Ein Sommernachtstraum

Bei den derzeit herrschenden Wiener Tropennächten findet Familie Moser nur schwerlich in den Schlaf. Vergangene Nacht war wieder besonders schlimm. Ich konnte einfach nicht und nicht in meinen Lieblingszustand übergehen, und wälzte mich ächzend von einer Seite auf die andere. Die Bettdecke fungiert eigentlich nur als Abstandhalter, damit die schweißnassen Oberschenkel nicht zusammenkleben. Auch die seit Generationen überlieferten Hausmittelchen zur Beschleunigung des Einschlafprozesses blieben wirkungslos. Die warme Milch mit Honig beschleunigte höchstens die Transpiration, und ich begann Schäfchen zu zählen. Vor meinen geschlossenen Augen sprangen die possierlichen Wollknäuel über einen verwitterten Weidezaun. Mäh! Mäh! Mäh! Bei Nummer 24 und 25 begann eine kleine Drängelei, ich verzählte mich und musste von vorne anfangen. Im zweiten Durchgang kam ich bis Nummer 59, dann fand ich mich in der Küche wieder und briet zwei zarte Lammkoteletts, die Heidi in Vorbereitung auf das heutige Abendessen mit Knoblauch, Rosmarin und Olivenöl mariniert im Kühlschrank aufbewahrte.

Nach dem kleinen Mitternachtssnack schlich ich zurück ins Schlafzimmer, wo meine liebe Gattin inzwischen scheinbar friedlich schlief. Zumindest atmete sie tief und regelmäßig. Ich krabbelte vorsichtig ins Bett, legte mich auf die Decke und unternahm den nächsten Versuch, ein wenig Schlaf zu finden. Nach wenigen Minuten, die REM-Phase war noch meilenweit entfernt, hörte ich an meinem rechten Ohr das nervenzerfetzende Sirren einer Gelse (so nennt man in Österreich die Stechmücken), die im Schutze der Dunkelheit wohl auf der Jagd nach Menschenblut war. Fest entschlossen, mich bis zum letzten Blutstropfen gegen den Insektenangriff zu wehren, holte ich zum vermeintlich tödlichen Schlag aus. Unglücklicherweise verpasste ich dabei meiner Adelheid eine schallende Ohrfeige, die daraufhin laut schreiend aus ihrem leichten Schlaf schreckte. In der Nachbarschaft gingen die Lichter an, panisch hielt ich Heidi den Mund zu. Als wir uns wieder etwas beruhigt hatten, holte ich aus dem Badezimmer das Gelsenspray, das Schutz vor den Blutsaugern versprach. Wir rieben uns gegenseitig von Kopf bis Fuß damit ein. Der unangenehme Geruch des Mückenschutzes hielt zwar die Biester fern, aber uns wach. Mittlerweile zeigte die Uhr auf dem digitalen Radiowecker 03:47.

Um 04:57 ging die Sonne über meiner geliebten Heimatstadt auf, die frühen Vögel fingen ihren Frühstückswurm und wünschten sich zwitschernd „Guten Morgen!“ Eine Stunde später nahmen die ersten Sprinkleranlagen in den umliegenden Gärten tssss! tssss! Ihren Dienst auf. Ich lag mit Heidi noch immer wach im Bett und fühlte mich wie gerädert. Völlig erledigt torkelte ich unter die kalte Dusche. Kurz vor halb sieben saß ich mit meiner Frau im Garten und nippte am Morgenkaffee. Der Himmel war wolkenlos und strahlend blau, das Thermometer zeigte bereits 24 Grad. Es versprach ein heißer Sommertag zu werden. Ich war todmüde und hätte auf der Stelle einschlafen können.

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31 Kommentare zu „Ein Sommernachtstraum“

  1. Lieber Herr Moser!
    Hoffentlich können Sie künftig ohne Einschlafhilfen ins Traumland entschwinden. Denn ich fürchte, nach dem Verzehr der Lammkoteletts können Sie von den Schafen auf keinerlei Schützenhilfe bei der Schafzählung mehr hoffen 🙂
    Herzliche Grüße…. chhrrrr
    Mallybeau

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  2. Lieber Herr Moser, ach herrjeeee… Wenn ich Ihre Beschreibung da so lese, dann muss ich doch mal die wenigen Vorzüge meiner kalten Hinterhaus-Erdgeschoss/hintere Hauswand unter der Erde-Wohnung denken. Wegen Hitze schlaflose Nächte? Die gibt es hier nicht. (Dafür auch mal Sommerschnupfen, wenn ich mich nicht sofort warm anziehe, sobald ich von draußen nach Hause gekommen bin ;-))
    Können Sie im Büro ein Nickerchen machen oder kommt Ihnen da Ihr Dr. Cerny ins Gehege? 😉
    Warme Grüße
    Agnes

    Gefällt 1 Person

  3. Ich mag einfach deine Geschichten, so menschlich auf die Finger g’schaut, voller Humor, Phantasie, Liebe und bildhaft erzählt. 😂😂 und selbst, wenn mir nicht zum Lachen ist – weil die Nacht wacher war, als der Tag…lache ich und die Müdigkeit ist verflogen, weil meine Schäfchen ohne Drängelei durchs Schlafzimmer gelaufen sind. Vielen herzlichen Dank für all deine Geschichten. Erika

    Gefällt 3 Personen

  4. Fiction ist das diesmal leider keine, genau solche Nächte haben wir ja derzeit. Aber Mosers Lebensberichte sind zwar nicht real, könnten aber genauso gewesen sein. Und witzig sind sie auch, was man in Tropennächten dringend braucht.

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  5. Ich sehe sehr große Ähnlichkeiten mit meinem Mann….während ich schlafe, hat er ein reichhaltiges Nachtleben. Auch die Mücken machen mir keine Sorge, da diese meinen Mann VIEL besser mögen…😊😊
    Hoffe auf Abkühlung.
    Liebe Grüße. Priska

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