Der Heilige Geist

Liebe Damen und Herren,

mein Name ist Heidi und ich bin die Gattin jenes Mannes, der Ihnen auf diesem Blog seine und unsere Geschichten erzählt. Herr Moser brachte letzte Nacht, geplagt von Reisefieber und Flugangst, kein Auge zu und schrieb zu nachtschlafender Stunde der Ablenkung wegen noch die Ereignisse des gestrigen Tages nieder. Mein lieber Neffe Luki (13) wurde nämlich gefirmt und darüber wollte mein Moser noch ein paar Worte verlieren. Als ich ihn heute früh zum Flughafen brachte (er fliegt geschäftlich für eine Woche nach Guatemala), bat er mich, seinen Bericht zu veröffentlichen, was ich hiermit gerne tue. Ach ja, und ich soll Ihnen allen noch ganz liebe Grüße bestellen!

Herzlichst,

Adelheid Moser

Als Agnostiker habe ich schon gut 40 Jahre keine Kirche mehr von innen gesehen. Ich habe nämlich ein zwiespältiges Verhältnis zu Gott und seinem Sohn Jesus, das auf Kindheitstrauma zurückgeht. Es war an einem Palmsonntag und Mama Moser schickte mich 10- oder 12-jährigen Knirps zur Messe in der katholischen Kirche zu St. Gertrud, um einen Bund Palmkätzchen weihen zu lassen. Gottes Haus war zu jener Zeit noch brechend voll, die Menschen den Traditionen verhaftet und bis ins Mark gläubig. Es war auch in der Zeit vor dem Klimawandel, wo Ende März noch nicht die Kirschen und Kokospalmen in Nachbars Garten blühten, sondern durchaus noch Hauben- und Handschuhwetter herrschen konnte. An besagtem Sonntag war es also recht frisch, und ich trug meine absolute Lieblingspudelmütze, dunkel-hellblau gestreift mit weißem Bommel. Und was soll ich Ihnen sagen? In dem Gedränge und Geschiebe verlor ich meine heißgeliebte Pudelhaube und fand sie nicht wieder. Nach der Messe kroch ich auf Händen und Füßen unter sämtliche Holzbänke, aber meine Kopfbedeckung blieb verschollen. In meiner Verzweiflung kniete ich mich vor ein Ölgemälde, das den blutigen Gekreuzigten mit Dornenkrone zeigte, und versprach dem Sohn Gottes das Blaue vom Himmel, wenn er mir nur ein Zeichen gäbe, wo meine Pudelmütze gelandet war. Aber Jesus schwieg sich aus, hatte wohl keine Sprechstunde mehr, und ich musste ohne mein Häubchen mit weißem Bommel nach Hause in die warme Stube zurückkehren. Weinend klagte ich Mama den Verlust, doch sie meinte nur, ich hätte eben besser aufpassen sollen. Das hat meinen Glauben in den Mann, der doch angeblich Wasser in Wein verwandeln und Lahme wieder gehend machen konnte, nachhaltig erschüttert.

Entsprechend skeptisch und misstrauisch betrat ich heute anlässlich Lukis Firmung erstmals wieder eine Kirche. Schon die Optik überraschte mich, keine Spur von der dunklen, kühlen, drückenden Atmosphäre mit Dutzenden Abbildern leidender Heiliger. Selbst das obligatorische Kreuz mit dem gemarterten Jesus über dem Altar war einer weißen Leinwand mit einem stilisierten Kreuz in gold-gelben Farben gewichen. Die Kirche war ein moderner Bau, bei dem Holz, weiße Wände und große Glasfronten dominierten. Und auch der Festakt, die Messe selbst, hatte nicht mehr viel mit den monoton heruntergeleierten Lesungen irgendwelcher Apostelbriefe gemein. Der Bischofsvikar, der mit seiner graumelierten Langhaarfrisur mehr einem IT-Manager glich als einem Mann Gottes, gestaltete eine lebensnahe, moderne Feier. Er spazierte durch die Reihen, sprach witzig und locker mit den Firmlingen und deren Angehörigen. Dann entdeckte er unseren Luki, der stolz eine Krawatte mit Entenmotiven trug, die unter Fans der Serie „How I met your Mother“ so etwas wie Kultstatus genießt. „Ich habe ein iPhone 6, welches Handy hast du?“ wollte er von Luki wissen. „iPhone 7“ antwortete Heidis Neffe, worauf der Vikar meinte, er müsse mal mit seinem Chef sprechen. Schwiegermama Inge war hingerissen. Zwischendurch spielte eine Band, die Festgemeinde sang und klatschte mit. Besonders ein älterer Herr am Saxophon hatte es mir angetan, da er eine hinreißende Version von Robbie Williams „Angel“ auf seinem Instrument blies. Kaum war der letzte Ton verklungen, wollte ich einen begeisterten Applaus anzetteln, blieb damit aber leider alleine.

