Sommergespräche

Heute gab es für die Schüler in Wien, Niederösterreich und im Burgenland ihre jährliche Leistungsbeurteilung, früher auch Zeugnis genannt, und die meisten der Kollegen mit schulpflichtigem Nachwuchs haben sich gleich in die Ferien verabschiedet. In unserer sonst so emsigen Konservenmanufaktur ist es urlaubsbedingt sehr ruhig geworden. Auch Cerny, obwohl meines Wissens  kinderlos, ist bereits ausgeflogen. Er trainiert seine Lungen und Beine auf Teneriffa, möchte womöglich auf den Vulkan Teide rennen, um im nächsten Jahr beim Vienna City Marathon zu brillieren. Nur noch wenige Damen und Herren der Belegschaft dünsten und dösen in ihren Büros vor sich hin, darunter auch ihr Herr Moser. Ich liebe diese entschleunigte Zeit, ohne lästige Meetings, ohne nervtötendes Gequatsche von Cerny. Auch das Direktorenpaar Svetlana und Mag. Erwin Pfotenhauer hat sich auf seine Segelyacht in Kroatien zurückgezogen. Ein lebhaft auffrischender Nordwestwind hat die brütende Schwüle aus der Stadt vertrieben, ab und an schiebt sich sogar ein Wölkchen vor die Sonne. Es lässt sich also aushalten und gut gelaunt flanierte ich heute Vormittag über die Gänge.

Auf der Herrentoilette traf ich unsere liebenswerte Putzperle Editha. Sie war ausnahmsweise nicht mit einem Joint beschäftigt, sondern streute kleine, weiße Kugeln in die Urinale. „Challo Moser!“ rief sie erfreut. „Challo Editha! Wie geht´s? Gut dass ich Sie treffe. Ich wollte Sie etwas fragen: Was erzählt man sich in der Belegschaft über meinen Vortrag in Guatemala? Haben Sie etwas gehört?“ Die fleißige Frau aus der Ukraine rieb Daumen und Zeigefinger aneinander und meinte: „Morgen ist 1. von Monat…“ Ich drückte ihr den  monatlichen Obulus in die Hand, den sie für ihre kleinen Spionage- und Informationsdienste von mir erhält. „Also, was sagen die Leute? Vortrag war gut??“ frug ich gespannt. Editha ließ den Schein in ihrer Kittelschürze verschwinden, rollte mit den Augen und kicherte: „Leite sprechen, Moser macht er super Referat, isser aber bissi verrickt! Kommt in buntes Indianergwandl…“ „Mein Koffer war vermisst!“ warf ich entrüstet ein. „Und Moser vielleicht war krank, schreit er viel, schwitzt, reißt Augen auf, schüttelt Faust wie friher Klaus Kinski. Kennst du Fitzcarraldo?“ „Ja, nein! Was? So reden die Kollegen? Ich hätte mich aufgeführt wie Kinski???“ „Ich nur sagen, was Leite sprechen in Biro iber Moser in Guatemala. Sehr viel Emotion in Vortrag. Spricht er iber Heringdosen wie von Ibernahme von Weltherrschaft oder Heilung von Krebs. Isser verrickt, Moser? Einer fliegt iber Kuckucksnest?“ Editha sah mich unschuldig an.

Hatte ich mich in meinen Guatemala-Vortrag tatsächlich derart reingesteigert, dass man heute über mich sprach wie über Kinski und Jack Nicholson, diese Verrückten? Das musste ich erst verdauen und wechselte das Thema. „Danke, Editha. Schon gut. Wann fahren Sie auf Urlaub? Und wohin?“ Sie zog eine traurige Grimasse und schluchzte: „Kein Urlaub, nix Radio Holiday. Ohne Moos nix los. Bleib ich in Balkonien, hab aber auch kan Balkon. Bin staatenlos.“ Die herzensgute Frau tat mir plötzlich sehr leid und spontan kam mir eine Idee: „Wollen Sie kommen zu uns putzen? Einmal in der Woche? In Reihenhaus? Fenster putzen, Rasen mähen und so Sachen?“  Schlagartig hellte sich die Miene der Ukrainerin auf: „Frauentausch? Ja, komme ich. Jeden Freitag nachmittag, 25 Juro in Stunde. Einverstanden?“ Rasch überschlug ich im Kopf die monatlichen Ausgaben für Edithas Putz- und Geheimdienste und riss die Augen auf: „Waaas? Wollen Sie auf meine Kosten in die Karibik fliegen? Da muss ich erst mit Frau Moser reden…“ rief ich vielleicht eine Tonlage zu laut und zu hoch. „Gut, du sprechen. Schenes Wochenende, Herr Kinski!“ Editha schlurfte davon.

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10 Kommentare zu “Sommergespräche”

  1. Lieber Herr Moser!
    Trösten Sie sich lieber mit der Tatsache, dass man Sie mit Kinski in Verbindung bringt und wie eine Weihnachtsgans ausnehmen will. Stellen Sie sich mal vor, Sie müssten nun auch noch ein Schiff über die österreichischen Berge ziehen, das wäre dann wirklich zu viel des Guten 🙂
    Herzliche Grüße und ein schönes Sommerwochenende in Wien
    Mallybeau

    Gefällt 4 Personen

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