Montezumas Rache

Als meine besorgte Heidi gestern hier im Blog von meiner Unterhosennot und dem damit einhergehenden Ausschlag las, ließ sie mich per WhatsApp umgehend wissen: „Moser, borg dir gefälligst eine U-Hose von einem Kollegen aus! Du machst dich ja zum Gespött!“ Die liebe Frau Moser, immer um meinen guten Ruf besorgt. Meist vergeblich, aber zu Recht.

Mein Vortrag vor der versammelten Belegschaft war für 16 Uhr im Seminarraum B angesetzt. Um 15:30 fragte ich ein letztes Mal bei Reiseleiterin Consuela nach, ob mein verschollener Koffer eventuell aufgetaucht sei, erhielt aber nur die übliche Antwort: „Vielleicht morgen.“ Also fragte ich meinen Büro- und Zimmerkollegen Cerny widerstrebend, ob er mir eine Unterhose borgen könnte. Er wühlte in seinem Kofferchaos, zupfte ein schwarzes Modell mit dem Aufdruck Privatspielplatz hervor und reichte es mir mit den Worten: „Da, ist geschenkt. Dürfen Sie behalten.“ Das konnte ich nun als großzügige Geste oder als Beleidigung auffassen, machte mir darüber keine Gedanken. Auf dem Bett breitete ich meine gestrigen Einkäufe vom Indio-Markt aus, und entschied mich schließlich für ein elegantes Ensemble, bestehend aus einer dunkelblauen, groben Leinenhose mit orange-roten Streifen an der Seitennaht, dazu ein Baumwoll-Shirt in leuchtenden Regenbogenfarben und grünen, kleinen Puscheln am Kragen. Ich würde mein Referat über Fischkonserven im Wandel der Zeit in guatemaltekischer Landestracht halten. Daran führte kein Weg vorbei.

Als ich Schlag 16:01 vor die Fabrikskollegen trat, setzte großes Gelächter und  Gejohle ein. Svetlana Pfotenhauer steckte sich zwei Finger in den Mund und ließ einen gellenden Pfiff ertönen, den ich ihr nie und nimmer zugetraut hätte. Die Stimmung war ausgelassen, wie man so schön sagt. Die meisten der sehr geehrten Damen und Herren zückten ihr Smartphone, um den Moser-Vortrag in Wort und Bild festzuhalten. Vor Aufregung und trotz Klimaanlage tropfte ich wie ein undichter Wasserhahn, und ich spürte unter meiner Indio-Tracht Cernys Unterhose wie ein glühendes Brandeisen. Schließlich ebbte der Applaus ab, und ich sah in die erwartungsvollen Gesichter meiner Kollegen und Innen, die aus dem Vollen ihrer Koffer geschöpft hatten und untadelig in Anzüge und Business-Kostüme gekleidet auf ihren Plastiksesseln klebten. Ich befeuchtete meine ausgedörrte Kehle mit einem Schluck Mineralwasser und startete mein Referat, das ich zu Hause vor dem Spiegel ein gutes Dutzend Mal geübt hatte. Einleitend dankte ich dem Direktorenpaar Pfotenhauer, das uns liebenswürdigerweise zu dieser denkwürdigen Reise in eine fremde Kultur eingeladen hatte, um für unseren unermüdlichen Einsatz zu danken und den Team Spirit zu vertiefen. Zustimmender Beifall. Dann wurde es fachlich, und da ich annehme, dass die wenigsten meiner Leser in der Fischkonservenbranche tätig sind, erspare ich Ihnen hier die Details meines mitreißenden Vortrages, der einen Bogen von der Ölsardine bis zu meiner revolutionären Innovation der veganen, fischlosen Konserve spannte. Ich steigerte mich in einen wahren Rausch, und breitete meine visionären Gedanken – immer wieder von Zwischenapplaus unterbrochen – vor dem Fachpublikum aus. Meiner möglicherweise etwas peinlich wirkenden Indio-Tracht und Cernys „Privatspielplatz“ war ich mir gar nicht mehr bewusst, als in einer theatralischen Kunstpause fernes Donnergrollen zu hören war.

Zunächst vermutete ich ein Gewitter und freute mich schon auf die ersehnte Abkühlung, ehe ich feststellen musste, dass das Grollen aus meinen Eingeweiden kam. Möglicherweise hätte ich bei meinem Orangensaft zum Frühstück die Eiswürfel weglassen sollen, denn nun kündigte sich offenbar Montezumas Rache an. Ich verschärfte das Tempo meines Vortrages und kam so rasch zum Finale. Den Schlussapplaus nahm ich unter etlichen Verbeugungen entgegen, Selfie-Wünsche mit Moser in Landestracht musste ich dankend ablehnen, da Montezuma bereits wütend an die Pforte klopfte. Wie von der Tarantel gestochen raste ich zum Aufzug, und im sechsten Stock im Sauseschritt zu unserem Zimmer 603. Ich fummelte die Zimmerkarte in den Schlitz und riss die Tür auf, um umgehend den Thron im Badezimmer zu besteigen.

Auf dem Weg zur Toilette stolperte ich über einen grauen Hartschalenkoffer mit I Love Vienna Aufkleber, der mitten auf dem Flur stand. Consuelas Visitenkarte flatterte zu Boden, darauf stand in ungelenken Buchstaben: KOFEER VON AEROPORTO UM 16:45 GEKOMEN! ALLES GUTE Consuela.

Am WC hallte mein irres Lachen von den gefliesten Wänden.

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33 Kommentare zu „Montezumas Rache“

  1. Lieber Herr Moser!

    Wunderbar. Ein in Team-spirit aufgehender Cerny der Ihnen etwas zum Anziehen leiht, tosender Applaus bei Ihrem Vortrag und als krönender Abschluss der langersehnte Koffer. Das ist ja kaum noch zu toppen 🙂

    Herzliche Grüße in die Hitze
    Mallybeau

    Gefällt 1 Person

  2. Ach, lieber Herr Moser. Es heißt ja – wer eine Reise tut, der kann was erzählen. Wie wahr! Nun, da haben wir uns alle auf Ihre Kosten amüsiert. Und dann sogar noch ein Happy End – der Koffer ist wieder da ;-). Na, da können Sie ja ganz beruhigt wieder nach Wien zurückfliegen.
    Herzliche Grüße

    Gefällt 1 Person

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