel vergessen und ich wurde Wiederholungstäterin.
    Herzliche Grüße zu Ihnen in den Süden

    Gefällt 2 Personen

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