Intoleranzen

Dieser Sommer meint es besonders gut mit uns. Nicht nur hinsichtlich der rekordverdächtigen Temperaturen, auch die Vegetation in unserem idyllischen Reihenhausgarten entfaltet eine nie gekannte Üppigkeit. Äpfel, Weintrauben, Erdbeeren, Ribisel, Zucchini und Tomaten reifen in einem Tempo vor sich hin, als befänden wir uns bereits tief im August. Besonders unser Weichselbaum (Weichsel = Sauerkirsche) legt sich ins Zeug und beschenkt uns mit unzähligen Kilos seiner rotleuchtenden Früchte. Seit Wochen erntet meine brave Heidi fast täglich eine große Schüssel voll. Wir ernähren uns praktisch nur noch von Weichselkuchen, Weichselkompott, Semmeln mit Weichselmarmelade und zum süßen Abschluss gibt es meist noch eine Kugel selbstgemachtes Weichsel-Eis. Schwiegermama Inge, Heidis Schwester Babsi, alle umliegenden Nachbarn und selbst den Briefträger haben wir bereits mit einem kleinen Vorrat beschenkt. Und noch immer hängt der Baum halbvoll mit den säuerlichen Kirschfrüchten. „Moser“, sprach Heidi gestern Abend während sie im Sonnenuntergang stand und Weichseln brockte, „bring doch morgen deinen Kollegen in der Fischkonservenfabrik einen Korb mit Weichseln mit. Die freuen sich, und wir sind sie los. Ich kann die Dinger nicht mehr sehen.“

Nun muss der geneigte Leser wissen, dass ich an einer ausgeprägten Weichsel-Allergie leide. Sobald ich auch nur in die Nähe der rohen, frischen Früchte komme, verfärben sich meine sonst blütenweißen Augäpfel weichselrot. Die Augen jucken und tränen, im Rachenraum macht sich ein unangenehmes pelzig-stechendes Gefühl breit und ich habe das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen. Sobald die Früchte gekocht, gebacken oder sonstwie bearbeitet wurden, kann ich sie ohne Bedenken verzehren. Als mir Heidi heute Morgen den prall gefüllten Weidenkorb, bedeckt mit einem rot-karierten Geschirrtuch, überreichte, bestand ich darauf, prophylaktisch dünne Latex-Einweghandschuhe und eine hellgrüne OP-Chirurgenmaske (ein Überbleibsel aus Zeiten der drohenden Vogelgrippe) überzuziehen. Vorsicht ist die Mutter des Weichselkorbes, und ein Autounfall aufgrund eines allergischen Anfalls hätte mir an diesem heißen Tag nicht in den Kram gepasst.

So düste ich in medizinischer Schutzkleidung Richtung Konservenfabrik. Leider übersah ich dabei eine Geschwindigkeitsbegrenzung, die aufgrund einer Sommerbaustelle frisch installiert worden war. Kurz darauf winkte mich eine zivile Autobahnstreife an den rechten Fahrbahnrand. „Guten Tag, Fahrzeugkontrolle. Führerschein und Fahrzeugpapiere, bitte.“ Mit meinen latexgeschützten Fingern kramte ich im Handschuhfach, und murmelte einen leisen Fluch durch die Gesichtsmaske. „Wie bitte?“ wollte der schnauzbärtige Inspektor wissen. „Mein Name ist Doktor Moser. Unfallchirurg. Ich bin auf dem Weg in die Fischkonservenfabrik am Rande der Stadt. Ein Notfall. Atemstillstand. Der Patient braucht dringend Medikamente.“ Ich deutete mit dem Kopf auf das Weidenkörbchen. „Antihystamine, Antibiotika, Antidepressiva, Anti-Baby-Pillen. Alles anti, gegen das Entsetzliche.“ Der Polizist wirkte misstrauisch und frug: „Haben Sie getrunken?“ „Erlauben Sie mal!“ empörte ich mich. „Ich bin Arzt, ich trinke niemals im Dienst. Lassen Sie mich fahren, der Patient stirbt!“ Nachdem ich brav ins Röhrchen gepustet hatte, durfte ich mit einem Bußgeldbescheid über 75,- Euro weiterfahren.

Im Büro stellte ich den Korb mit Weichseln dekorativ auf die Anrichte unserer kleinen Kaffeeküche, und schrieb eine Rund-Mail an meine Kollegen im ersten Stock: „Liebe Freunde des animierten Stuhlgangs! In der Küche befindet sich ein Korb mit frisch gepflückten Weichseln aus unserem Garten. Alles ungespritzt und bio. Bitte bedienen Sie sich. Freiwillige Spenden sind willkommen und kommen der Polizei zugute, die auch bei dieser Hitze aufopferungsvoll und pflichtbewusst ihren Dienst auf den Straßen tut. Ziel wäre es, dass ich am Abend keine wieder mitnehmen muss. Freundliche Grüße, Hr. Moser“

Das war vor zwei Stunden und der Erfolg der Aktion ist  fraglich. Lediglich Cerny hat sich spendenfrei eine Handvoll Sauerkirschen geschnappt, und ein Weichselkern-Zielspucken in den Papierkorb veranstaltet. Aber der Tag ist noch jung…

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17 Kommentare zu “Intoleranzen”

  1. Lieber Herr Moser!
    Da sind Sie ja noch mal glimpflich davon gekommen. Ich hätte vermutet, dass Sie der werte Herr Cerny bei Ihrem geröteten Anblick mit Korb sogleich mit den Worten „Da kommt das Rotkäppchen“ begrüßt. Als böser Wolf wäre er ja auch durchgegangen. Aber vielleicht kann die Kantine die Kirschen ja noch zu etwas märchenhaftem verarbeiten 🙂
    Herzliche Grüße aus der unerträglichen Hitze ins hoffentlich etwas kühlere Wien
    Mallybeau

    Gefällt 3 Personen

  2. Was Ihnen mit Sauerkirschen passiert, ging mir bzw. uns vor Jahren mit Birnen. Es gab Kompott, es gab Saft, es gab Kuchen, es gab ich-weiß-nicht-was und verschenkt wurde auch viel. Da sich frau ja nicht lumpen lassen will, wurden natürlich die besten Birnen verschenkt und die nicht so wohlgestalteten musste ich dann schälen.
    Ich bin froh, dass es diesen Baum nicht mehr gibt.

    Gefällt 1 Person

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