Sternschnuppen, Teil II

Der große Allah führte geschickt Regie und so war es inzwischen dunkel geworden. Nur Ain Salah gab sich mit einigen Lichtern in der Ferne zu erkennen. Erneut setzte Ludwig die Flasche an. Operation, Chemotherapie, Krankenhausaufenthalte. Er lernte eine Menge über den bösartigen Killer, der die Eingeweide seiner Frau zerfraß. Er lernte, dass Darmkrebs die zweithäufigste Krebsform in Deutschland ist und jährlich 60.000 Menschen daran erkranken. Sie hörten viele tröstende Worte von verständnisvollen Ärzten und Professoren, die ihnen rieten, die Hoffnung nicht aufzugeben. „Die Hoffnung stirbt zuletzt“, dachte Ludwig. „Aber sie stirbt.“ Maria war zu Hause gestorben. Als sie merkte, dass man im Spital nichts mehr für sie tun konnte, hatte sie zu ihm gesagt: „Wickerl, i wü net do sterbn. Bring mi bitte ham.“ Vollgepumpt mit Schmerzmitteln war sie zwei Wochen später in der Nacht von ihm gegangen.

Nachdem man das Beste, was ihm je passiert war, mit einigen Kubikmetern Erde zugeschüttet hatte, glich sein Leben dem eines Roboters. Er hatte das Denken weitgehend eingestellt, seine Tage liefen mehr oder weniger automatisch ab. Aufstehen, duschen, rasieren, eine Tasse Kaffee und ein halbes Brötchen mit Erdbeermarmelade, die Fahrt ins Büro, wo er mit Frau Wagner kurz die tagesaktuellen Dinge besprach. Die Wagner war zu dieser Zeit ohnehin die Seele der Firma, die sich aufopfernd um fast alles kümmerte, während Ludwig in seinem Büro mit leerem Blick auf den Computermonitor oder das Sahara-Plakat stierte. Sein einziger Trost und Lichtblick war Christoph, der den Tod der Mutter scheinbar gut verkraftete. Im Gegensatz zu ihm stürzte er sich auf die Arbeit, schrieb weiter gute Noten und verlor sein Ziel, Direktor eines Luxushotels irgendwo im Ausland zu werden, niemals aus den Augen.

Mit der Dunkelheit war es auch kühl geworden und Ludwig zog eine verwaschene Jeansjacke über, die er vorsichtshalber noch in den Rucksack gestopft hatte. In der Flasche befanden sich noch etwa drei Fingerbreit Wodka. „Bald bin ich bei dir, Maria“ murmelte Lanzengruber und tastete nach den Tabletten in seiner Hosentasche. Schwere Schmerz- und Schlafmittel, die seiner Frau das letzte bisschen Leben halbwegs erträglich hätten machen sollen. Ohne zu wissen warum, hatte er die beiden Packungen nach ihrem Tod nicht weggeworfen.

Mit dem Reisebüro war es im Lauf der folgenden Jahre steil bergab gegangen. Ein Chef, der nur noch physisch anwesend war; ein Geschäftslokal, das wie ein Relikt aus einer vergangenen Epoche wirkte; die Wirtschaftskrise und nicht zuletzt die immer stärker werdende Konkurrenz durch das Internet. Die Menschen gingen heute nicht mehr ins Reisebüro, um sich fachmännisch beraten zu lassen, sondern googelten die günstigsten Angebote im Netz und buchten online. Die Internetseite des „Flamingo“ war so wie das kleine Straßenlokal – antiquiert, verstaubt, altmodisch, nicht viel mehr als ein elektronischer Werbeprospekt. Die Umsätze gingen bedrohlich zurück, aber Ludwig unternahm nichts, ging scheinbar offenen Auges auf den Abgrund zu. Auch die mahnenden Worte von Frau Wagner bewirkten nichts, meist wimmelte er sie ab und täuschte wichtige Telefonate oder Termine vor.

Am 2. Mai, es war der vierte Todestag von Maria, saß Ludwig Lanzengruber wie immer in seinem Büro und versuchte, nicht zu denken. Er starrte auf die majestätischen Sanddünen und die zwei stolzen Tuareg auf ihren Kamelen. Und plötzlich zuckte ein Gedanke durch sein Hirn, ein Satz stand in brennenden Lettern vor seinem geistigen Auge: „Venedig sehen und sterben“. Ein berühmtes Zitat aus einem Film oder einem Buch. War es aus Thomas Manns „Tod in Venedig“? Egal. Ludwig nahm einen Schluck Kaffee aus der weißen Tasse mit dem Aufdruck „Unser Chef ist der Beste“ (ein Geschenk von Frau Wagner aus besseren Zeiten) und sagte: „Die Sahara wird mein Venedig.“ Die Entscheidung war gefallen. Er würde in die größte Trockenwüste der Erde reisen und seinem Leben, das ohnehin nur noch auf dem Papier existierte, ein Ende setzen. Schlagartig fühlte er grenzenlose Erleichterung und zum ersten Mal seit langer Zeit hatte er wieder ein ehrliches Lächeln auf den Lippen.

