Sternschnuppen, Teil I

Das Leben zwischen Fischkonservenfabrik und Reihenhäuschen kann ganz schön aufreibend sein, gönnen wir Herrn Moser und seiner braven Heidi daher ein paar Tage Ruhe. In der Zwischenzeit möchte ich Ihnen, liebe Leser, wieder einmal eine meiner Kurzgeschichten vorstellen. Lesen Sie hier in den nächsten drei Tagen die traurig-romantische Geschichte des Reisebürobesitzers Ludwig Anzengruber, der auszog, um…. aber lesen Sie selbst:

Endlich angekommen.

Mit einem hörbaren, tiefen Seufzer ließ sich Ludwig in den warmen Sand plumpsen. Es war 18:03 und die prügelnde Hitze des Tages trat langsam den Rückzug an. Dennoch zeigte sein weißes T-Shirt unter den Achseln und am Rücken dunkle Schweißflecken – ein Tribut an den beschwerlichen Aufstieg auf diese mächtige, goldgelbe Sanddüne. Der Ausblick entlohnte für diese Mühsal jedoch mehr als reichlich. Ein Ozean aus Sand, aufgeworfen in riesige, sanfte Wellen, breitete sich vor seinen Augen aus. Wenige Kilometer entfernt schmiegte sich Ain Salah in die puristische Landschaft, die letzte Siedlung vor Tamanrasset, der größten Oase im Süden Algeriens. Weiße Häuser aus Stein und Lehm, jetzt klein wie Kiesel, und Hunderte Dattelpalmen mit ihren sattgrünen Wipfeln bildeten einen reizvollen Farbklecks in diesem Panorama aus Bronze.

Ludwig Lanzengruber, 52 Jahre alt, gebürtiger Münchner, verwitwet, Besitzer eines Reisebüros, war angekommen. Endlich. Knapp 4.000 Kilometer hat er in den letzten vier Tagen runtergespult, und der gebrauchte Land Rover, den er erst wenige Tage vor seiner Abfahrt gekauft hatte, bewältigte die Strecke klag- und pannenlos. Er nahm ein paar lange Züge aus seiner Wasserflasche. Nicht, dass Ain Salah sein Ziel gewesen wäre. Nein, sein Ziel hieß schlicht und ergreifend „die Sahara“. Aber als er von Aoulef und In Ghar kommend in den kleinen, knapp 30.000 Einwohner zählenden Ort einfuhr, nahm ihn der Zauber der Oase sofort gefangen. Auch der Name gefiel ihm, erinnerte er ihn doch an das im Arabischen gebräuchliche „Inschallah“, das soviel wie „so Gott will“ bedeutet. Es hatte etwas Schicksalhaftes. Und während Ludwig in einem schmuddeligen Straßencafé an einer lauwarmen Cola nippte, das lebhafte Treiben auf dem Marktplatz beobachtete, wo Straßenhändler laut und rau Gewürze, Teppiche, lebende Hühner, glänzenden Schmuck und undefinierbare, mit Fliegen übersäte Fleischteile anboten, hatte er den Entschluss gefasst: „Ich bin angekommen.“

Nun saß Lanzengruber auf dieser majestätischen Düne, ein paar Kilometer entfernt von Ain Salah, und sah der Sonne bei ihrem Untergang zu. Seit Abermillionen Jahren versank dieses lebensspendende Gestirn im Dunkel der Nacht, um tags darauf wie Phoenix aus der Asche wieder aufzusteigen. „The circle of life…“ ging ihm durch den Kopf. Und hier sollte sich also sein Kreis schließen. Für immer. Gab es einen besseren, würdevolleren Platz um zu sterben? Ludwig ließ eine Million Sandkörner durch seine Finger rieseln und murmelte: „Staub zu Staub“. Die Sonne stand nur noch eine Handbreit über dem Horizont und das Licht begann sich zu verändern. Er kramte eine Flasche Wodka aus dem militärisch grün-braun gefleckten Reiserucksack. Vor der Überfahrt nach Algier hatte er das hochprozentige Wässerchen in Marseille gekauft und gut im Land Rover versteckt. Sicher ist sicher. Er hatte keine Ahnung, ob man Alkohol in das islamische Algerien einführen darf. Aber selbst wenn, war man in solchen Ländern doch oft der Willkür übellauniger Zöllner ausgeliefert. Es war aber alles gut gegangen und Ludwig nahm einen tiefen Schluck. Das Zeug brannte sich seinen feurigen Weg durch die Blutbahn und er schüttelte sich wie ein nasser Hund.

