Strohwitwer

Im Gegensatz zu ihrem Gatten liebt Frau Moser Hochzeiten. Heute ist es wieder einmal so weit: Heidi wohnt der burgenländischen Dorfhochzeit ihrer Freundin J. (Name der Red. bekannt) bei. Und ich darf zu Hause bleiben, da mich mit dem Brautpaar keine nähere Bekanntschaft verbindet. Darüber bin ich sehr glücklich, da ich mich auf derartigen Festivitäten per se nicht besonders wohl fühle und mir das ständige Geherze und Geküsse auf den Zeiger geht. Zum anderen liegt das Burgenland in der Steppe, also einer Art Wüste, und die Wetterprognosen für den heutigen Tag tendieren stark Richtung Handicap 35 (also 35° im Schatten). Wie der eine oder andere Leser vielleicht schon mitbekommen hat, ist dies nicht gerade meine Wohlfühlzone. Ich darf also unser idyllisches Reihenhäuschen hüten, während meine Gattin Adelheid heute Vormittag unseren tomatenroten Spanier bestieg und ins glühende Burgenland düste. Ich war vor knapp 20 Jahren bei der Eheschließung meines Bruders Bertl zu Gast und daran habe ich keine guten Erinnerungen. Es war ein ähnlich brütend heißer Tag wie heute, und die Hochzeitsfeier fand auf einem netten Ausflugsdampfer mitten auf dem Traunsee statt. Ich saß in einem wollenen Trachtenjanker, der mir der ländlichen Umgebung angemessen schien, in der prallen Mittagssonne auf Deck inmitten der andächtigen Gäste und betete. Nicht um Glück und Segen für das Brautpaar, sondern dass die Zeremonie möglichst rasch vorübergehen möge oder Gott ein Einsehen habe und ein paar dunkle Wolken vor die Sonne schiebt. Ich wurde nicht erhört. Ein Hitzeschlag der höchsten Kategorie fällte mich wie einen Baum, der vom Blitz getroffen wurde: Herzrasen, kalter Schweiß, Schwindel, Halluzinationen. Das Schiffchen musste meinetwegen den Kurs ändern und mich an Land bringen, wo mich ein eilig herbeigerufener Notarzt mit Infusionen und kalten Wickeln dem Tod von der Schippe riss. Aber dies nur am Rande.

Kaum hatte sich Heidi, höchst attraktiv in einem fliederfarbenen Sommerkleid und vollgepackt mit Geschenken, Blumen und Reserveschuhen, auf den Weg gemacht, marschierte ich in den Supermarkt, um mich mit Verpflegung und Getränken einzudecken. Heidi bleibt ja über Nacht, ich rechne mit ihrer Rückkehr erst morgen Nachmittag, mit dem Eintreffen der ersten Gewitter. Ich kann Ihnen sagen: Der schönste und angenehmste Ort an einem solchen Hitzetag ist nicht die zitronengelbe Liege im Schatten des grünen Sonnenschirmmonsters, nicht das Freibad, nicht der Beichtstuhl – sondern der Supermarkt! Ich liebe das wohltemperierte Klima in der Fleisch- und Milchabteilung. Heute ließ ich mir besonders viel Zeit und verbrachte eine gute Stunde zwischen Spareribs und marinierten Hühnerspießen, studierte die wenig appetitlichen Inhaltsstoffe der angebotenen Grillwürste, stellte einige interessante Preisvergleiche an und genoss die Kühle der leise brummenden Aggregate. Danach wechselte ich zu Frau Heinisch an die Wursttheke und hielt unter dem Motto „Ausländisch für FachverkäuferInnen“ einen kleinen Grundkurs über die richtige Aussprache von Lebensmitteln mit Migrationshintergrund ab (Sie erinnern sich an meine geliebte spanische Paprikawurst Chorizo, welche von der Mehrheit der Bürger deutscher Zunge falsch ausgesprochen wird, nämlich Schorizo anstatt korrekterweise Tschoriso). Frau Heinisch bestand meine Abschlussprüfung mit einer 2 minus, und ich konnte mich Herrn Tügür zuwenden, der seit April die Obst- und Gemüseabteilung leitet. Ich verwickelte ihn in einen Diskurs, wie weit sich die herrschende Dürreperiode auf die Gurken- und Salatpreise auswirken werde, was mir auch wieder zusätzliche 35 Minuten im erfrischenden Supermarkt-Klima bescherte. Erst nachdem ich noch das Regal mit Fischkonserven ein wenig umsortiert und unsere schmackhaften Produkte besser im Rampenlicht und auf Augenhöhe platziert hatte, machte ich mich gut abgekühlt auf den Heimweg.

Der Kühlschrank ist gut bestückt, und ich werde mich nun ein wenig dem Sport widmen. Das Qualifying für den Formel-1-GP in Aserbeidschan steht am Programm. Heidi vermeldete eben per WhatsApp, dass der Umzug mit der Braut durch das Dorf eine große Herausforderung an den 24-Stunden-Schutz ihres Deodorants war. Es sei glühend heiß. Ich nahm einen Schluck von meiner eisgekühlten Cola und schaltete den Fernseher ein.

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10 Kommentare zu “Strohwitwer”

  1. Der Herr Moser typisch Mann halt, da gibts nichts hinzuzufügen!
    Wünsche einen angenehmen Tag und hoffe morgen wieder auf einen Bericht der mich lächeln lässt. Wird bestimmt etwas aufregendes passieren, vor dem Fernseher oder bei den Nachbarn…..grins!
    Liebe Grüße
    Sigrid

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  2. Das Kleid Ihrer Gattin würde mir schon allein wegen der Farbe gefallen, es sei denn, es wäre ein Dirndl – da wendete ich meine Augen sofort ab.
    Wien und Berlin erleben ab und an ähnliche Dinge. Als wir vor Jahren in glühender Hitze in einem südlichen Land im Auto auf eine Fährüberfahrt lange warten mussten, ereilte mich auch ein Hitzschlag.
    Doch da es ein armes Ostblockland war, kam nicht so schnell ein Krankenwagen. Wie man sieht, vergeht Unkraut oder Wildkraut, wie es heute politisch korrekt heißt, nicht.

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  3. Es ist tragisch. Sie haben völlig recht lieber Herr Moser, bei den letztwöchigen Temperaturen, die auch bei uns im Schwarzwald herrschten war der Aufenthalt im Supermarkt oder beim Metzger tatsächlich ein Genuß, verbittert musste ich feststellen, dass Schuhgeschäfte ein beschämendes Kühlmanko haben und so wurden zwar meine drei Männer gut versorgt, meine Füße hingegen mussten mit den alten Treter weiterhin coexistieren. Eine Schande. Immerhin Bekleidungsgeschäfte sind ab und an klimatisch empfehelenswert, doch wer möchte sich etwas zum anziehen kaufen, wenn alle nur davon träumen ihre Klamotten schnellstmöglich loszuwerden und sich im nächstgelegenen See zu versenken. Abgekühlte Grüße bis morgen, der Wetterbericht hierzulande verheisst Fleischthekenwetter. Oder man lege sich zu den Fischen auf der Fischtheke aufs Eis (wer’s mag)

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