Teamgeist

In den letzten Tagen löcherte mich das p.t. Publikum mit der Frage nach der Marketing-Regentschaft unserer lieben Svetlana Pfotenhauer, die am 2. Mai unter der Protektion von Direktors Gnaden den Vermarktungsthron unserer Fischkonservenproduktion bestiegen hatte. Und ich meine, zwischen den Zeilen der neugierigen Anfragen der vorwiegend weiblichen Leserschaft eine gewisse Schadenfreude, wenn nicht gar Stutenbissigkeit herauszulesen. Sie Armer, schrieb man, wie ergeht es Ihnen unter Svetlana? Haben sich die Befürchtungen erfüllt, ist die Direktorsgattin tatsächlich so blond und unfähig? Ich vermute, dass die Moser-Getreuen auf eine nervige Schreckensherrschaft der Slowakin hofften, um in den Genuss zahlreicher abenteuerlicher Anekdoten zu kommen, die zum Schenkelklopfen verleiten. Marketingchefin Svetlana Pfotenhauer im Clinch mit Abteilungsleiter Moser – das ist der Stoff, aus dem die lachtränenfeuchten Träume meiner Leser sind.

Doch ich muss Sie enttäuschen. Seit ihrem Dienstantritt vor knapp einer Woche hat sich Svetlana nichts zuschulden kommen lassen. Keine voreiligen Marketing-Schnellschüsse, um sich zu profilieren; kein Von-oben-herab-Behandeln der Mitarbeiter, kein Tussi-Getue. Und was ich ihr besonders hoch anrechne: Sie bat mich gleich am ersten Tag  um ein Vier-Augen-Gespräch, es sei ihr an der persönlichen Meinung eines erfahrenen und langgedienten Mitarbeiters sehr gelegen. Sie empfing mich in einem eine Spur zu tief dekolletierten schwarzen Business-Hosenanzug, wohl um mich auf die Probe zu stellen, und bot mir gleich zu Beginn das Du-Wort an: „Ich bin Lana!“ Verdutzt antwortete ich: „Ich bin Herr Moser.“ „Jetzt, wo wir Kollegen sind, können wir uns doch duzen“, meinte sie mit einem aufreizenden Lächeln. Ich war auf der Hut und stellte klar, dass ich kein Freund von Ikea-Verhältnissen bin und innerbetrieblich das höfliche Sie bevorzuge. Ich erläuterte, dass ich schon als Kind meine Haustiere stets gesiezt habe, was sie mir mit Respekt und Folgsamkeit dankten. Wenn ich morgens meinem Goldfisch Flipper Trockenfutter ins Aquarium streute, begleitete ich dies mit den Worten: „Hallo Flipper! Haben Sie gut geschlafen? Ich wünsche Ihnen guten Appetit mit Tetra Pond Goldfish Premium Mix!“ Und wenn unser Familien-Rauhaardackel Wickie beim Gassi gehen minutenlang einen Kastanienbaum anknurrte (ich vermute, dass er etwas zurückgeblieben war), ermunterte ich ihn mit „Heben Sie die rechte Hinterpfote, lieber Wickie, und lassen Sie es laufen! Der Baum beißt Sie nicht ins Gemächt, ich schwöre!“ Der Dackel vertraute mir und sah mich dankbar aus seinen braunen Augen an, als er die Kastanienwurzeln nässte.

Svetlana lauschte interessiert meinen Ausführungen, gebot mir aber nach zehn Minuten mit erhobener Hand Einhalt: „Ich habe verstanden, Herr Moser! Nun zum Geschäftlichen. Was ist, Ihrer geschätzten Meinung nach, das wichtigste Marketinginstrument?“ Ich ließ meinen Blick aus dem Dekolleté zurückwandern zu ihren fragend erhobenen Augenbrauen und antwortete spontan: „Zufriedene Mitarbeiter. Loyale und motivierte Mitarbeiter sind die Basis jedes geschäftlichen Erfolges!“ Svetlana schien mit meiner Antwort einverstanden, denn sie nickte zustimmend: „Gut erkannt, lieber Moser. Erwin, also Herr Direktor Pfotenhauer, und ich haben uns dazu ebenfalls Gedanken gemacht…“ Ich witterte Prämien und Bonuszahlungen, doch die Marketingdirektorin überraschte mich mit der Feststellung: „Daher haben wir beschlossen, mit den leitenden Angestellten eine Incentive-Reise zu unternehmen. Teambuilding, Steigerung der Arbeitsmoral, Unternehmensbindung, Verringerung der Fehlzeiten von Mitarbeitern et cetera pe pe.“

