Alles zu viel!

Am Sonntag trat unsere Fischkonserven-Crew den Rückflug nach Wien an. Ach, was ich mich freute, diesem drückend-schwülen Guatemala endlich den Rücken kehren zu können und heimzukommen in unseren blühenden Reihenhausgarten zu Heidi. Meine Engelsgeduld wurde wieder mal auf eine harte Probe gestellt, denn Departure to Vienna: Delayed 2 hrs. stand da auf der Anzeigentafel. Weiß der Kuckuck, warum sich der Abflug um zwei Stunden verzögerte, aber es ist keine leichte Aufgabe, diese Zeitspanne auf einem zentralamerikanischen Flughafen totzuschlagen. Ich drehte ein paar Runden in der Abflughalle, dann glotzte ich in ein Schaufenster mit Ponchos und Strohhüten, und zündete mir eine Zigarette an. Schließlich lagen 16 rauchfreie Flugstunden vor mir, und meine Nikotinzellen wollten noch einmal tüchtig aufgeladen werden. Nach ein paar tiefen Inhalationen brummte es hinter mir: „Excuse me Sir! Senor?“ Als ich mich umdrehte, blickte ich auf den größten, fettesten Schnurrbart, der mir je unter die Augen gekommen war. Das schwarze Langhaar-Prachtstück verdeckte den halben Mund eines korpulenten Wachorgans: „No fumar! No smoking here, please!“ deutete er auf ein entsprechendes Verbotsschild. Ich stellte mich dumm, drehte mich um und verkündete: „No understand. Ich speake deutsch.“ Plötzlich stand Cerny neben mir und frug: „Probleme?“ „Ja, Sie haben doch Spanisch gelernt, Cerny. Bitte übersetzen Sie diesem Sicherheitskorporal folgendes: Ich, Herr Moser, lege hiermit im Namen der Genfer Menschenrechtskonvention Beschwerde wegen Verstoßes gegen den Gleichbehandlungsgrundsatz ein. Alle Menschen sind gleich zu behandeln, unabhängig von Geschlecht, Religion, Haarfarbe und Sucht! Hier gibt es Geschäfte mir Handtaschen und Schuhen für die Kaufsüchtigen, Pubs mit Vino und Cerveza für die Trunksüchtigen, einen einarmigen Banditen für die Spielsüchtigen, und sogar großzügige, saubere WC-Anlagen für die Fixer und Schnupfer. Nur wir armen nikotinsüchtigen Raucher werden wieder mal diskriminiert und müssen unserer Sucht hochoffiziell entsagen. Das ist ungerecht und menschenunwürdig. Mir ist das alles zu viel! Übersetzen Sie!“ Der Schnauzer sah mich an wie einen Außerirdischen und Cerny übersetzte recht frei: „Este hombre es un poquito loco!“ („Dieser Mann ist ein wenig verrückt!“). Er zog mich sanft weg von dem Aufsichtsorgan: „Moser, in 90 Minuten sehen wir uns am Gate A15. Verhalte Sie sich ruhig. Hasta lluego!“

Ich flüchtete in den nächsten klimatisierten Duty Free Shop, um für meine Adelheid ein beschwingtes, zitroniges Sommerparfum zu erwerben. Etwas überfordert von dem riesigen Angebot verließ ich das Geschäft 20 Minuten später mit einer Flasche Limoncello und einer Kiste südamerikanischer Cigarillos. An Heidi schrieb ich: „Halte den Braten warm, sitze noch am Flughafen fest. 2 Stunden Verspätung. 32 Grad. Langsam wird mir das alles zu viel!“

Als wir nach einer endlosen Reise über den Atlantik endlich am Vienna International Airport landeten, war ich ein nervliches Wrack. Aber immerhin war mein Koffer diesmal mitgekommen. Ich wollte nur noch raus, in Heidis Arme. Doch ein Zollinspektor hatte etwas dagegen und pickte natürlich mich aus der Menge. Ob ich etwas zu verzollen hätte, was ich denn mitgebracht hätte aus Guatemala. „Zitronenlikör, Zigarren, einen bemalten Totenschädel und eine Vogelmaske aus Holz!“ schrie ich ihn wahrheitsgemäß an und zündete mir eine Zigarette an. Der Mann vom Zoll blieb ruhig und meinte: „Koffer auf, Zigarette aus. Bitte, danke!“ „Was wollen Sie?!! Sehe ich auch wie ein Drogenschmuggler? Ich bin in der Fischkonservenbranche!“ Nach zweimaliger Ermahnung hörte ich auf zu randalieren und murmelte erschöpft: „Mir wird das alles irgendwie zu viel…“

Zwei Stunden später saß ich mit Heidi auf der Terrasse unseres Reihenhäuschens, genoss einen Schweinsbraten mit Semmelknödel, und bewunderte die üppige Vegetation, die sich in nur einer Woche meiner Abwesenheit im Garten entfaltet hatte. Die Zucchini hatten Blätter so groß wie Sonnenschirme, die Tomaten rankten sich bereits bis auf Augenhöhe, und der Weichselbaum trug so viele Früchte, dass man davon Kuchen für drei SOS Kinderdörfer backen konnte. Es hatte 31° und war drückend schwül. „Magst du noch ein Stück?“ frug Heidi. „Nein, mir ist das alles zu viel…“

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24 Kommentare zu „Alles zu viel!“

  1. Lieber Herr Moser!
    Gut, dass nicht die Deutsche Bahn kurzfristig Ihre Fluglinie übernommen hat, dann wären Sie sicherlich heute noch nicht zu Hause. Aber nach diesem Überlebenstraining kann Sie ja nun hier nichts mehr wirklich schocken. So gesehen war es doch eine ganz erfolgreiche Reise. Schön, dass Sie wieder heil gelandet sind. Welcome home 🙂
    Herzliche Grüße in den tropischen Garten
    Mallybeau

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  2. Lieber Herr Moser,

    willkommen zurück in der Heimat. Ich bin beruhigt zu lesen, dass Sie und Ihr Koffer das Abenteuer heil überstanden haben. So bald werden Sie in kein Flugzeug mehr steigen, was?

    Sommerliche Grüße,

    Susanne

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  3. Herzlich Willkommen in der Heimat und kam beim lesen aus dem lachen fast nicht mehr raus! 😆
    Konnte mir alles so richtig gut vorstellen, als wäre ich live dabei gewesen…..
    Hoffe mein Flug in den Urlaub nach Spanien übernächste Woche verläuft etwas entspannter! 😀
    Liebs Grüßle und noch eine gute Woche wünsche ich dir bzw euch! ☀

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  4. Willkommen zurück Herr Moser. Hoffentlich können Sie nun etwas entspannen. Als Raucher hat man es leider echt nicht mehr leicht. Wie weit dies wohl noch gehen wird? Aber vielleicht wird der Hass gegen Raucher irgendwann auf riesige Schnurrbärte umschwenken. Wer weiß:)

    Gefällt 1 Person

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