Senf & Chaos

Ich weiß nicht, ob ich es schon mal erwähnt habe, aber ich bin ein Ordnungsjünger, ein Verfechter und fanatischer Anhänger der Ordnung. Das meine ich jetzt nicht aus juristischer Sichtweise, sondern eher im symmetrischen, dem Auge gefälligen Sinne. Rechte Winkel, Abstände, Verhältnisse, Proportionen spielen in meinem Alltag eine nicht unbedeutende Rolle. Die sechs Stühle am heimatlichen Esstisch müssen sich exakt gegenüberstehen, ihr Abstand zur Tischkante sollte annähernd gleich sein (+/- 3 cm). Ein verrückter (sic!), leicht schräg stehender Sessel lässt mich nicht ruhen, ich muss von der Couch aufspringen und ihn gerade rücken. Ebenso verhält es sich mit Büchern, CDs und DVDs, die in unseren Regalen millimetergenau Rücken an Rücken Spalier stehen. Bei unserem Osterbrunch für Familie und Freunde verbrachte ich 45 Minuten damit, Teller, Gläser, Besteck, Servietten, Marmeladeschälchen, Brotkorb, Saftkaraffen und sonstiges Zubehör in eine optisch ansprechende Ordnung zu rücken, die auch praktikabel ist. Ich habe den Tisch wohl Dutzende Male um arrangiert, ehe Heidi meinen Rochaden mit den Worten „Moser, es reicht!“ Einhalt gebot.

Es versteht sich von selbst, dass auch der Schreibtisch in meinem Büro bis aufs kleinste Detail meinen hohen ästhetischen Anforderungen entspricht. Die Bleistifte sind nach Länge und Härtegrad geordnet, das Mauspad befindet sich in einem genau definierten Abstand rechtwinklig zur Computertastatur, und das silbern gerahmte Foto meiner Heidi steht in einem 45° Winkel zur unteren Schreibtischkante links vom Monitor. Auch der Inhalt der sechs Schubladen folgt einem eigens von mir entwickelten Ordnungsprinzip, das mir das Büroleben nicht nur erleichtert, sondern überhaupt erst ermöglicht.

Mein Kollege Cerny ist da aus gänzlich anderem Holz geschnitzt. Sein Schreibtisch ist das papiergewordene Chaos, das Sodom und Gomorra eines sorgfältigen Back Officers, der Super-GAU für Ordnungsfetischisten. Für Cerny mag es ordentlich sein, wenn er alle unerledigten Unterlagen auf einem Stapel sammelt, für mich bedeutet schon der Stapel an sich Unordnung. Als ich einmal wagte, ihn auf die anarchischen Zustände auf seinem Schreibtisch anzusprechen, entgegnete er mitleidig: „Ein Genie liebt das Chaos, nur der Dumme braucht Ordnung!“ „Ordnung ist das halbe Leben!“ gab ich entrüstet zurück. „Ich lebe in der anderen Hälfte“, war seine lakonische Antwort. Wie Sie sich vorstellen können, macht diese Einstellung eine friedliche Koexistenz in einem 20 m2 Büro nicht einfacher.

Letzten Donnerstag trieb es der Meisterchaot wieder mal besonders bunt. Seine braune Regenjacke landete bei der morgendlichen Ankunft völlig acht- und planlos, dem reinen Zufallsprinzip gehorchend, auf dem Garderobenhaken. Dort hing sie nun, ein Ärmel nach innen gestülpt und seltsam verdreht, wie ein verwundetes, überfahrenes Reh. Allein dieser Anblick trieb mich schon in den Wahnsinn, und es kostete mich einige Überwindung, nicht sofort zur Garderobe zu stürzen und die Jacke glatt zu streifen.  Wenig später suchte Cerny wild fluchend nach Heftklammern, riss eine Schublade nach der anderen auf und wühlte sich vergeblich durch das Tohuwabohu. Ich warf ihm ein Päckchen aus meinen sorgsam archivierten Beständen zu und lächelte: „Mit freundlichen Grüßen aus der ordentlichen Hälfte des Lebens!“

In der Mittagspause wärmte sich der werte Herr Kollege in der kleinen Etagen-Küche ein paar Frankfurter (im Rest der Welt Wiener genannt). Er hatte auch süßen Senf mitgebracht, und drückte nun einen großen braunen Haufen auf den Teller. Aber ich traute meinen Augen nicht! Cerny packte die Senftube wie einen Baseballschläger an, mit festem Griff irgendwo in der Mitte, und quetschte ohne Sinn und Verstand drauflos. Danach verschloss er die Tube mit dem kleinen grünen Schraubdeckel, und warf sie, erwürgt, ermordet und formlos, in die oberste Schublade (unterste Schublade hätte besser gepasst). Mit schreckensgeweiteten Augen und offenem Mund starrte ich Cerny an. Der fragte nur: „Was is?“ und biss in sein Würstchen. „You tube!“ stammelte ich Richtung Senf. „Kein Internet für private Zwecke!“ meinte der Kollege, schlug die Zeitung auf und legte die Beine auf das letzte freie Plätzchen seines vollgeräumten Schreibtisches.

