Aus dem Leben eines Taugenichts

Letztes Wochenende war mein letztes Wochenende im sicheren Hafen unseres Reihenhäuschens an der Seite meiner lieben Adelheid, weil ich ja bereits am kommenden Wochenende das traute, erdige Heim gegen ein wackeliges Flugzeug nach Guatemala tauschen muss. Ich habe bereits alle Vorkehrungen getroffen, mir verschreibungspflichtige Medikamente gegen Flugangst besorgt, ein Testament aufgesetzt, meinen Koffer gepackt und bereits zweimal umgepackt und um eine Hausapotheke sowie Reserve-Sonnenbrillen ergänzt. Ich bin nun auf alle Eventualitäten vorbereitet und fest entschlossen, bis zum Abflug die Vorzüge des Wiener Reihenhauslebens in vollen Zügen zu genießen. Also schnappte ich mir am sonnig-heißen Sommersamstag ein Büchlein, um mich in unserem bunt blühenden Garten ein wenig der Weltliteratur hinzugeben und zu entspannen. „Aus dem Leben eines Taugenichts“ von Joseph von Eichendorff schien mir die richtige literarische Inspiration. 112 Seiten in einem winzigen Reclam-Heftchen, das wird wohl bis zum Mittagessen zu schaffen sein. Heidi huschte während dessen durch die Botanik und fotografierte für ihren Instagram-Account Bienen bei der Arbeit.

Seite 3:Da trat der Vater aus dem Hause, er hatte schon seit Tagesanbruch in der Mühle rumort und die Schlafmütze schief auf dem Kopfe, der sagte zu mir: „Du Taugenichts! Da sonnst du dich schon wieder, da dehnst und reckst dir die Knochen müde und lässt mich alle Arbeit allein tun!“ stand da geschrieben, als es aus der nordöstlichen Ecke unserer Siedlung erschallte: „Leoooo! Hüf ma, die Toschn zum Auto trogn! Oba mit Lichtgeschwindigkeit!“ Die Kohlmeisen zwitscherten, sonst herrschte Stille. „Leoooo! Sofurt! Jetzt!!“ – „I find mei Lodekabel ned! Woat!“ Das klang ganz nach dem glatzköpfigen Herrn König und seinem stets ungehorsamen Sohn Leo. Es dauerte einige Minuten, bis ich die Ladekabel-Problematik im Hause König geistig verarbeitet hatte, und mich wieder der Eichendorff´schen Welt, wo leere Akkus mit keinem Wort vorkommen, zuwenden konnte.

Seite 5: Wie aber denn die Sonne immer höher stieg, rings am Horizont schwere weiße Mittagswolken aufstiegen und alles in der Luft und auf der weiten Fläche so leer und schwül und still wurde… Kaum war ich wieder in das ländliche Idyll des Dichters eingetaucht, wisperte es an meinem linken Ohr durch die Bambuspalisaden: „Guten Morgen Herr Nachbar, könnten´S mir vielleicht a Wasserwaag leichen?“ (Der Wiener sagt gerne leichen anstatt leihen – Anm.). Da man ja nicht ungefällig erscheinen will, nuschelte ich „Ja, ein Momenterl!“ und wälzte mich aus dem zitronengelben Liegestuhl. Im Abstellraum erwartete mich allerdings ein völlig ungewohntes Szenario, da Heidi in einer stillen Minute dort eine Ordnung geschaffen hatte, die ich so nicht kannte. Jedenfalls stand die Wasserwaage nicht dort, wo ich sie vermutet hatte und es dauerte dank Heidis gefinkelter Umstruktierung rund zwanzig Minuten, bis ich Herrn Kaltenegger das gewünschte Werkzeug über den Zaun reichen konnte.

Seite 7: In dem Garten war schön leben, ich hatte täglich mein warmes Essen, vollauf und mehr Geld, als ich zu Weine brauchte, nur hatte ich leider ziemlich viel zu tun.  Inzwischen stand die Sonne schon hoch am Himmel und ich hatte noch keine sieben Seiten gelesen. Ich beschloss, mich akustisch von allen Ablenkungen abzukapseln und powerte mir via Spotify das neue Deep-Purple-Album Infinte in die Ohren. Doch die Hardrock-Klänge wollten so gar nicht zu den kunstvoll geschmiedeten Worten Eichendorffs passen, sodass ich mich unrund hin und her wälzte, und alsbald zu Neil Diamond (Hot August Night, Live) und später gar zu Best of Mozart wechselte.

Seite 8: Und hatte ich vorher lustig die Geige gestrichen, so spielt´ und sang ich jetzt erst recht und sang das Lied von der schönen Frau… Langsam fielen mir die Augen zu und ich träumte mich eben hinein in den faulen Taugenichts, als neben mir ein Fußball einschlug und mein Glas Cola Zero vom Tisch fegte. „Tschuldigung!“ rief ein etwa 12-jähriger Knirps von der Straße und bat um Retournierung des Balles. Wütend schoss ich das Fetzenlaberl in seine Richtung, dann wischte ich Cola und Scherben auf. Heidi eilte herbei, verstand meine Wut nicht („Das sind doch nur Kinder!“) und zeigte mir stolz ihre Instagram-Bienen, die es binnen einer Stunde schon auf 129 Likes gebracht hatten.

Seite 10: So lag ich eines Sonntags nachmittags im Garten und ärgerte mich, wie ich so in die blauen Wolken meiner Tabakspfeife hinaussah, dass ich mich nicht auf anderes Handwerk gelegt und mich also morgen nicht auch wenigstens auf einen blauen Montag zu freuen hätte… In der Fischkonservenbranche gibt es leider auch keinen blauen Montag, und meine Gedanken wanderte zu Cerny, Pfotenhauer, Svetlana & Co. Ich legte auf Seite 10 ein Lesezeichen in Eichendorffs Werk und packte es in meinen Guatemala-Koffer. Vielleicht hab ich dort ja mehr Ruhe.

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18 Kommentare zu „Aus dem Leben eines Taugenichts“

  1. Tja, manchmal soll es halt nicht sein! 😉

    Abgesehen davon: „dank Heidis gefinkelter Umstruktierung“. „Gefinkelt“? Finkeln? Ich als Norddeutscher bitte diesbezüglich um Aufklärung, erweitere ich doch meinen österreichen Wortschatz so gerne! 😉

    Gefällt 4 Personen

  2. Lieber Herr Moser!

    Das ist eine einmalige Gelegenheit, eine Neuauflage „Ein Taugenichts in Guatemala“ zu schreiben. Am besten nehmen Sie als Vorlage für den Taugenichts den werten Cerny. Ich bin mir sicher, dass dies ein neuer Bestseller wird. Anschließende Verfilmung nicht ausgeschlossen. 🙂

    Herzliche Grüße ins Reihenhäuschen
    Mallybeau

    Gefällt 1 Person

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