Auch wenn ich nach dieser tollen, modernen Firmungsfeier nicht zum Kirchgänger mutieren werde, war ich von der ganzen Veranstaltung mehr als positiv überrascht. Ich kann sogar behaupten, dass ich mich inspiriert fühlte. Und zwar so inspiriert, dass ich auf der Fahrt zum Asia-Restaurant, wo uns eine festlich gedeckte Tafel mit Rosen samt 14-seitiger Speisekarte erwartete, im Geiste eine geistvolle Tischrede gespickt mit Pointen und Gleichnissen entwarf. Als jeder den ersten Durst gestillt hatte und das Essen endlich am Tisch stand, erhob ich mich, klopfte mit einem Essstäbchen aufs Glas und bat um Aufmerksamkeit. Alle blickten mich erwartungsvoll an. Lag es an den sommerlich-schwülen 30°, oder an der Aufregung – jedenfalls verließ mich in dieser Sekunde die Eingebung. Der Heilige Geist flog davon und durch meinen Kopf wehte nur noch ein warmer Wüstenwind. Jetzt half nur noch eines: Improvisation. Also breitete ich segnend meine Hände aus und sprach die salbungsvollen Worte: Komm Herr Jesus sei unser Gast, und segne was du uns bescheret hast! Amen.

Zu meiner Überraschung senkten alle die Häupter und stimmten in mein Amen! ein. Nur mein alter, schwerhöriger Onkel Fredi warf ein überlautes Mahlzeit! in die Runde und machte sich über seine knusprige Ente her. Nach zwei Bissen raunte er mir zu: „Moser, das Sauerkraut zur Ente schmeckt hier komisch…“ Ich erklärte ihm, dass es sich bei dem vermeintlichen Sauerkraut um Bambussprossen handelt. Onkel Fredi geriet in Rage: „Wollen die mich verarschen? Ist das die Rache für Pearl Harbor? Bambus zur Ente?!!“ Er verlangte lauthals nach Rotkraut und Knödel, sowie europäisches Besteck. Der Wunsch nach Messer und Gabel wurde ihm erfüllt, „Lotklaut und Knödel“ brachte unsere sympathische Bedienung zum Kichern. Nach einem Glas Rotwein war Onkel Fredi ruhig gestellt und er dämmerte friedlich vor sich hin. Schwiegermutter Inge schwärmte immer noch vom feschen Bischofsvikar.

Luki freute sich über die zahlreichen größeren und kleineren finanziellen Zuwendungen, die ihm mit den allerbesten Wünschen überreicht wurden. Firmpatin Elsbeth hatte noch eine mexikanische Pinata organisiert, aus der der Firmling mit verbundenen Augen und Begeisterung Süßigkeiten und kleine Geschenke herausdrosch. Schließlich wurde der Praterbesuch aufgrund der herrschenden Hitze auf unbestimmte Zeit verschoben, und es war Zeit aufzubrechen. Heidis Freundin Uschimaus weckte Onkel Fredi mit den Worten „Komm, wir gehen heim!“. Dieser protestierte heftig, weil er in kein Heim wollte, „lieber noch einen Wein!“.

Meine Bilanz dieses aufregenden, aufschlussreichen Tages: Halte keine unvorbereiteten Reden! Aber immerhin habe ich mich mit Gott ausgesöhnt und ihm den Verlust meiner Lieblingspudelmütze verziehen. Und das kann angesichts eines 16-Stunden-Überseefluges auf keinen Fall schaden.

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5 Kommentare zu “Der Heilige Geist”

  1. Lieber Herr Moser!
    Ich halte Ihren letzten Satz für entscheidend. Diese Aussöhnung wird mit Sicherheit dafür sorgen, dass Sie den Flug unbeschadet überstehen und gleich am Flugplatz auf einen Souvenirhändler treffen werden, der genau Ihre Pudelmützen zum Spottpreis verkauft 🙂
    Herzliche Grüße
    Mallybeau

    Gefällt 1 Person

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