Ode an den Kürbis

Obwohl ich das geladene Smartphone in der Linken hielt, startete ich heute früh nicht die Wetter-App, um mich über die herrschende Wetterlage zu informieren, sondern blickte ganz altmodisch aus dem Fenster. Und das war gut so, denn unser kleiner Garten bot ein herbstliches Schauspiel wie aus dem Bilderbuch. Über die Hänge der Weinberge wogten bauschige Nebelschwaden, und die Blätter der kleinen Laubhügel, die ich gestern mühsam aufgetürmt hatte, tanzten wild im böigen Wind. Rot, braun, gelb, orange und hellgrün. Der feine Sprühregen verlieh der Szenerie noch zusätzlich einen kitschig-aquarelligen Touch. Plötzlich tauchten vor meinem geistigen Auge die Zeichnungen aus dem Lesebuch meiner Volksschulzeit auf: Ein Mädchen mit blonden Zöpfen und ein Bub mit vom Wind zersausten Haaren ließen einen bunten Drachen steigen. Ja, damals verließen die Kinder tatsächlich noch das Haus und ließen kleine, oft selbstgebastelte Papierdrachen in die Lüfte steigen. Die Kinder in meinem Lesebuch hatten rote Pausbacken und schienen überaus glücklich, ganz ohne Drohnen und Handy. Ich seufzte wehmütig und ließ meinen Blick in den nachbarlichen Garten schweifen, wo unser selbsternannter Siedlungswächter Walter „Rotkäppchen“ Weinwurm in der letzten Nacht wohl sehr einsam gewesen war, denn zwischen Liguster und Farnen thronten nun zwei orange Kürbisse, in die er dem nahenden Halloween angemessen zwei schauerliche Fratzen geschnitzt hatte.

Angetörnt von so viel Herbstklischee verfiel ich in melancholisch-lyrische Stimmung, die sofort und auf der Stelle in wortgewaltige, beeindruckende Poesie verwandelt werden wollte. Nun weiß der geübte Leser der Moser´schen Beiträge, dass Reime und Gedichte nicht mein angestammtes Metier sind. Das können einige andere BloggerInnen wahrlich besser, aber das war mir in dieser Sekunde wurscht. Der Herbst rauschte durch jede Faser meines Abteilungsleiterkörpers und ich fühlte dichterische Power durch meine Adern jagen, als wäre ich der alte Herr Geheimrat Johann Wolfgang persönlich.  Sogleich schnappte ich meinen Laptop, funktionierte die Fernsehcouch zur Dichtercouch um und versank in die Welt der Lyrik.

„Moser, in zwei Stunden kommt Caro zum Essen und du hast versprochen, deine berühmte Kürbiscremesuppe zu kochen! Da steht noch nix am Herd, also löse dich vom Computer und beginne dein Hexenwerk“, säuselte meine fleißige Gemahlin, als sie staubwedelnd durch das Wohnzimmer schwebte. Seit mir vor vielen Dekaden mal zufällig eine halbwegs passable Kürbissuppe gelungen ist, bin ich in unserem Haushalt der amtliche, offizielle Kürbissuppenzubereiter. Im Vorjahr habe ich sogar mal ein Süppchen absichtlich versalzen, um diesen lästigen Job loszuwerden, aber Heidi meinte bloß: „Wie liiiieb, mein Schatz ist noch immer verliebt in mich!“ und hielt an der Tradition fest. „Ach Heidi“, jammerte ich. „Das passt jetzt aber gar nicht. Die Muse hat mich geküsst und ich arbeite an einem lyrischen Herbstepos, das noch heute seinen Weg in den Blog finden soll! Ich befinde mich in einem kreativen Taumel, ich stehe kurz vor dem Durchbruch…“ Heidi setzte die kleine Gießkanne ab, mit der sie eben unserem kleinen Zimmerefeu Kraft und Leben geschenkt hatte, trat zu mir an den Computer und las laut vor:

Ode an den Kürbis

Auf dem ganzen Globus wohl bekannt

ist das Geschenk des Sommers an den Herbst,

wohlschmeckender Kürbis genannt.

Deine Kerne frisch geröstet,

haben mich in mieser Laune oft getröstet.

Dein kalt gepresstes Öl, das schwarze Gold,

war meinem Gaumen oft schon hold.

Ob im fernen Hokkaido

oder in der grünen Steierma

 

Heidi legte die Stirn in Falten und blickte mich scharf an: „Der Kürbis liegt dir in der Praxis eindeutig mehr als in der Theorie. Ab in die Küche!“

Meine Kürbiscremesuppe mit gerösteten Knoblauch-Schwarzbrotcroutons und ein paar Tröpfchen Kernöl hat unserer Gästin Caro so gut geschmeckt, dass sie heißhungrig einen zweiten Teller nachlegte. Meine Ode an den Kürbis kommt gekocht scheinbar doch besser an als geschrieben.

Advertisements

21 Kommentare zu „Ode an den Kürbis“

  1. Lieber Herr Moser!

    Die Caro isst gern Moser-Suppe
    da ist ein Herbstgedicht doch völlig schnuppe.
    Herr Moser hat Talent zum schreiben
    und das soll ja auch so bleiben.
    Und so schlecht waren seine Reime nicht
    und ich beende das Gedicht
    mit einem herzlich Gruß nach Wien
    wo Kürbiskopfgrimassen blühn 🙂

    Herzliche Grüße von einer zurecht
    unterschätzten „Dichterin“
    Mallybeau

    Gefällt 7 Personen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s