Dialog mit Heidi

Leider konnte ich nach meinem revolutionären Vortrag nicht ausreichend in den Wogen der Begeisterung baden, da mich Montezumas Rache zu einer raschen Rückkehr in Zimmer 603 nötigte. So ein ganz persönlicher Shitstorm hat aber durchaus auch Vorteile: Während sich die gesamte Konserven-Sippe heute durch den schwülen Dschungel kämpft, um altes Maya-Gemäuer zu erklimmen und dem Urwald von oben aufs grüne Dach zu schauen, liege ich bequem im Kingsizebett unseres Hotelzimmers – und zwar in eigenen Unterhosen. Ein königlicher Genuss! Die Klimaanlage läuft auf Hochtouren und ich zappe durch die wenigen TV-Programme, die bunt und spanisch über den Bildschirm flimmern. Ich verstehe zwar kein Wort, bin mit meinem aktuellen Dasein aber dennoch rundum zufrieden. Immer wieder wandert mein Blick zum grauen Hartschalenkoffer, der Ruhe und Sicherheit verströmend gleich einer heimatlichen Burg in der Ecke wacht. Ich lasse ihn keine Sekunde mehr aus den Augen. Eben gedachte ich meiner armen Kollegen, die schwitzend auf alten Gemäuern herumkraxeln und kulturelle Ehrfurcht vortäuschen müssen, als mein Smartphone brrrr brrrr den vibrierenden Eingang einer WhatsApp Nachricht signalisierte. Heidi aus dem fernen Wien!

Heidi: Wie geht´s dir, mein lieber Moser? Ich habe auf deinem Blog von Montezumas Rache gelesen. Hab ich dir nicht eingeschärft, zum Zähneputzen nur Wasser aus der Flasche zu verwenden, keine offenen Getränke und vor allem keine Eiswürfel!!!

Moser: Ich hatte sooo Durst und der Orangensaft am Frühstücksbuffet war lauwarm. Daneben stand eine verlockende Schale mit glasklaren, unschuldigen Eiswürfeln. Ich wurde verführt.

Heidi: Das zentralamerikanische Wasser, egal ob fest oder flüssig, ist nix für mitteleuropäische Gedärme. Da sind Bakterien drin, die jetzt in deinem Bauch Party feiern. Wir haben das doch alles vor der Reise genau besprochen.

Moser: Die Eiswürfel haben aber ganz normal ausgeschaut.

Heidi: Na, was hast du erwartet? Dass dich kleine Monster mit spitzen Zähnen aus dem Eis angrinsen?! Dummerchen.

Moser: Du hast ja Recht, wie immer. Die Hitze hat wohl mein Gehirn zersetzt. Aber weißt du, was richtig ärgerlich ist?

Heidi: ???

Moser: Die Gruppe ist heute nach El Petén gefahren, zu den Maya Pyramiden. Tausende Jahre alte Zeremonie- und Opferstätten, das sieht man nicht alle Tage. Und ich muss das Bett hüten 😦

Heidi: Moser, ich kenne dich. Dschungel mit 80% Luftfeuchtigkeit und Milliarden von Insekten – das ist nicht deine Welt. Wahrscheinlich liegst du zufrieden grinsend im Bett und schaust dir Gameshows in Spanisch im TV an 😉 Möglicherweise hast du die Eiswürfel mit voller Absicht in den Saft getan, um für den Ausflug eine handfeste Entschuldigung zu haben.

Moser: Ich muss jetzt Schluss machen. Es hat an der Tür geklopft. Wahrscheinlich das Stubenmädel mit einer neuen Ladung Klopapier! Wir sehen uns Sonntag am Flughafen. Ich liebe Dich! ❤

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9 Kommentare zu „Dialog mit Heidi“

  1. J, Frau Moser scheint Sie gut zu kennen 😉
    Ich persönlich würde allerdings gern durch den Urwald streifen und alte Maya-Gemäuer sehen. Von da hätten Sie uns bestimmt auch noch eine schöne Anekdote mitbringen können. Aber das einheimische TV-Programm gibt Ihnen gewiss auch so allerhand Inspiration.
    Genießen Sie den freien Tag.

    Gefällt 2 Personen

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