Ich konnte dem Irrsinn nicht länger zusehen und verließ umgehend das Büro. Allerdings nicht ohne kurzen Zwischenstopp an der Garderobe, um den Ärmel von Cernys Regenjacke aus seiner misslichen Lage zu befreien. Auch wenn es zum aus der Haut fahren ist, manchmal kann man nicht aus seiner Haut.

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37 Kommentare zu “Senf & Chaos”

  1. Lieber Herr Moser!

    Die Senftubenleiche wurde ja scheinbar nur von Ihnen als eine solche wahrgenommen, was ich sehr bedauerlich finde. Zu gerne hätte ich noch mehr über Wiener Kriminalfälle im Würstchenmillieu gehört. Doch ich habe Hoffnung, dass Sherlock Moser noch der ein oder anderen Missetat in der Küche auf die Spur kommen wird 🙂

    Herzliche Grüße
    Mallybeau

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  2. Ich tippe mal auf Steinbock als Sternzeichen oder (fast noch schlimmer) als Aszendent. Denen sagt man den Hang nach, Kippen im Aschenbecher zu sortieren, dass die Filter alle in eine Richtung liegen. Ach, Jungfrauen sind nur angeblich ähnlich, DAS müsste ich nämlich wissen.
    Grinsend
    Christiane 😉

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    1. Ich kann aus eigenen Bemerkungen zu mir und meiner Ordnung im Schrank sagen, dass die Ordentlichen doch immer die Jungfrauen sind, besonders die Aszendenten. – Ach, du bist also auch Jungfrau. – Mit Steinböcken reicht meine Erfahrung nicht, denn die halbe Familie oder mehr besteht aus Skorpionen – und die sind in Bezug auf Ordnung viel zurückhaltender.
      Mit besten Grüßen von Clara

      Gefällt 2 Personen

      1. Neee, da unterscheiden wir uns grundlegend. Ich habe die Jungfrau nur im Aszendenten, ich bin strukturiert, aber nur bedingt ordentlich.
        Aber okay, das sollte eigentlich nur ein Witzchen sein, Astrologie ist meiner Erfahrung nach eine ziemlich komplexe Sache, wenn man sie nicht auf Zeitungsniveau betreibt.
        Liebe Grüße
        Christiane

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        1. Sehe ich ja auch so. Ich bin „hauptberuflich“ Löwin und im Aszendent als Jungfrau unterwegs. – Wenn das mit der Ordnung stimmen soll, habe ich eine Menge davon abbekommen. Oberflächlich ist meine Wohnung meist ordentlich, aber nicht unbedingt geputzt.
          Mit Gruß von Clara

          Gefällt 2 Personen

          1. Generell finde ich das schwierig zu entscheiden. Was ist „ordentlich“, was ist „unordentlich“? Wo zieht wer mit welcher Berechtigung die Grenze, und für wen gilt das? (Das ist übrigens, was ich mit „strukturiert“ meine.)
            Unordentliche Grüße
            Christiane 😉

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            1. Unodentliche Grüße sofort freudig begrüßt. – Ich brauche für mich eine gewisse Ordnung, weil ich ein wahnsinnig schlechtes Gedächtnis habe und sonst nichts finden würde.
              Mein Rücken ist durch das Heizkissen heute Nacht etwas besser, aber ich mache jetzt sicherhheitshalber den Computer aus.
              Mit Gruß von mir

              Gefällt 2 Personen

  3. Ja, es ist so! Es gibt Zwänge – da kann man nicht anders.
    Hängt ein Bild Schief – ich muss es gerade richten. Ich wurde im Kunsthistorischen Museum zu Wien ernstlich ermahnt.
    Aber ich übe: zu hause hängt das eine oder andere Bild schief.
    Wann rücke ich es zurecht? Einmal früher, einmal später.
    Sollte es mir gelingen ein schiefes Bild einmal ein Stunde so hängen zu lassen, dann traue ich mich wieder in ein Museum.
    Ich übe das Chaos.
    liebe Grüße
    Harry

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  4. Oh, oh, oh, Herr Moser. Wie gut, dass wir nicht per Videochat miteinander konferieren – Sie würden angesichts meines Schreibtisches einen Herzinfarkt bekommen 😉
    Senftuben werden bei mir nur deshalb nicht gequält, weil ich Senf in Gläsern kaufe 😉 Wie kommt denn Ihre Heidi mit Ihrem Zwänglern zurecht? Sie besitzt gewiss eine große Portion Humor.
    Liebe Grüße aus meinem Berliner Chaos.

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