„Eine sehr schöne Idee!“, beeilte ich mich zu versichern. „Ein Wochenende am Bodensee oder in Venedig  auf Firmenkosten wird die Arbeitsmoral sicher enorm steigern!“ „Nein, nein, mein werter Herr Moser! Die Reise geht nach Guatemala – wenn schon, denn schon!“ lächelte Lana. Ich war baff. „Sie meinen nach Guatemala, das Land der verheerenden Erdbeben, Vulkanausbrüche und der enormen Kriminalitätsrate? Eine Incentive-Reise mit gut 16 Stunden Flugdauer, und das bei meiner Flugangst?“ brach es aus mir heraus. „Das kann ich nicht annehmen. Danke, aber das ist viel zu teuer. Wie wäre es mit Florenz?“ „Jetzt machen Sie nicht die Pferde scheu“, winkte Frau Pfotenhauer ab. „Denken Sie an die Tempelstadt der Mayas im Dschungel, die alten Indio-Kulturen. Sie werden in eine völlig andere Welt eintauchen! Und jetzt gehen Sie und informieren Sie Ihren Kollegen Cerny!“ Oh mein Gott. Eine 16-Stunden-Flugreise in ein wildes Land Zentralamerikas an der Seite von Dr. Jonas Cerny. „Könnten wir vielleicht meine Frau Heidi anstatt den Cerny mitnehmen?“ frug ich schüchtern. Svetlana prustete laut lachend: „Sie Witzbold!“

Anscheinend muss ich meine ursprünglich positive Meinung über die neue Marketingdirektorin nochmals gründlich überdenken.

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11 Kommentare zu “Teamgeist”

  1. Lieber Herr Moser!

    Welch unerwarteter Auftritt der werten Frau Pfotenhauer! Marathonmann Cerny dürfte im Dschungel sicherlich keinerlei Probleme haben. Und ich denke, dass Sie mit Ihrem Talent zu originellen Ausreden auch noch ein triftiger Grund einfallen wird, nicht die Mayakultur begutachten zu müssen.
    Vielleicht hat die Chefin ja ein Herz für Tiere und es hilft bereits die Ausrede: Mein Erdmännchen Toni ist erkältet und bedarf ständiger Pflege 🙂

    Herzliche Grüße
    Mallybeau

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  2. Ach Herr Moser, ich erinnere mich unzähliger Firmenausflüge. Angetrunkene Kolleginnen fielen vom Floss beinahe in einzig richtig temperiertes…in’s Wasser. Ein neuer Geschäftsführer beendete das Leid, seitdem gibt’s Prämien, die ich allsamt in Schuhe statt in Alkoholika umsetze. Hoch geschlossene selbstverständlich;-)

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  3. Hach je, da fehlen mir ja fast die Kommentierworte.
    Zugegeben – auch ich hatte mich heimlich auf schöne Svetlana-tritt-ins-Fettnäpfchen-Geschichten gefreut und ja, als ich las, dass sie sich keinen schlimmen Fauxpas geleistet hatte, war ich froh für Sie, gleichzeitig aber auch ein bisschen enttäuscht.
    Und nun diese Wendung. Guatemala. Nein, nun haben Svetlana und Sie mich doch glatt von den Socken gehauen.
    Das muss ich dann erst einmal verdauen 😉
    Herzliche Grüße

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  4. Lieber Herr Moser
    Ich gehe gerne an Ihrer Stelle und verspreche auch, das Siezen aufrecht zu erhalten…
    Ich bin mir nicht sicher, warum ein so weites Reiseziel… der Sinn etc. …aber mit Freude wäre ich dabei (es sei denn, es wird zu einem Dschungelcamp)…😂
    Liebe Grüße. Priska

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