Über Biber und Fische

Heute wollen wir das Sommerloch mit ein wenig Historie stopfen und uns der Familiengeschichte von Herrn Moser zuwenden. Welchen geschichtlichen Background hat dieser Abteilungsleiter einer Fischkonservenfabrik, woher kamen seine Vorfahren, wo liegen seine Wurzeln vergraben?

Begleiten Sie mich zurück ins frühe 17. Jahrhundert, zu den Anfängen einer Stadt in der Neuen Welt, die damals ein kleiner Handelsposten namens Neu-Amsterdam war und 400 Jahre später als glitzernde Millionen-Metropole, die niemals schläft, weltweiten Ruhm erfahren sollte: New York. Am Südzipfel einer waldreichen, zum Jagen idealen Halbinsel, welche die eingeborenen Alongkin-Indianer Mana Hata (das heutige Manhattan) nannten, lag eine Art natürlicher Hafen. Die seefahrenden Niederländer, allen voran die mächtige Westindien-Kompagnie, erkannten die strategisch günstige Lage dieses Fleckchens Erde und gründeten Neu-Amsterdam. Ein Fort, ein paar Windmühlen und ein kleines Städtchen hinter einer Palisade, das kaum mehr als 2.000 Einwohner zählte. Dorthin verschlug es so um 1610 auch das niederländische Paar Willem van Moses und seine Frau Gret. Willem stieg ins Biberpelzgeschäft ein und brachte es binnen weniger Jahre zu einem ansehnlichen Vermögen. Die eingewanderten Menschen aus Mittel- und Nordeuropa hatten nämlich eine unstillbare Gier nach Bibern. „Der Biber“, erklärte van Moses oft seiner Frau, „ist ein höchst nützliches Geschöpf. Biberöl heilt Rheumatismus, Zahnweh und Magenschmerzen. Biberhoden, pulverisiert und in Wasser aufgelöst, können einem Idioten die Vernunft zurückgeben. Das Fell des Tieres ist dicht und warm.“ Aber wonach es die Männer wirklich verlangte, war die weiche Unterwolle unter den Grannenhaaren, weil sie zu Filz verarbeitet werden konnte. Und zu jener Zeit wollte jeder einen Filzhut haben, er war das Feinste vom Feinsten. Die Handwerker, die sie herstellten, wurden manchmal verrückt, vom Quecksilber vergiftet, das sie verwendeten, um die Grannenhaare von der Unterwolle zu trennen. Doch das kümmerte Willem van Moses nicht, er fuhr regelmäßig den Hudson hinauf, der damals noch North River hieß und erst später nach dem englischen Entdecker Henry Hudson benannt wurde, um mit den Indianern Geschäfte zu machen. Er tauschte billigen, mit Wasser gepantschten Branntwein gegen die wertvollen Biberfelle, die er dann in der Handelsstation Neu-Amsterdam gegen bare Münze tauschte. Bald nannte Willem van Moses ein herrschaftliches Stadthaus sein eigen, und war sogar mit dem Gouverneur Pieter Stuyvesant persönlich bekannt.

Zu jener Zeit brachte Gret auch ihren gemeinsamen Sohn Moses zur Welt. Der kleine Moses van Moses schlug jedoch gänzlich aus der Art. Schon mit zehn Jahren zeigte er sich angewidert von den dubiosen Geschäften seines Vaters und wie er den betrunkenen Alongkin-Indianern das Biberfell über die Ohren zog. Auch die Massenschlachtung tausender Biber, die für eine dumme Hutmode ihr Leben lassen mussten, war ihm ein Dorn im Auge. Also sprach Moses am Abend seines 18. Geburtstages zum gestrengen Vater: „Sir, ich mache Ihre blutigen Familiengeschäfte nicht mit! Ich segle zurück in die Niederlande, in die Heimat unserer Vorväter, und werde ein ehrbarer Mann.“ Der junge Moses ließ einen versteinerten Vater und eine weinende Mutter  zurück, und heuerte im Hafen von Neu-Amsterdam auf einem Dreimast-Schoner als Hilfsmatrose an. Während dutzende Schiffe immer neue Menschenmassen aus Europa in die Neue Welt brachten – hungrige, aber stolze Iren und Engländer, kinderreiche Familien aus Italien, fromme und fleißige Deutsche und immer neue Niederländer, die damals noch ganz ohne Wohnwagen reisen mussten – schwamm Moses van Moses gegen den Flüchtlingsstrom.