Das war vor knapp drei Wochen gewesen. Er hatte sein letztes Sparbuch, den Notgroschen für alle Fälle, geplündert und den alten Land Rover gekauft, dazu ein Navigationsgerät, ein paar Benzinkanister, Landkarten und wüstentaugliche Kleidung. Die Tabletten seiner Frau füllte er in ein leeres Röhrchen, das den Aufdruck „Vitamin C Brausetabletten“ trug, und verstaute sie unauffällig im Erste-Hilfe-Koffer. Seinem Sohn Christoph und Frau Wagner erzählte er, dass er dringend eine Auszeit benötige und er sich den alten Traum von einem Wüsten-Trip erfüllen wollte, um Kraft zu tanken. In zwei, spätestens drei Wochen würde er wieder an seinem Schreibtisch sitzen. Die Lüge kam ihm so leicht über die Lippen, dass niemand Verdacht schöpfte.

Nun saß er also hier. Endlich angekommen. Ludwig stand auf, torkelte ein wenig, und machte ein paar Schritte weg von seinem Sitzplatz. Er starrte in die Schwärze der Nacht, öffnete seine erdfarbene Khakihose und pisste in hohem Bogen in die Wüste. „Meine letzte Amtshandlung“ dachte er. Dann ließ er sich in den Sand fallen und starrte am Rücken liegend in den Nachthimmel.

Es war atemberaubend. Milliarden funkelnder Sterne breiteten sich vor ihm aus. „Oh mein Gott!“ krächzte er und eine nie gekannte Ehrfurcht erfüllte sein Herz. Bewegungslos lag er da und spürte, wie sich das perlenbestickte Firmament über ihn legte wie eine warme, schützende Decke. Man konnte nicht sagen, dass Ludwig Lanzengruber – obwohl katholischer Bayer – ein religiöser Mensch war. Zeitlebens hatte er eine durchaus pragmatische Sicht auf die Dinge des Lebens gehabt. Er zahlte zwar brav seine Kirchensteuer, hatte seine Maria kirchlich geheiratet und Christoph taufen lassen, doch ansonsten hatte er mit der katholischen Kirche nicht viel am Hut. Scheinheiliges Pack und „Kerzlschlucker“ nannte er sie im Stillen. Aber in diesem unbeschreiblichen Augenblick fühlte er sich als Teil eines göttlichen Ganzen. So wie er früher über das Bild in seinem Büro in eine andere Welt eingetreten war, öffnete sich in dieser anderen Welt nun eine weitere, ungleich größere Tür in eine andere Dimension. Ludwig tauchte ein in diese Unwirklichkeit und verschmolz mit der Unendlichkeit des Universums. In tiefen, langsamen Zügen atmete er die klare Nachtluft. Er war nicht mehr trunken vom Alkohol, dessen Wirkung sich ins Nichts aufzulösen schien – er war vielmehr trunken vor purem, reinem Glück. Warme salzige Tränen liefen über das Gesicht des Münchner Reiseunternehmers, der in den letzten Jahren viel zu schnell gealtert war. In der nächsten Sekunde zogen kurz hintereinander zwei Sternschnuppen ihre letzte Bahn über den afrikanischen Himmel – schnell, wünsch dir was! Und Ludwig musste nicht überlegen: „Ich will leben!“ flüsterte er, überwältigt von dieser Erkenntnis. Die Reise in die Sahara war keine Reise in den Tod, sondern ins Leben. Der Neubeginn. Das Ende musste warten, er hatte noch so viel vor in dieser wunderbaren, neuen Welt. Er rappelte sich auf, zog das Tablettenröhrchen aus der Hosentasche und warf es soweit er konnte in den schwarzen Schlund der Wüste. Dabei schrie er aus Leibeskräften: „Ich werde leben!!!“.

Verpassen Sie morgen nicht das große Finale!

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18 Kommentare zu “Sternschnuppen, Teil II”

  1. Seeehr gute Lesekost!

    Mein Vater starb an Darmkrebs, er ging nie zur Vorsorge, dachte wohl, als halber Luis Trenker wird er noch ewig in die bayrischen Berge stürmen können…

    Und…Er nannte mich Ludwig.

    Liebe Frühlingsgrüße vom Lu

    Gefällt 3 Personen

  2. Schön, jetzt funktionierts (immer diese Technik)! Dann schließe ich mich gleich mal book2cats an und fordere ein längeres Mosersches Prosa-Manuskript! Auch ich bin sehr gespannt, was jetzt noch kommt, hätte ich doch mit den Sternschnuppen erst am Ende gerechnet 🙂
    Ein paar Kleinigkeiten, wenn’s beliebt:
    – Hier würde ich das „über“ weiter nach vorne nehmen, sonst hockts hinten allein und einsam: „… Jeansjacke, die er vorsichtshalber noch in den Rucksack gestopft hatte, über.“ Also: „… Jeansjacke über, die er …“
    – Bei diesem Satz bin ich übers Tempus gestolpert: „Schwere Schmerz- und Schlafmittel, die seiner Frau das letzte bisschen Leben halbwegs erträglich machen sollten“ Er hat die Tabletten ja jetzt in der Tasche, irgendwie passt das nicht. Müsste eher heißen „hätten erträglich machen sollen“ oder „erträglich gemacht hatten“.
    – der allerletzte Punkt ist wohl falsch 🙂 Nach direkter Rede kommt nix mehr 🙂
    Liebe Grüße!

    Gefällt 3 Personen

  3. Endlich! Nach dem 3. Anlauf ihre Geschichte zu lesen, habe ich es nun endlich geschafft. Stressiger Tag!
    Eine Geschichte die das Leben schreibt. Manchmal kommt so eine Sternschnuppe ganz unverhofft vom Himmel und man sieht alles plötzlich mit anderen Augen. Sozusagen ein Happyend.
    Liebe Grüsse Süsses Gift

    Gefällt 1 Person

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