Fast zwanzig Jahre war ihm dieses eine Bild als Tor in eine andere, geheimnisvolle Welt erschienen. Das Poster hing, fein säuberlich gerahmt, in seinem sonst recht unscheinbaren Büro und zeigte zwei schwarz vermummte Tuareg, die auf ihren Kamelen durch die Dünenlandschaft der Wüste ritten. Darunter stand in geschwungenen Lettern, die wohl an arabische Schriftzeichen erinnern sollten: „Abenteuer Sahara“. Wie oft hatte sich Lanzengruber in dem Anblick verloren, sich hineingewünscht in die Weite und Jungfräulichkeit dieser ursprünglichen Natur. Keine Abgase, kein Autolärm, keine neugierigen Nachbarn, kein Finanzamt, keine Tiefkühlpizza und kein Fernsehen. Nur Stille. Sich selbst spüren. Und trotzdem hatte er, der Besitzer des Reisebüros „Flamingo“, noch nie zuvor einen Fuß auf den schwarzen Kontinent gesetzt. Ludwig nahm wieder einen großzügigen Schluck und schüttelte den Kopf. Lächerlich. Das war ja fast so, als hätte ein Zigarettenfabrikant noch nie einen Glimmstängel zwischen den Lippen gehabt.

Sein Vater Alois hatte das Reisebüro Ende der 60er Jahre in München eröffnet. Er nannte es „Flamingo“, weil es „gut klingt und auch was Exotisches hat“. Der Tourismus war damals eine rasant wachsende Branche. Die Leute hatten Geld, der Urlaub in einem fremden Land gehörte für viele ebenso zum guten Ton, wie ein schönes Auto und der Farbfernseher. Das Geschäft florierte und Ludwig sah seinen Vater nur selten. Später, nach dem Abitur, sah er ihn täglich, denn er absolvierte im „Flamingo“ eine Lehre als Reisebürokaufmann. Es war die naheliegendste Lösung, weil Papa Alois das Geschäft eines Tages ohnehin an ihn weitergeben wollte, und weil er auf der anderen Seite keine anderweitigen beruflichen Ambitionen verspürte.

Am 4. April 1987 stieg Alois Lanzengruber morgens um sieben nach Seife duftend aus der Dusche, riss die Augen auf, griff sich ans Herz und stürzte zu Boden, wobei er unterwegs mit dem Kopf noch den Heizkörper mitnahm. Ganz so, als wollte der Tod auf Nummer Sicher gehen. Ludwigs Mutter Renate, Gott hab sie selig, folgte ihrem Mann nur wenige Monate später. Sie hatte jeden Lebenswillen verloren und ergab sich kampflos einer Lungenentzündung. Und so übernahm Ludwig Lanzengruber, noch keine dreißig Jahre alt, das Reisebüro „Flamingo“ in München.

Die Dünen am Horizont fraßen die blutende Sonne, zogen sie im Minutentakt immer tiefer in ihr sandiges Getriebe. Es herrschte eine unheimliche, rot-violette Lichtstimmung. In einem Hollywood-Blockbuster wäre jetzt wahrscheinlich ein gigantisches Raumschiff am Himmel erschienen, begleitet von der unheilschwangeren Musik eines Streichorchesters. Doch es war still, sehr still, und Ludwig setzte die Wodkaflasche an. „Prost Papa!“ rief er in die lärmlose Wüste und schickte einen dumpf rollenden Rülpser hinterher.

Zwei Jahre nach dem Tod seiner Eltern hatte er Maria kennen gelernt. Sie war Hostess auf einer Ferienmesse in Freiburg und verteilte Werbeflyer eines großen Reiseveranstalters. Sie trug ein blaues Dirndl, das ihre Kurven betonte, und ein Lächeln im Gesicht, das sein Herz sofort schmelzen ließ. Maria. Das Beste, was ihm je passiert war. Sie nahm seine etwas linkische Einladung zum Abendessen nach Messeschluss – zu seiner eigenen Überraschung – an und im Sommer 1990 gaben sie einander das Ja-Wort. Bis dass der Tod euch scheidet. Ludwig kramte, bereits etwas betrunken, in dem abgewetzten Rucksack und förderte schließlich seine Brieftasche zutage. Er klappte sie auf und betrachtete mit verschleiertem Blick ein Foto, das Maria mit ihrem damals 9-jährigen Sohn im Phantasialand zeigte. Heiter und unbeschwert, mit leuchtenden Augen. Glücklich. Der Bub kam am 24. Dezember 1992 zur Welt, am Heiligen Abend. Maria hatte ihm ins Ohr geflüstert: „Unser Christkindl…“ und so tauften sie ihn auf den Namen Christoph. Heute studiert Christoph Tourismus und Hotelmanagement in der Schweiz, und Ludwig war fest überzeugt, dass er sein Ziel, eines Tages Hoteldirektor in Singapur oder New York zu werden, erreichen würde.

