Hü hott!

Nach einem etwas zu trocken geratenen Zwiebelrostbraten in einem muttertagsbedingt überfüllten Gastgarten mit überfordertem Servierpersonal entführten wir Heidis Mutter gestern zum Ausklang ihres Ehrentages in die Wiener City. Angeblich, um irgendwo einen Kaffee zu trinken oder ein Eis zu essen – über unsere wahren Pläne ließen wir Schwiegermama Inge vorläufig im Dunkeln. Heidi wollte ihr nämlich als Überraschung eine Fahrt im Fiaker spendieren, was ich ihr zunächst als Touristen-Nepp ausreden wollte, doch sie war überzeugt, ihre Mama damit in den siebten Muttertagshimmel katapultieren zu können. Und tatsächlich! Als wir Richtung Stephansdom spazierten und der Pferdedunst unüberriechbar die warmen Mailuft würzte, verriet Heidi das wahre Ziel unseres scheinbar zufälligen Spazierganges. Inge stieß einen spitzen Schrei aus, und bekleckerte vor Freude ihr blau-weiß gepunktetes Feiertagskostüm mit einer Kugel Malaga-Eis.

Wir näherten uns dem Standplatz der Kutscher und ich raunte Heidi zu: „Überlass das mir!“ Rasch schob ich mir noch einen Kaugummi in den Mund, um meinem texanischen Akzent mehr Glaubwürdigkeit und Ausdruck zu verleihen. Meiner lieben Frau schwante wahrscheinlich Böses, denn sie versuchte mich noch am Ärmel festzuhalten, aber ich stand schon beim nächstbesten Fiaker, der sich mit seinem „Küss die Hand, die Herrschaften! Mach ma a klane Rundfahrt? Mit da Mama?“ als waschechter Wiener zu erkennen gab. „Hi Sir! How much is a trip with your lovely horse-kutschn?“ spielte ich mit urigstem Amerikanisch den naiven Touristen aus Übersee. „Fiftyfive juro for twenty minutes, eighty juro for fourty minutes“, erläuterte der grinsende Kutscher und spielte mit einem messingfarbenen Pferdekopf, der um seinen Hals baumelte. „Frag ihn, ob auch Hofburg und Heldenplatz am Programm stehen“, mischte sich Schwiegermama Inge aus dem Hintergrund ein. Ich übersetzte pflichtgemäß. Nachdem wir die Eckpunkte der Route auf Englisch geklärt hatten, gab ich mich als Eingeborener zu erkennen: „We are not from Texas, mir san Eingeborene aus Wien-Floridsdorf. Was kostet die kleine Runde jetzt?“

„55 Euro“, antwortete der Kutscher ungerührt und streckte mir seine klobige Hand hin, wahrscheinlich um den Fahrpreis zu kassieren. Ich schlug ein, gab ihm *Five* und bestätigte: „Deal!“ „Gewusst wie“, zwinkerte ich meinen beiden Ladies zu. Dem braunen Ross, das bereits unruhig mit den Hufen scharrte, gab ich einen professionellen Klaps aufs Hinterteil, worauf es den Schweif hob und eine große Portion Pferdeäpfel spendierte.

Nachdem wir etwas umständlich in die enge Kutsche geklettert waren, bat ich unseren Pferdelenker: „Excuse me Sir, can you please take a selfie from us?“ „Schuuur“, gab er mir zu verstehen und meinte damit wohl sure, „oba erst noch da Tour und nochn Zoin.“ Jetzt erwartet der Kerl wahrscheinlich auch noch ein Trinkgeld, weil wir Einheimische sind.

Als Schwiegermama Inge mit Geduld, Spucke und mit Hilfe eines Taschentuchs endlich den Malaga-Fleck aus der Bluse entfernt hatte, konnte auch sie die klappernde Fahrt über das Kopfsteinpflaster unbeschwert genießen.

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17 Kommentare zu „Hü hott!“

  1. Ach diese Leidenschaft.
    Das kenn ich auch. Wenn die einen packt, dann…. weiß auch nicht so genau.
    Auf jeden Fall vielleicht, denk ich dann immer.
    Pferd und Wagen, Kopfsteinpflaster, das waren noch Zeiten, als die Bauern noch keinen Traktor hatten. Bei uns im Dorf gab es vor wenigen Jahren noch 2 Bauern, die mit Pferd und Wagen ihr Geschäft erledigten.
    Damals gab es auch noch so schöne stinkende Autos ohne Diesel.
    Gestern hab ich Rennwagen aus Opas Zeiten ganz nah und auch laut erlebt.
    Tolle Veranstaltung auf der Rennbahn im Schlosspark zu Rastede.
    Ich hab`n paar Fotos geschossen, konnte aber leider nur 2 kurze Videos hochladen.
    Wer mag, hier mein Bericht (für die ausländischen Gäste auch mit meinem Schulenglisch und Nachschlagewerk):
    https://4alle.wordpress.com/2017/05/15/vintage-race-days-rastede-foto-impressions/
    Ich wünsche mir weitere Ausritte mit/für Heidis Mama.
    Ein Pferd kostet ja nicht `die Welt´.
    Gute Woche an alle Mosers
    Jürgen aus Loy (PJP)

    Gefällt 1 Person

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