Fake News

Ich gebe zu, dass mein vielleicht etwas ungewöhnlicher Antrag bei der Guatemalareise-Präsentation einigen Staub aufgewirbelt hat. Ich habe darauf bestanden, dass die Teilnehmer im Falle eines Flugzeugabsturzes verbindlich auf den Verzehr von Menschenfleisch verzichten, da ich keine Firmenkollegen verspeisen und verdauen möchte bzw. selbst nicht angeknabbert werden will. Dies sorgte für aufgeregte Tumulte und ist heute noch, Tage später, Gesprächsstoff unter den verstörten Bürohengsten und –stuten. Doch sobald ich mich so einem Grüppchen tratschender Kollegen nähere, verstummen die Gespräche schlagartig und ich werde aus den Augenwinkeln mit argwöhnischen Blicken gemustert. Ich hatte mit meinem Antrag eine wie mir scheint durchaus vernünftige Diskussion angestoßen, doch nun fühlte ich mich ausgestoßen.

Gestern erreichte das Moser-Mobbing einen neuen Höhepunkt: Als ich morgens den Aufzug bestieg, klebte da in Augenhöhe ein A4-Ausdruck, der mir die Zornesröte ins Gesicht trieb. Zu sehen war ein Foto von unserer Faschings-Betriebsfeier, wo ich mich mit gelackter Frisur, Scherzbrille und künstlichem Schuppenteppich auf den Schultern als Dr. Jonas Cerny verkleidet hatte. In diesem höchst originellen Outfit stand ich am Buffet, in der erhobenen Rechten hielt ich eine gebackene Hühnerkeule und grinste dämlich in die Kamera. Ein Foto, das es im Rahmen der Faschingsberichterstattung sogar in unsere Hauspostille „Konserviert!“ geschafft hatte. Nun hatte irgend so ein Spaßvogel dieses harmlose Bild digital bearbeitet und mittels Photoshop das Backhendl gegen eine bleiche, behaarten Männerwade mit schwarzer Socke ausgetauscht und folgenden reißerischen Text dazu geschrieben: Flugzeugabsturz in Guatemala: Moser verspeist Kollegen und mutiert zum Cerny! Fassungslos riss ich den entarteten Schund runter und stürmte Richtung Büro.

Unterwegs begegnete mir unsere Putzfrau Editha, die eben grinsend und mit verdächtig geröteten Augen die Herrentoilette verließ. Als sie mich erblickte, rief sie in Anspielung auf die erfolgreiche ZDF-Sendereihe Lafer, Lichter, Lecker: „Moser, Cerny, Lecker!“ Dazu schallte ihr ukrainisches Lachen laut über den Gang: Chua, chua, chua!! Ich schrieb den geschmacklosen Scherz ihrem THC-vernebelten Zustand zu und war ihr auch nicht weiter böse. Böse war ich auf den Idioten Cerny, der schon seit Monaten auf eine Gelegenheit lauerte, sich für meine Verkleidung zu revanchieren, und der wahrscheinlich als Urheber hinter diesen kannibalischen Fake News steckte.

Der junge Wirtschaftsdoktor saß harmlos tuend an seinem Schreibtisch und lauschte angestrengt in seine Kopfhörer. „Stecken Sie hinter diesem diskriminierenden Machwerk?“ rief ich und schleuderte das Blatt auf seine Tastatur. Cerny blickte hoch und sprach langsam und überdeutlich: „Mi nombre es Jonas, pero todo el mundo me iamma Cerny. Donde esta la iglesia?!“ Im ersten Moment verstand ich nur spanisches Gebrabbel, wie ich aber später erfuhr, bedeutet es ungefähr so viel wie Mein Name ist Jonas, aber jedermann nennt mich Cerny. Wo ist die Kirche? Jetzt lernte der Angeber in Vorbereitung auf Guatemala doch tatsächlich Spanisch, um vor unserer Reisegruppe mit der Landessprache brillieren zu können. So schnell wollte ich mich aber nicht geschlagen geben. In Windeseile rekonstruierte ich meine gesammelten Spanisch-Kenntnisse aus dem letzten Mallorca-Urlaub, hielt Cerny den Ausdruck unter die Nase und schrie ihn theatralisch an: „Buenas dias! Vamos a la playa! Una cerveza por favor! Grande! Si, aqua con gas, hola!“ Dank ausgefeilter Mimik, Betonung und Gestik sollte es klingen wie Jetzt geben Sie es doch zu! Diese geschmacklose Fälschung geht auf ihr Konto, Sie Schurke!

Scheinbar ist Cernys Spanisch-Studium noch nicht sehr weit gediehen, denn ich musste ihm meine Anklage ins Deutsche übersetzen, ehe er auf „inocente“ plädierte. Ich habe die Verhandlung vertagt.

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4 Kommentare zu “Fake News”

  1. Lieber Herr Moser!

    Da dieser Beitrag mit „Fake News“ betitelt ist, vermute ich stark, dass es gar keine Fotomontage mit Ihrem Abbild gab. Wahrscheinlich sitzen Sie jetzt gemütlich mit dem Kollegen Cerny in der Kantine und lachen sich ins Fäustchen 🙂

    Herzliche Grüße …. ich muss immer noch über Agathe Bauer lachen 🙂
    Mallybeau

    Gefällt 1 Person

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