Nachwuchsförderung

Ich habe Ihnen doch letztens von meinen Ahnen berichtet, von meinem Vorfahr Moses van Moses, der als eingewanderter Auswanderer der Neuen Welt und dem Bibergeschäft den Rücken kehrte und durch eine Verkettung unglücklicher Umstände als Hilfsarbeiter in einem fischverarbeitenden Hamburger Betrieb landete. Wie der aufmerksame Leser weiß, waren die Mosers seither und damit seit vielen Generationen in irgendeiner Weise beruflich dem Fisch verbunden. Eine Tradition, die ich gerne fortgeführt sähe. Leider haben Heidi und ich aber  keinen Nachwuchs gezeugt, sodass die Linie der Mosers im Fischgewerbe vom Aussterben bedroht ist. Nur Heidis knapp 14-jähriger Neffe Luki ist beruflich noch unentschlossen und könnte die Familientradition retten.

Also köderte ich den ahnungslosen Teenager am Freitag mit einem nicht näher definierten Ausflug. Ich wollte ihn mit einer ganz persönlichen Führung durch unsere Fischkonservenfabrik überraschen, ihn in die Geheimnisse  der Heringsfilets in Tomaten-Basilikum-Sauce und der durch und durch vegetarischen Tofu-Fischkonserven einweihen. Ich wollte ihn Fischblut lecken lassen, ihm eine Karriere in der Fischbranche schmackhaft machen. Man muss das Eisen schmieden, solange es heiß ist. Ich holte Luki pünktlich um 8:30 morgens ab, und als er 20 Minuten später tatsächlich aus der Haustüre trat, war er noch reichlich verschlafen und recht einsilbig. „Wo fahren wir hin?“ frug der junge Mann einigermaßen desinteressiert. „Magst du Fisch?“ gab ich unbekümmert und fröhlich zurück. Plötzlich war Luki hellwach: „Fahren wir ans Meer?? Ja, Onkel Moser, ans Meer nach Sardinien?“ „Sardinien ist ein bisschen weit, aber Sardinen gibt es da auch…“ machte ich auf geheimnisvoll. Und schon roch der vife Bursche den Braten: „Nein, sag nicht, ich muss mit dir in die Fischfabrik!!? Eeeyy, booaaah. Was soll ich da? Ich hasse Fisch.“ „Luki, niemand hasst Fisch“, gab ich zu bedenken. „Das Meer ist der Ursprung allen Lebens, auch wir Menschen sind vor vielen Millionen Jahren dem Meer entstiegen, haben die Kiemen abgeworfen und uns über den aufrechten Gang zum Homo sapiens entwickelt. Die Welt der Fische ist einzigartig und unglaublich vielfältig. Sie bieten uns Nahrung, Wohlstand und Sicherheit. Man kann sie grillen, kochen, konservieren, räuchern, pochieren!“ Ich merkte, dass mein Vortrag etwas unkoordiniert ablief und blickte kurz zu Luki auf dem Beifahrersitz. Doch der war längst in sein Smartphone vertieft.

Am Fabriksparkplatz angekommen, folgte mir der Teenager höchst widerwillig und nur unter Protest in die Heiligen Hallen. In der Empfangshalle kam uns Editha, die ukrainische Putzfrau, entgegen. Sie schwang Eimer und Wischmopp, und rief lauthals: „Cherr Moooser! Sie chaben Sohn?? Ist aber großes Iberraschung!“ Editha schnappte sich Luki, umarmte ihn in ihrer herzlich-deftigen Art und drückte ihm einen feuchten, ukrainischen Schmatz auf die Wange. „Wie heisst du, Junge?!“ Der arme Junge blickte mich angewidert und hilfesuchend an. Editha tätschelte ihm die Wange und meinte: „Bist du schichtern, mein Kleiner?“ Das kommt bei einem 14-Jährigen gar nicht gut, er riss sich los und zischte ein „Hey, chill!“. Ich packte Luki bei der Hand und zog ihn davon: „Wir müssen weiter, nasdarowje Editha! Und er ist nicht mein Sohn!“ Der Neffe schüttelte meine Hand ab und folgte mir ins Büro.

