Koffer-Hoffer

Die gute Nachricht gleich vorweg: Ich bin lebend, bei halbwegs guter Gesundheit und mit nur 23 Minuten Verspätung in Guatemala City gelandet. Der Flug verlief überraschenderweise absturzfrei und ohne Zwischenfälle. Nur einmal, irgendwo über dem endlosen Atlantik, sackten wir plötzlich in ein Luftloch, was mir den Magen in die Nähe des Gaumenzäpfchens trieb. Vor dem Start hatte man uns ein Video über das Verhalten im Notfall gezeigt, das ich aber nur mehr bruchstückhaft in Erinnerung hatte. Also riss ich mir die Brille aus dem Gesicht, ging in Absturzposition (nach vorne gebeugt, Kopf zwischen den Armen) und rief laut: „Fliegeralarm!!“ Das war vielleicht nicht ganz vorschriftsmäßig, aber ich finde, die Flugbegleiter hätten nicht so einen Zirkus machen müssen, nur weil ich mein Essenstablett in den Mittelgang geworfen hatte. Schließlich musste ich mein Klapptischchen frei machen, um es hochzuklappen. Dies war aber der einzige Vorfall, der einer kurzen Erwähnung wert ist. Sonst lief alles glatt, weitere Panikattacken blieben dank der hoch dosierten Tranquilizer aus.

Die wahre Katastrophe ereignete sich nach der Landung. Unsere kleine Fischkonserven-Reisegruppe stand schwitzend und übermüdet bei Gepäckförderband Numero Quattro, wo die Koffer aus Vienna heraus purzelten und sich bis zur Entnahme durch den jeweiligen Besitzer im Kreise drehten.  Nach einer guten halben Stunde hatte sich die Belegschaft mit ihren Koffern zusammengerottet wie eine Herde Schafe mit ihren Jungen… und wartete auf ihren guten Hirten. Der Hirte namens Moser stand noch immer bei Numero Quattro und wartete auf seinen grauen Hartschalenkoffer mit I love Vienna Aufkleber. Doch mein Schäfchen blieb leider verschollen, auf dem Förderband drehte sich seit Minuten nur mehr ein dunkelgrüner, herrenloser Backpacker-Rucksack. Ich klammerte mich an den Gedanken, dass ich in Wien sehr früh am Flughafen war und als erster eingecheckt hatte, mein Koffer daher noch ganz weit hinten in den Tiefen des Laderaumes lag. Das schien sich jedoch nicht zu bestätigen, denn auf der Anzeigentafel wurde bereits das Gepäck aus Amsterdam annonciert. „Herr Moser, unser Bus wartet!“ rief Direktor Pfotenhauer und winkte. Ich winkte zurück, stellte pantomimisch den Verlust meines Koffers dar und wies auf den Schalter „Lost and Found“, wo ich gedachte, eine handfeste Reklamation zu deponieren.

Die winzige, stark geschminkte Dame am Schalter trug eine marineblaue Uniform und meinen Gefühlsausbruch mit Fassung. Ich schob ihr Gepäckschein, Ticket und Reisepass über den Counter: „My Koffer is lost!! Hören Sie mal, listen! Lost, comprende?! From Vienna, Moser. A grey Hardcover Koffer with I Love Vienna Sticker! Please find it! The bus is waiting.“ Dankenswerterweise hatten die Pfotenhauers für unseren Trip eine Spanisch-Deutsch sprechende Reiseleiterin organisiert, die mir nun zur Seite sprang und mir beim Ausfüllen eines unverständlich langen Formulars half. Im Hintergrund meuterte die Belegschaft, man wollte ins Hotel, unter die Dusche, ins Bett. „Ich kann doch nichts dafür, wenn diese Deppen meinen Koffer verlieren!“ rief ich unwirsch und verfluchte innerlich Svetlanas Incentive-Idee. Reiseleiterin Consuela schnatterte noch eine Weile spanisch mit der winzigen Lady vom Lost-and-found-Schalter, und ich war den Tränen nahe. Da stand ich nun am Arsch der Welt, aus allen Poren schwitzend, und konnte nicht einmal eine Unterhose zum Wechseln mein eigen nennen. Alles im Koffer, meine gebügelten Hemden, der sündteure Business-Anzug, die Krawatten, kurze Hose, T-Shirts, Sonnencreme und was der zivilisierte Mensch sonst noch so braucht. „Vamos, Senor Moser“, unterbrach Consuela meine trübseligen Gedanken. „Wenn sie finden Koffer, rufen mich an und Transport in Hotel. Todo bien. Alles gut. No problemas.“

Das war vor 14 Stunden und von meinem Koffer keine Spur. Ich verfüge bis dato nur über mein Handgepäck mit Laptop. Meine Unterhose habe ich im Handwaschbecken mit Duschgel gewaschen, ich trage meine Flughose und ein Hawaiihemd, das ich mir widerwillig von Cerny geliehen habe. Willkommen in Guatemala.

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26 Kommentare zu “Koffer-Hoffer”

  1. Alles Gute für den Vortrag. Wenn er so packend ist, wie sie sich das vorgenommen haben, dann kann dieser auch mit dem geliehenen Hawaiihemd und in der Flughose gehalten werden. Hoffentlich war das Manuskript nicht im Koffer, sondern im Handgepäck.Ich wünschen jedenfalls viel Erfolg.
    Hasta la vista bzw. lesen!

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  2. Spät, aber nicht zu spät schreibe ich dazu. Ich kann es so nachvollziehen, denn vor Jahren wollten wir eine Woche in Griechenland segeln und mein Gepäck war auch nicht da.
    Dank meines sprachkundigen Sohnes „ritt“ es in letzter Sekunde auf den Hof.

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