Eiszeit

Graue Regenwolken zogen über unsere Köpfe, als wir gestern einen kleinen Rundgang durch den Garten unseres Reihenhäuschens machten. Heidi verkroch sich in den Tiefen ihrer schwarzen Daunenjacke, und bei jedem Seufzer bildete sich eine deutlich sichtbare Atemwolke vor ihrem blaugefrorenem Kussmund. Traurig standen wir vor dem Hochbeet und streichelten die leblosen Blätter von Mojito-Minze und Basilikum. Der Wintereinbruch mit dichtem Schneefall vorige Woche und die frühwinterlichen Temperaturen der letzten Tage hatten unseren sorgsam und liebevoll gepflanzten grünen Freunden den Garaus gemacht. „Petrus, du grausamer Geselle!“ rief ich in die Dämmerung, und zog mir hastig die geringelten Wollhandschuhe wieder an. Wie Sie wissen, haben wir bereits Anfang April unseren Garten sommerfest gemacht, und im Pflanzenparadies Dehnemann eine hübsche Stange Geld für frisches Grün hingeblättert. Wir haben gejätet, gegraben, gepflanzt und gestrichen, und die Früchte unserer Arbeit beim ersten Grillfest des Jahres gefeiert. Heidi im fliederfarbenen Sommerkleidchen, Herr Moser in schicken Khaki-Shorts. Nun standen wir frierend in Winterklamotten vor der sterbenskranken Botanik. Normalerweise hätten wir zu dieser Jahreszeit in der lauen Frühlingsluft ein Gläschen Gumpoldskirchner geschlürft, gestern flüchteten wir ins geheizte Wohnzimmer und wärmten uns an einer Tasse heißem Tee mit Zitrone.

Am kommenden Montag schreiben wir den 1. Mai. Nicht nur arbeitsfreier Tag der Arbeit, sondern auch jenes Datum, an dem traditionsgemäß die Städtischen Freibäder in Wien ihre Pforten öffnen. Hier hält man sich sklavisch an den Kalender, völlig losgelöst von den herrschenden Temperaturen und Wetterverhältnissen. Vurschrift is Vurschrift. Als ich heute Morgen die dünne Eisschicht von der Windschutzscheibe unseres tomatenroten Spaniers kratzte, kam Walter „Rotkäppchen“ Weinwurm vorbei. Der Ex-Polizist und selbsternannte Blockwart unserer Reihenhaussiedlung verkündete stolz, sich pünktlich am 1. Mai in die eiskalten Fluten des Stadionbades stürzen zu wollen. Ich wünschte ihm viel Vergnügen und brauste davon. „Gelobt sei, was hart macht!“ rief er mir hinterher. Plötzlich musste ich an die Direktorsgattin Svetlana Pfotenhauer denken, die nach dem Feiertag die Stelle als Marketingdirektorin unserer Fischkonservenfabrik antreten wird. Mich schauderte und ich drehte das Heizungsgebläse auf volle Kraft.

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16 Kommentare zu “Eiszeit”

  1. In Berlin haben die Freibäder schon vor einiger Zeit geöffnet. Wie ich im Radio hörte, gab es für die ersten zehn Gäste des Freibads Wannsee Saunagutscheine. Naja, vielleicht bin (war) ich beim Marathon hartgesotten, beim Wasser bin ich zimperlich und friere auch gern mal bei 26 Grad im Schatten. Also Freibad ohne mich …
    Sehen Sie zuversichtlich in die Zukunft. Wie wir wissen, kann der Sommer jederzeit über uns hereinfallen, laut und mit Trompeten. Genießen Sie so lange die gemütlichen Couch-Abende mit Ihrer Heidi.

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