Sie waren eine glückliche Familie. Das „Flamingo“ machte sie zwar nicht reich, lief aber recht ordentlich. Wenn Ludwig abends nach dem Büro nach Hause kam, es nach Braten und Geborgenheit duftete, er Maria und den kleinen Sohnemann in die Arme schließen konnte, vergaß er sogar das Sahara-Foto in seinem Büro und seine ungestillte Sehnsucht. Doch der Mensch gewöhnt sich viel zu schnell an Glück und Zufriedenheit, nimmt bald alles als selbstverständlich. Das sollte Ludwig schmerzhaft bewusst werden, als er damals, an einem vernieselten Novemberabend im Jahr 2006, nach Hause kam. Maria saß mit roten Augen auf der Couch und knabberte, nein zerfleischte mit den Zähnen ihre Unterlippe. Kein gutes Zeichen. Er nahm sie in den Arm, küsste sie sanft auf die Stirn und fragte, was denn los sei. Stumm deutete sie auf ein braunes Kuvert, das neben der Schale mit Nüssen auf dem Tisch lag. Hastig fummelte er einige Formulare und Briefe heraus, die verdächtig nach Arzt und Krankenhaus aussahen.   Er versuchte sich einen Überblick zu verschaffen, las allerhand lateinisches Zeugs und sehnte sich das erste Mal seit drei Jahren nach der beruhigenden Wirkung einer Zigarette. Schließlich lag das entscheidende Schreiben vor ihm. Er las die Worte „Befund“ und „Adenokarzinom des Dickdarms“. Ungläubig schaute er seine wunderschöne Frau an. Sie nickte und in diesem Augenblick brach die heile Welt von Ludwig Lanzengruber in sich zusammen wie ein Kartenhaus, begleitet von Marias Heulkrampf, der sich mit tausend Nadeln in seine Brust bohrte.

Fortsetzung folgt morgen! 

 

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18 Kommentare zu “Sternschnuppen, Teil I”

  1. Gefällt mir sehr: schöne Stimmung und fein verwobene Rückblenden. Bin gespannt auf die Sternschnuppen zum Schluss 🙂
    Aufgefallen ist mir das häufige „es“. Im Satz beim Alkohlschmuggel etwa: „Es war aber alles gut gegangen …“ Da könnte man leicht (und besser?) schreiben: „Aber alles war gut gegangen.“
    Jedenfalls freu ich mich auf die Fortsetzungen – wenn so was Schönes als Ersatz geboten wird, gönne ich den Eheleuten Mosern gern mal eine Pause 🙂

    Gefällt 1 Person

      1. Genau so ist es! Finde die Geschichte sehr schön geschrieben. Schwelge gerade in Erinnerungen an meine Reise in den Oman. Die Wüste, diese Stille die man mit Worten nicht beschreiben kann. Dieses Licht , diese Farben! Unvergesslich schön. Treffend beschrieben.
        Freue mich auf die Fortsetzung!
        Liebe Grüsse Süsses Gift

        Gefällt 1 Person

  2. Ich bin Ihrem Ludwig gern in die Sahara gefolgt.
    Wo wir schon bei konstruktiver Kritik waren – ich hab mal gewerblich Korrektur gelesen und daher ein überpenibles Auge:
    Im Absatz: Am 4. April 1987 … stirbt Vater Alois. Im folgenden schreiben Sie: „Seine Mutter Renate, Gott hab sie selig, folgte ihrem Mann nur wenige Monate später.“ Das „seine“ bezieht sich für einen grammatikalischen Pfennigfuchser auf Alois und Pfennigfuchser denkt, Ludwigs Oma sei gestorben.
    Ich hoffe, Sie können mit der „Kritik“ etwas anfangen, statt sich zu ärgern. Ich selbst freue mich jedenfalls immer, wenn mich andere auf Fehler oder Missverständlichkeiten aufmerksam machen. Falls es Ihnen nicht so geht ( aber so schätze ich Sie nicht sein), geben Sie mir bitte Bescheid.
    Herzliche Grüße
    Agnes

    Gefällt 2 Personen

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