Leider gab es zu jener Zeit noch kein GPS uns keine Satellitennavigation, und der stets betrunkene Kapitän des Dreimasters versegelte sich auf den Weltmeeren, sodass Moses nicht wie geplant in den Niederlanden an Land ging, sondern im Hafen von Hamburg. Er hatte sein weniges Geld beim Würfelspiel während der Überfahrt an den Steuermann verloren, sodass er nun ohne einen einzigen Kreuzer dastand. Doch Moses ließ sich nicht entmutigen, spuckte in die Hände und nahm eine Stelle als Hilfsarbeiter in einer Fischfabrik an. Tag für Tag schnitt er glitschigen Heringen den Bauch auf, kratzte Innereien aus und schnitt den Fischen Kopf und Schwanz ab. Dabei lernte er Heidemarie kennen, die neben ihm Makrelen entschuppte. Die beiden wurden ein Paar, heirateten und nannten sich fortan Moser, da ihnen das katholisches Moses als unpassend erschien. Bei dieser Gelegenheit legte Moses auch gleich seinen Vornamen ab, und ging fortan als Herr Moser durch die Welt.

Ihrem Nachwuchs, zwei Söhnen und einer Tochter, wurde die Liebe zum Fisch mit in die Wiege gelegt. Der älteste Sohn fuhr später mit eigenem Fischkutter zur See, der andere exportierte Kabeljau nach Böhmen und Mähren, und die Tochter betrieb einen kleinen Verkaufsstand am Hamburger Fischmarkt. Generationen später verschlug es die Mosers aus Gründen, die sich heute nicht mehr nachvollziehen lassen, nach Süden in die Gegend von Wien. Alle jedoch blieben beruflich stets dem Fisch verbunden, so wie mein Urgroßvater, der Ende des 19. Jahrhunderts in der Wiener Innenstadt das erste Fachgeschäft für Aquaristik eröffnete.

Der Wahrheitsgehalt dieser Geschichte über meine Ahnen ist leider nicht überliefert und bestätigt. Aber ich erzähle sie meiner lieben Heidi immer wieder gerne an kalten Winterabenden. Oder meinen treuen Lesern an heißen Sommertagen.

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23 Kommentare zu “Über Biber und Fische”

  1. Lieber Herr Moser!

    Schön, dass zu der traditionellen Verbundenheit zum Fisch nun die Liebe und das Talent zum Schreiben bei den Mosers Einzug gehalten hat und wir so in den Genuss dieser wunderbaren Geschichte kommen. Es würde mich nicht überraschen, wenn in Ihrem Stammbaum auch Käptn Blaubär zu finden ist 🙂

    Herzliche Grüße … ahoi nach Wien
    Mallybeau

    Gefällt 7 Personen

  2. ENDLICH, endlich kennen wir Leser Ihre Geschichte, werter Herr Moser, das ist in der Tag blaubärscher Stoff. Eine herrliche Origin-Story aus der Zeit, als die Niederländer noch keine Wohnwagen kannten 🙂 Meinen allergrößten Dank! Und bitte: Herr (Moser), schmeiß Biberhoden vom Himmel, falls das wirklich von Idiotie heilen mag. Am besten direkt auf die Köppe all der Trumps und Putins.
    Liebe Grüße!

    Gefällt 3 Personen

  3. Ach lieber Moser, wie bin ich entzückt. Diese schöne Geschichte hat mir die Mittagspause gerettet😎

    Und ich sehe Parallelen😀😀 zu 25 % habe ich niederländisches Blut und mein Lieblingsfleisch konnte, bis es verarbeitet wurde, schwimmen🐳
    Wünsche eine schöne Restwoche…

    Gefällt 2 Personen

  4. Lieber Herr Moser, so lerne ich etwas über Geschichte am liebsten: über Geschichten! Und die kleine Frage „Was wäre geschehen, wenn…“, die in mir dann manchmal aufkommt, z.B.: Wäre der junge Moses in Amerika geblieben, wären Sie dann jetzt Leiter einer Biberkonservenfabrik? Herzlichste Grüße!

    Gefällt 1 Person

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