Die Lage spitzt sich zu

Wie der Titel schon vermuten lässt, spitzt sich die Lage in Guatemala zu. Es ist fünf Uhr früh Ortszeit und der Jetlag versetzt meinen Biorhythmus in Aufruhr. Weitaus schlimmer ist jedoch die Tatsache, dass mein Koffer noch immer als vermisst gilt. Er ist einfach verschwunden, was mich aber angesichts der chaotischen Zustände am Airport von Guatemala City nicht weiter wundert. Reiseleiterin Consuela reagiert auf meine stündlichen Nachfragen bereits etwas genervt, inzwischen drückt sie meine dringlichen Anrufe meist sogar einfach weg. Meine einzige Unterhose, die ich am Leib trage, habe ich gestern mit dem letzten Rest guatemaltekischen Hotel-Haarshampoos gewaschen und mir einen juckenden Hautausschlag in der betroffenen Äquatorregion eingefangen. Natürlich machte ich mich gestern in der Lobby auch auf die Suche nach einem Herrenausstatter, um mir frische Unterwäsche und nach Möglichkeit einen akzeptablen Anzug für meinen Vortrag heute Nachmittag zu besorgen. Zunächst entdeckte ich nur einen kleinen Laden mit sündteuren Rolex-Armbanduhren, einen Candyshop, sowie einen Zeitschriftenkiosk… aber dann stand ich vor einer Auslage, in der Schaufensterpuppen luftige Seidenblusen, Morgenmäntel und sexy Badeanzüge trugen. Kleidung! Ich stürmte in das Geschäft, schnappte mir eine der zierlichen Einzelhandelskauffrauen, und trug händeringend und gestikulierend meinen dringenden Bedarf an Unterwäsche vor. Mein internationales Deutsch-Englisch-Spanisch-Kauderwelsch („El Slipo please! Unterhosen por favor!“) schien anzukommen, denn kurz darauf breitete die bronzefarbene Verkäuferin eine Kollektion aufreizender, eng geschnittener Damenslips mit aufgenähten Schmetterlingen vor mir aus. Allein der Anblick der frischen Unterhosen führte mich schon in Versuchung, und beinahe hätte ich mir ein paar dieser Dinger gekauft. Aber dann fiel mir Cerny ein, der wie befürchtet ein Doppelzimmer mit mir teilt. Seinen Spott würde ich nicht ertragen, wenn ich frisch geduscht in einem schwarzen Netz-Damenslip aus dem Badezimmer komme. Und ich bin sicher, er würde mich bei der Belegschaft als Frauenkleider tragenden Perversling denunzieren. Also sagte ich zur Wäscheberaterin: „No no, Senorita! No ladies, por me, for hombres! Haben Sie Boxershorts?“ Sie blickte mich verständnislos an. „Boxershorts für Männer, por hombres!“ rief ich, zog meine Flughose runter und deutete auf das Produkt meiner Begierde. Dazu machte ich unterstützend einige Boxerbewegungen, und schlug rechte Haken und eindrucksvolle Uppercuts in die Luft.

Zwei sehr freundliche Sicherheitswachebeamte geleiteten mich aus der Damenboutique direkt zu unserem Charter-Autobus, der startbereit vor dem Hotel wartete. Ich machte es mir in der letzten Reihe bequem, wo ich alleine und unbeobachtet an meinem pikanten Ausschlag kratzen konnte. Am Programm stand ein Ausflug zu irgendwelchen historischen Stätten, die mich aber weit weniger juckten als meine roten Pustel im Schritt. Nach etwa einer Stunde Fahrt durch dauergrüne Landschaft, die mich ein wenig an die Südsteiermark erinnerte, kamen wir zu einem Indio-Markt. Der Bus hielt und wir bekamen 30 Minuten zur freien Verfügung. Dutzende sehr primitive Holzstände lockten mit bunter Indio-Kleidung. In der Not frisst der Teufel Fliegen, heißt es so schön, und bei einer kleinen Ureinwohnerin mit pechschwarzem Haar deckte ich mich mit Baumwollhosen und hemdähnlichen T-Shirts in allen leuchtenden Farben der Region ein. Ich trug die frische Wäsche, wenn auch keine Unterhosen, in einem hauchdünnen, bis zum Zerreißen vollgestopften Plastiksackerl stolz zum Bus. In meinem Überschwang erstand ich nebenan noch einen bemalten Totenschädel und eine hölzerne Vogelmaske, um den drohenden Hungertod der vier Kinder des Indios zu verhindern.

Im klimatisierten Bus wartete bereits Reiseleiterin Consuela, die ich im Vorbeigehen frug, ob es Neuigkeiten von meinem Koffer gebe. „Koffer kommt, naturalmente!“ versicherte sie. „Vielleicht heute oder morgen.“ Wie gesagt: Die Lage spitzt sich zu.

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10 Kommentare zu „Die Lage spitzt sich zu“

  1. Meine Schwiegermama reist im Doppelpack: „,Alles, was du wirklich brauchst, solltest du doppelt mitnehmen, einmal im Koffer und einmal im Hangepäck ….“ D. h. Lippenstift, Schminke, Zahnbürste, Medikamente etc. Ob die Unterwäsche mitreist bei ihr, weiss ich nicht, jedenfalls verstehe ich meine Schwiegermama besser nach Ihrer Leidensgeschichte 😊
    Herzlich. Priska

    Gefällt 1 Person

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