Überraschungskekse

Letzten Freitag, die Fischfabrik lag urlaubsbedingt noch immer im Sommerschlaf, traf ich auf der Herrentoilette unsere allseits beliebte ukrainische Putzperle Editha. Sie lehnte am Heizkörper und biss genüsslich in einen Keks. „Cherr Moser! Wie scheen, dass Sie mich besuchen!“ rief sie mit vollem Mund. „Ja Editha, eigentlich wollte ich mich nur kurz erleichtern“, gab ich zurück und näherte mich vorsichtig einem der Pissoirbecken. Sie wollte meinen Wink mit dem Zaunpfahl offenbar nicht verstehen, denn sie machte keinerlei Anstalten, die Örtlichkeiten zu verlassen. „Machst du Pipi, chab ich ka Problem damit. Is natirlich.“ Da es mir eine gewisse innere Schamsperre und meine Abteilungsleiterehre nicht erlauben, vor oder neben Putzfrauen zu pinkeln, lenkte ich charmant und unauffällig vom Thema ab: „Die Kekse sehen aber gut aus. Selbst gemacht?“ „Ja, ist Editha-Spezialrezept!“ zwinkerte mir die Reinigungsfachkraft grinsend zu. „Willst du probieren, Moser?“ Sie griff in eine unauffällige Papiertüte und streckte mir einen Keks entgegen. „Macht gute Laune!“ Nichtsahnend schnappte ich mir das etwas bröselige, braune Gebäck und schob es mir in den Mund. „Mmmmhh, nicht schlecht. Schmeckt etwas seltsam erdig. Schokolade aus der Ukraine?“ frug ich. „Ja, gute Tschokolada aus Cheimat, chuachuachua!“ lachte Editha und reichte mir noch eine zweite Kostprobe, die ich bereitwillig verschlang. Ich bin ja ein höflicher Mensch. Die gute Frau stöpselte sich die Ohren mit Musik zu und sprach: „Jetzt Werbung, dann Frihstickspause!“ Damit verließ sie das WC pfeifend und grinsend, und ich konnte endlich ungestört meinem Geschäft nachgehen.

Als ich wenig später am Computer saß und Umsatzzahlen in eine Excel-Tabelle eintrug, begann plötzlich mein Gesicht zu zittern. Ein höchst befremdliches Gefühl, das kann ich Ihnen versichern. „Mein Gesicht zittert!“ flüsterte ich zu Cerny, der mich mit seinen brillenverstärkten, riesengroßen Augen verständnislos ansah. Ich wollte etwas antworten, doch mein Mund war trocken wie ein Wasserloch in der Sahara. Ich brachte nur ein erbärmliches Krächzen zustande, das sich wie „sichtzitt mnd oohh trck“ anhörte. Sprach ich plötzlich Suaheli, oder gar finnisch? Ein Wunder? Ich blickte auf die Tabelle vor mir am Bildschirm… und sah nur einen Haufen Zahlen und Striche. Der tiefere Sinn dahinter blieb mir verborgen. Im Zeitlupentempo stand ich auf und schlich zum Waschbecken. Der Weg dorthin beträgt zwar nur zwei Meter, mir erschien er jedoch wie zwei Kilometer. Was hat eine Gewichtsangabe wie Kilo mit einer Längenangabe wie Meter zu tun? Verdammt. Ich war verwirrt, stülpte meine Lippen über den Wasserhahn und drehte auf. Leider verwechselte ich die blaue mit der roten Armatur und ein Strahl heißes Wasser verbrühte mir die Zunge und alle umliegenden Schleimhäute. „Aaaahhhh!“ spuckte ich Cerny, der eben angelaufen kam, in hohem Bogen mitten ins Gesicht. „Moser!“ rief dieser. „Was ist mit Ihnen? Ist Ihnen nicht gut??“ „Mein Gesicht zittert“, was mir in dieser Situation aber so absurd erschien, dass ich lauthals zu lachen begann. Wahrscheinlich durch meinen Lachkrampf angelockt, steckte Editha ihren Kopf durch die Tür. „Kekse gut, Moser? Chuachuachua!!!“ In dieser Sekunde wurde mir alles klar. Editha, die ja auf dem Männerklo gerne mal einen Joint durchzieht, hatte das Hasch diesmal in ihren seltsamen Keksen verbacken. Wie sonst wäre mein zitterndes Gesicht zu erklären? „Editha! Haben Sie mir Haschkekse untergejubelt? Bin ich high?“ „Ist guter Stoff, von Cousin aus Kiew. Magst du noch ein Stick?“ Editha grinste von einem Ohr zum anderen. Cerny brach in tosendes Gelächter aus: „Der brave und stets ordentliche Herr Moser ist zugedröhnt! Ich pack es nicht!!“ Ich packte es auch nicht und stimmte in das Gelächter ein bis mir die Tränen übers zitternde Gesicht liefen. Der Lachkrampf ging ansatzlos in einen heftigen Weinkrampf über und mein Kollege meinte: „Ich rufe Ihnen jetzt ein Taxi. Sie müssen nach Hause.“ Ich vertiefte mich in die Tausend kleinen weißen Schuppen auf Cernys schwarzem Sakko und murmelte: „Hier ist der Große Wagen, da sind Castor und Pollux. Sie tragen die Last des gesamten Universums auf Ihren Schultern, lieber Herr Doktor.“

An die Taxifahrt kann ich mich nur noch dunkel erinnern. Ich weiß aber, dass ich dem Fahrer 20 Euro Trinkgeld gegeben habe, weil er mich an die türkische Version meines schwerhörigen Onkel Albert erinnerte. Heidi erschrak, als ich unangemeldet und unerwartet kurz vor Mittag ins Wohnzimmer schwebte. Dazu sang ich mit krächzender und wie ich meine überaus überzeugender Louis-Armstrong-Stimme „And I think to myself… what a wonderful woooorld!“  Mein besorgtes Weib musterte mich argwöhnisch und stellte die alles entscheidende Frage: „Moser, was ist mit dir? Bist du betrunken, am helllichten Tag? Deine Augen sind ganz rot!?“ „Bindehautentzündung!“ war mein geistesgegenwärtiger Konter. „Und jetzt Essen!“ Ich verspürte nämlich ein noch nie gekanntes Hungergefühl. „Aber ich hab doch nichts vorbereitet, ich habe erst um 16 Uhr mit dir gerechnet!“ jammerte Adelheid. „Macht nix, Baby!“ grinste ich meiner Liebsten verschwörerisch zu, trippelte in die Küche, schnappte mir eine Packung Kartoffelchips, ein Bounty, eine Tafel dunkle Orangen-Schokolade, den letzten Rest der ungarischen Salami aus dem Kühlschrank und eine Flasche Apfelsaft.“Na du hast ja wirklich Hunger!“ staunte Heidi. „Ja, ich habe heute erst zwei Kekse gegessen!“ Ein lautes Chuachuachua! lachend entschwand ich ins Schlafzimmer.

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21 Kommentare zu „Überraschungskekse“

  1. Lieber Herr Moser!
    Steht Ihre Fischfabrik zufällig in der Sesamstraße? Editha, Kekse mampfend und in schallendes Gelächter ausbrechend erinnert doch stark ans Krümelmonster … Keeeekseeee 🙂
    Ich hoffe, Sie haben sich mittlerweile von Ihrem Lachkrampf erholt und mit „normalen“ Nahrungsmitteln gestärkt.
    Herzliche Grüße
    Mallybeau

    Gefällt 4 Personen

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