Sonnleichnam

Es gibt Dinge auf der Welt, die geschehen zu einem, sagen wir recht ungünstigen Zeitpunkt. Eine Reifenpanne mitten im Niemandsland bei einem Wolkenbruch mit Hagel, die ersten Wehen von Montezumas Rache inmitten eines bedeutsamen Vortrages vor der Chefetage einer Fischkonservenfabrik, ein Stromausfall während des Fußball-WM-Finales Österreich – Deutschland beim Stand von 2:1 für Österreich. Sie kennen das. Unverhofft kommt oft, wie es der Volksmund nennt.

So geschah es auch am gestrigen katholischen Feiertag Fronleichnam. Wir hatten Schwiegermutter Inge und Heidis Schwester Babsi samt 13-jährigem Sohnemann Luki zu einer kleinen „Grillage“ geladen. Die Sonne brannte vom azurblauen Firmament, der Backofen lief vier Stunden bei 200° im Dauerbetrieb (Weichselkuchen, Maiskolben, Süßkartoffeln), und wir waren heilfroh, als wir unsere Köstlichkeiten endlich kredenzen konnten. Im Schatten unseres allumspannenden, altgedienten Sonnenschirms, dessen Rot durch die UV-Dauerbestrahlung schon ein wenig verblichen war, nahmen wir Platz und ließen uns das Beste von Schwein und Rind munden. Inge lobte die Moser´schen  Kochkünste in den wolkenlosen Himmel und fotografierte die Rippchen samt Ofenkartoffel mit hausgemachter Schnittlauchsauce aus allen Perspektiven. Sogar Luki, der Vitamine sonst nur von Salatblatt und Tomatenscheibe aus Hamburgern kennt, war von Heidis Sommersalat mit Wassermelone und Avocado begeistert.

Inmitten dieser idyllischen Szenerie ließ sich plötzlich ein unheilvolles Ächzen und Knarzen vernehmen. Wir blickten uns ratlos an, und ehe Inge noch einen Beruhigungsschluck von ihrem Virgin Caipirinha (alkoholfrei mit Ginger Ale) nehmen konnte, knickte unser mächtiger, roter Parasol (ital. für Sonnenschirm) in der Mitte um. Zum Glück wurde bei diesem Mastbruch niemand verletzt, doch nun baumelte das Sonnendach hilflos, nur von einer Schnur im Inneren des Rohres festgehalten, im warmen Juni-Lüftchen. Aufgeregtes Besteckgeklapper, alle sprangen auf, um Erste Hilfe zu leisten. Mit vereinten Kräften gelang es uns, den Schirm zuzuklappen und aus seiner Verankerung zu heben. Vorsichtig bettete ich den treuen Schattenspender mit Luki auf den frisch gemähten Rasen, und brachte ihn vorschriftsmäßig in die stabile Seitenlage. Nach eingehender Untersuchung diagnostizierte ich Exitus durch Genickbruch: „Wahrscheinlich Materialermüdung durch Klimawandel.“ Da war nichts mehr zu machen, selbst nicht mit Mund-zu-Mund-Beatmung. Traurig standen wir im Kreise um den Verblichenen, und ich war dafür, unseren treuen Gefährten an heißen Sommertagen standesgemäß gleich im Garten zu begraben. Da sich aber kein Freiwilliger fand, der ein 2,50 Meter langes Grab in unseren harten Wiesenboden schaufelt, frug ich die Trauergemeinde: „Möchte noch jemand ein paar letzte Worte über den Verstorbenen sagen?“ Luki wollte und sprach andächtig: „Du Opfer!“ Wir murmelten „Amen!“ und kehrten zurück an den Tisch, wo die Nachmittagssonne inzwischen unsere Steaks von Medium Rare zu Well done gegart hatte.

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15 Kommentare zu “Sonnleichnam”

  1. Er ruhe in Frieden! Schön, einmal wieder von Luki zu hören 🙂
    Und: Manche Sätze und Bilder sind wirklich großartig, etwa: „… lobte die Moser´schen Kochkünste in den wolkenlosen Himmel …“
    Wie stets meinen Dank!

    Gefällt 1 Person

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