An Tagen wie diesen…

… wünsche ich mir, die werte Geschäftsleitung unserer Fischkonservenmanufaktur würde in eine richtig tolle Klimaanlage investieren, anstatt uns eine Incentive-Reise in ein Land zu spendieren, wo Hitze und Luftfeuchtigkeit so hoch sind, dass unkontrollierte Transpiration unvermeidlich ist. Ich bin bekanntlich ein sehr wärmeempfindlicher Mimoser, und die derzeit über unserer Millionenmetrople Wien brütende Hitze lässt auf meiner Haut die Schweißperlen im Sekundentakt schlüpfen. Meine Laune ist im Keller, denn ich hasse es zu schwitzen.

Die heiße Luft waberte durch unser unklimatisiertes Büro und ließ mein Erdbeerjoghurt am Schreibtisch gären, als mein Kollege Cerny gegen 11:30 plötzlich meinte, das Fenster öffnen zu müssen, da er kaum noch Luft bekäme. „Nichts da!“ rief ich und bestand darauf, dass unser Fenster geschlossen bleibt. „Aber ich ersticke“, röchelte Cerny, der heute sein obligatorisches schwarzes Sakko gegen ein lächerlich buntes Hawaii-Hemd getauscht hatte. „Ich brauche frische Luft!“ Auch ich war hitzebedingt etwas legerer unterwegs, und trug statt Hemd und Schlips ein T-Shirt mit eindrucksvollem Fisch-Motiv (ich nenne es Fishirt).  „Welche frische Luft?!!“ schrie ich den bleichen Wirtschaftsdoktor an, „Draußen schmelzen die Autos auf dampfenden Asphalt, es regt sich kein Lüftchen! Also sperren wir die Hitze aus, Fenster zu, Jalousie runter – das ist unsere einzige Chance, wenn wir diesen Tag überleben wollen!“ Verständnislos starrten mich Cernys glasige Riesenaugen an, auf seiner Oberlippe standen winzige Schweißkügelchen in Reih und Glied. Er war kreideweiß und ich begann, um seine Gesundheit zu fürchten.

Jetzt hieß es Handeln. Ich wollte nicht schuld sein, wenn der Kollege während der Arbeitszeit den Löffel abgibt. Also applizierte ich einen kleinen Taschenventilator auf mein Smartphone und fächelte dem maroden Cerny mittels App abgestandene Luft zu. Ein Gadet, das ich mir in Hinblick auf die Strapazen der Guatemala-Reise vorausschauend besorgt hatte, und das nun seinen ersten, möglicherweise lebensrettenden Einsatz hatte. Ruhig und besonnen zog ich Cerny das florale Freizeithemd aus und bastelte ihm daraus ein Kopfkissen, dann lagerte ich seine Beine auf einem Stapel Aktenordner hoch. Mein Handy-Propeller surrte beruhigend. Zur Sicherheit verabreichte ich Dr. Jonas C. noch eine Ohrfeige und rief: „Bleiben Sie bei mir, reden Sie mit mir! Halten Sie durch, Hilfe ist unterwegs!“

Als ob sie mich gehört hätte, platzte unsere Putzperle Editha in meine Erste-Hilfe-Maßnahmen. „Diagnose Mord?!!“ schrie die Ukrainerin, als sie mich über den halbnackten Cerny gebeugt sah. „Nein, Kreislauf! Einen kalten, nassen Lappen bitte!“ Editha reagierte sofort und professionell. Sie schnappte sich einen Putzlappen und tauchte ihn in den Eimer mit Wischwasser, dann warf sie mir das müffelnde, tropfende Stoffstück zu. Ich presste es Cerny auf die glühend heiße Stirn. „Der Mann ohne Schatten“, verwies Editha auf einen ZDF-Krimi mit Jan Josef Liefers, den sie wohl gestern Abend gesehen hatte. Das schmutziggraue, stinkende Wasser lief meinem armen Kollegen über Stirn und Wangen auf die nackte Brust – und er begann sich zu wehren, wollte mich wegstoßen. „Bitte, bitte…“ stammelte er. „Sie werden durchkommen“, beruhigte ich ihn, „aber Sie sind noch ein wenig verwirrt. Es heißt nicht Bitte sondern Danke. Aber gern geschehen.“

Mein Gott, wie soll dieser Schattenparker je die Gluthölle von Guatemala überleben?

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20 Kommentare zu “An Tagen wie diesen…”

  1. Welch selbstlose Rettungstat! 😉

    Wobei ich den Kollegen Cerny durchaus verstehen kann. Auch wenn es in meinen nördlichen Gefilden heute nicht mehr so heiß wie gestern ist, würde ich zu gerne das Fenster öffnen. Dieses Vorhaben scheitert aber am Beschluss der Stadt, heute zum gefühlt sechsten Mal in den letzten zwölf Monaten die Straße zu teeren. Und die damit einhergehende Geruchsbelästigung ist eindeutig schlimmer als zu schwitzen und abgestandene Luft zu atmen. 🙂

    Gefällt 2 Personen

  2. Zum Thema „Schattenparker“ darf ich darauf verweisen, dass auch Sie eingängs erwähnten ein hitzebedingter „Mimoser“ zu sein:) Daher auch Ihnen viel Spaß im Inferno von Guatemala:)
    Aber immerhin vorher ein Menschenleben gerettet. Applaus dafür!

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  3. Eine gute Tat am Tag – das haben Sie erfolgreich erledigt. Nun heißt es: heldenhaft weiterschwitzen.

    Bei uns ist es auch drückend heiß, das bereits grummelnde Gewitter scheint einen großen Bogen um unsere Stadt machen zu wollen. Und so klebt man am Bürostuhl und versucht, schwitzend volle Leistung zu bringen. 🙂

    Gefällt 1 Person

  4. Lieber Herr Moser!

    Bringen Sie doch den Vorschlag ein, dass sich jeder Ihrer Kollegen eine Guatemala-App runterladen soll. Eine virtuelle Betriebs-Reise statt echter Strapazen. Das schont nicht nur den Körper sondern auch die Firmenkasse. Und der werte Cerny dürfte in seinem momentanen Zustand für diese Idee doch sicherlich zu haben sein … 🙂

    Herzliche Grüße von der Almhitze in die Wienerhitze
    Mallybeau mit Kuhshirt

    Gefällt 2 Personen

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