Mein Kollege Cerny machte gerade Dehnungsübungen am Schreibtisch, als ich Luki an meinen Arbeitsplatz führte. „Gott zum Gruße!“ keuchte Cerny und klopfte sich eine Handvoll Schuppen von den Schultern. „Wen haben wir denn da?“ musterte der Wirtschaftsdoktor meinen Schützling durch seine zentimeterdicke Brille, wobei die unnatürlich vergrößerten Augen auf und ab schwammen. „Ein neuer Lehrling?“ „Das ist mein Neffe Luki, ich zeige ihm ein wenig die Fabrik“, erläuterte ich. „Früh übt sich, was ein Meister werden will! Möchtest du in Fischbranche einsteigen?“ frug Cerny an Lukis Adresse. Der musterte gerade meinen Computer und konterte trocken: „Damit ich an solchen Steinzeitrechnern arbeiten muss? Nein danke. Von wann ist der? 2010???“ Er lachte, als ob 2010 schon hundert Jahre her ist. Cerny legte sich auf den Boden und begann mit seiner Sit-up-Einheit, als Direktor Mag. Erwin Pfotenhauer das Büro enterte: „Moser! Diese russische Putzfrau hat mir erzählt, dass Sie Ihren Sohn mitgebracht haben! Ich dachte immer, Sie sind kinderlos. Hallo junger Mann!“ Er streckte Luki seine riesige Pranke entgegen. Der ließ vor Schreck sein Handy fallen und täuschte einen Hustenanfall vor. „Tschuldigung, aber ich warte im Auto….“ röchelte er und flitzte wie vom wilden Affen gebissen durch die Tür. „Tja, Kinder“, murmelte ich bedauernd und schulterzuckend.

Meine Predigt über unerlaubtes Entfernen vom Arbeitsplatz ließ Luki ungerührt über sich ergehen. „Arbeiten in deiner Fabrik nur Spackos?“ war sein einziger Kommentar. Ich denke, für die Fischkonservenbranche ist Lukas Moser verloren. Aber ich gebe nicht auf. Zum 14. Geburtstag bekommt er ein Aquarium mit bunten Fischen. Vielleicht kann ich ihn über die Aquaristik ins Fischlager holen.

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8 Kommentare zu “Nachwuchsförderung”

      1. Hoffentlich sieht der Luki das auch so. Ich zermartere mir das Hirn, wie man ihn dazu bringen könnte, aber mir fällt nichts weiter ein. Mein Enkel wird ja heute zehn. Das tollste Geschenk ist ja, dass er Ende August den Angelschein machen darf. Sein Opa hat sich auch angemeldet und hat nun Sorge, dass der Knabe die Prüfung besteht und er nicht. Caspar hat ihm aber schon angeboten, mit ihm zu üben. 😉

        Gefällt 1 Person

  1. Lieber Herr Moser!
    Mit dem lieben Luki wartet sicherlich noch etwas Arbeit auf Sie.
    Aber immerhin könnten Sie mal versuchen, bei Herrn Pfotenhauer ein größeres Gehalt zu ergattern. Schließlich kostet so ein Sohn doch eine Unmenge Geld 🙂
    Herzliche Grüße von der Alm
    Mallybeau

    Gefällt 2 Personen

  2. Hm, vielleicht ist er für die Fischfabrik verloren – vorerst. Womöglich strengt er sich nun in der Schule mehr an, studiert was Gescheites, findest keinen Job und hat die Wahl zwischen Taxifahrer oder (der Onkel möge es bitte nicht despektierlich sehen) „irgendwas“ in der Fischfabrik. Wer weiß, was die Zukunft bringt …

    Gefällt 1 Person

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