Abschiedsbrief

Ich sitze hier im Garten unter dem roten Baldachin unseres Sonnenschirmes, um noch ein paar letzte Worte an Sie, geschätzte Leserschaft, zu richten. In der Fischkonservenfabrik ist meine Anwesenheit heute nicht unbedingt erforderlich, sodass ich mir arbeitsfrei genommen habe. Ich möchte nämlich in aller Ruhe an meinem Vortrag arbeiten, den ich am Dienstag, um 16 Uhr, im Seminarraum B unseres Hotels in Guatemala City halten muss. Titel: Fischkonserven im Wandel der Zeit – von der Ölsardine zum veganen Thunfischfilet in Teriyaki-Sauce. Wir fliegen schließlich nicht nur zum „Vergnügen“ nach Zentralamerika. Und wer könnte über ein so heikles Thema besser referieren als Abteilungsleiter Moser himself, der Erfinder der fischlosen Fischkonserve. Und ich habe die Absicht, die gesamte Belegschaft – von Erwin und Svetlana Pfotenhauer abwärts – mit meinem Vortrag zu wahren Begeisterungsstürmen hinzureißen. Man soll noch Jahre später, wenn ich schon längst den Ruhestand im Reihenhaus genieße und weitab von Makrelen und Tofu-Tintenfisch nur noch Tomaten züchte, über mein bahnbrechendes, wegweisendes Referat mit Ehrfurcht und wohligen Rückenschauern sprechen.

Doch ehe ich mich gleich über dieses epochale Werk hermache, gestatten Sie mir noch ein paar Zeilen. Morgen empfängt Heidis Neffe Luki das Heilige Sakrament der Firmung, und wir werden mit Schwiegermama Inge diesem Festakt natürlich beiwohnen. Anschließend geht es auf Wunsch des Firmlings in den schattigen Garten eines asiatischen Restaurants, das sich mit seinen rohen und gegrillten Fischen japanischer Art zu Recht einen ausgezeichneten Ruf in der Gegend erworben hat. (McDonalds oder Burger King standen zwar ganz oben auf Lukis Wunschliste, doch das konnten wir ihm erfolgreich ausreden). Danach steht, wie bei Wiener Firmungen üblich, noch ein Ausflug in den Prater am Programm. Wie Sie sehen, ist der morgige Tag mit dem Heiligen Geist, mit Essen und Vergnügungen voll ausgelastet. Und da am Sonntag der Flieger nach Guatemala bereits in aller Herrgottsfrüh abhebt, habe ich meine Reisevorbereitungen bereits heute Vormittag erfolgreich abgeschlossen. Reisepass auf Gültigkeit überprüft, Rasierwasser in kleine erlaubte 100ml-Fläschchen umgefüllt, und für den wichtigen Vortrag am Dienstag meinen feinsten, schwarzen Anzug samt einem kleinen Krawattensortiment bereitgelegt. Meine fürsorgliche Adelheid hat mir sogar noch Sonnencreme mit dem höchstmöglichen Lichtschutzfaktor besorgt, da die weiße Moser-Haut unter direkter Sonneneinstrahlung zu Rötung und Blasenwurf neigt.

Außer dem Absturz über einem schwer zugänglichen Dschungelgebiet kann also nicht mehr viel schiefgehen. Und sofern in Guatemala das Internet schon erfunden ist und das Hotel über WLAN verfügt, werde ich mich mit dem einen oder anderen Beitrag über die Vorkommnisse während unseres Incentive-Betriebsausfluges melden. Wünschen Sie mir Glück, ich kann es gebrauchen!

Ergebenst, Ihr

Herr Moser

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32 Kommentare zu „Abschiedsbrief“

  1. Ich drücke von Herzen die Daumen. Vielleicht könnten Sie eine Kopie ihrer revolutionärer Idee in Sachen veganischen Fischkonserven Ihrer liebsten Adelheid überlassen…. so manche Erfinder/ Künstler wurden post mortem entdeckt.
    Und ja ein GPS auf ihrem iPhone einrichten, dann wächst Ihre Überlebenschance wenigstens auf 0,0001 Prozent.
    Auf jeden Fall werden wir kräftig mitfiebern…..
    Seien Sie gegrüßt.
    Priska

    Gefällt 4 Personen

  2. Lieber Herr Moser!
    Ich denke, der Flug dürfte unbeschadet überstanden werden. allerdings habe ich die Befürchtung, dass Ihr Vortrag besser als erwartet ankommt und man Ihnen einen Chefposten in der dortigen Fischindustrie inklusive Villa und Pool anbietet. Das dürfte dann wohl wirklich der Abschiedsbrief gewesen sein … 🙂
    Herzliche Grüße und viel Erfolg
    Mallybeau

    Gefällt 3 Personen

  3. Lieber Herr Moser,

    ich wünsche Ihnen einen guten Flug und viel Erfolg für Ihren Vortrag. Sie werden bei den zentralamerikanischen Kollegen sicher gut ankommen. Und lassen Sie sich von Herrn Cerny nicht aus der Ruhe bringen.

    LG, Susanne

    Gefällt 2 Personen

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