Vom Winde verweht

Möglicherweise ist es dem einen oder anderen unter Ihnen schon aufgefallen, aber draußen ist es heute ziemlich windig. Die werten Damen und Herren Nachrichtenvorleser im Radio sprechen gar von Sturm und von Orkanstärke. Es wird über Stromausfälle und tapfere Feuerwehrleute berichtet, die zu hunderten Einsätzen ausrücken müssen, um gestürzte Bäume von den Straßen zu räumen und schwankende Baukräne zu bändigen. Es herrscht kein 3-Wetter-Taft-Wetter und die Bevölkerung, also wir, wird eindringlich aufgefordert, ihre schützenden Häuser und Wohnungen nur im äußersten Notfall zu verlassen. Auch Familie Moser ist von der verheerenden Sturmkatastrophe betroffen, denn unser kleines Plastik-Erdmännchen Toni, das seit dem Frühjahr brav und unbestechlich über unser entzückendes Reihenhausgärtchen wacht, kam unter dem gelben Weinlaub ins Wanken und wurde vom rauen Herbstwind schließlich umgenietet.

Um der Wahrheit die Ehre zu geben: Mir kam das Stürmchen an diesem Sonntag gar nicht ungelegen. Ich hatte mich vor ein paar Tagen von Heidi nämlich für heute zum Kürbisschnitzen irgendwo auf einer Himmelswiese mit Lebensbaumkreis überreden lassen. Ein mystischer, magischer Ort, wo man gegen einen kleinen Obulus einen orangen „Plutzer“, wie der Kürbis im Österreichischen genannt wird, und Schnitzwerkzeuge erhält und sich dann mit Gleichgesinnten tiefe Wunden an den Fingern beibringt. Ich hatte diesem Event nur zugestimmt, um Heidi eine Freude zu machen und zu beweisen, dass ich nicht ständig nur auf der Couch hocke. In Wahrheit hatte ich absolut keinen Bock auf kreatives Schnitzen mit alternativen Müttern in selbstgestrickten Pullovern und ihren antiautoritär erzogenen Schreihälsen. „Die staatliche Sturmwarnbehörde hat ein Ausgehverbot verhängt, also wird das heute mit dem Kürbisschnitzen am Lebensbaumkreis wohl nichts“ gab ich Heidi mit tief bekümmerter Miene zu verstehen. „Das wäre bei dieser Witterung auch reiner Selbstmord, zudem herrscht Vermummungsverbot und unsere zarten Näschen wären in Sekundenschnelle vereist. Es droht ein weiterer schwerer grippaler Infekt, wochenlange Bettlägrigkeit, Tuberkulose, schließlich Krankenhaus, Intensivstation, Verlust des Arbeitsplatzes, Obdachlosigkeit, Tod. Von der Verletzungsgefahr bei klammen Fingern ganz zu schweigen. Ich plädiere dafür, den Anweisungen der Wetterpropheten Folge zu leisten und den Schutzbunker aufzusuchen.“  „Du musst dich nicht so anstrengen, mir das Kürbisschnitzen auszureden, Moser“, antwortete Heidi lächelnd. „Bei diesem Sturm bleibe ich auch lieber zu Hause. Im Übrigen haben wir gar keinen Schutzbunker.“ „Sehr richtig, dann schauen wir nach dem Tafelspitz Hans-Moser-Filme und essen Zwetschkenkuchen.“

Zu den Klängen der Feuerwehrsirenen und Deep Purples Stormbringer spielten wir vor dem Mittagessen noch eine Runde „Trivial Pursuit“, während das Rindfleisch in der Gemüsesuppe gemächlich vor sich hin siedete. Aufgrund meiner überdurchschnittlich hohen Allgemeinbildung und meines an Genialität grenzenden IQ bin ich in diesem Wissenspiel nahezu unschlagbar. Daher bot ich Heidi übermütig eine kleine Wette an: Der Verlierer muss im Alleingang die Sturmschäden im Garten beseitigen. Sie schlug ein. Kurz vor Ende des Spiels  lagen wir gleichauf, mir fehlte nur noch das Steinchen für Kunst & Literatur. Quasi mein Spezialgebiet. Heidi stellte die alles entscheidende Frage: „Welches Gedicht beginnt mit den Worten Wer reitet so spät durch Nach und Wind…?“ Siegessicher und wie aus der Pistole geschossen antwortete ich: „Es ist der Vater mit seinem Kind. Der Schimmelreiter von Theodor Storm! Danke und viel Spaß bei der Renovierung des Gartens!“

Heidis Lachkrampf liegt mir noch immer unangenehm im Ohr. Unter Tränen röhrte sie: „Uuuaahhhaaha! Der Eeeeerlkönig! Verlooooren!“ Ich versuchte mich auf die Musik von Stormbringer auszureden, die mir den falschen Floh von Theodor Storm ins Ohr gesetzt hatte. Vergeblich.

Der Tafelspitz mit Schnittlauchsauce und Apfelkren lag noch wohlig warm im Magen, als der Sturm abflaute und die Sonne durchkam. „Oh schau mal! Wir können doch noch auf die Himmelswiese zum Kürbisschnitzen fahren“, freute sich meine Gemahlin. Zu Heidis Gunsten nahm ich an, dass es sich dabei um einen üblen Scherz handelte.

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18 Kommentare zu „Vom Winde verweht“

  1. Lieber Herr Moser!

    Nach den ersten Zeilen musste ich in der Tat gleich an den werten Toni denken, der Gott sei Dank von Sturmschäden verschont blieb.
    Ich denke, Sie könnten doch mal zur Himmelswiese fahren und nachsehen, welches der antiautoritär erzogenen Kinder den tosenden Hurrikan überlebt hat und sie als kleine Helfer in Ihrem Garten einstellen. Abgehärtet sind sie ja bereits und die gute Heidi kann noch einen Kürbis schnitzen 🙂

    Herzliche Grüße aus einer Flaute
    Mallybeau

    Gefällt 2 Personen

  2. Guten Morgen lieber Herr Moser,
    ja der Sturm hat`s uns angetan in vielfacher Hinsicht. Sehr schönes sw-Foto, so wie ich sie liebe insbes. auch als Portraitaufnahmen. SW einfach dokumentarischer, doch leider vorläufig aus der Mode gekommen.
    Hans Moser Filme und Deep Purple find ich immer gut. Smoke on the water hat ja auch so seine Geschichte. Kürbis am besten als Suppe.
    Warum ich hier kommentiere hat einen besonderen Anlass:
    Ich war gerade dabei zu rebloggen, was ja ganz einfach ist. Da kann man sich mal ( was) teilen. Und als ich gerade bei der Bearbeitung war, haben sie, Herr Moser, die `halbe´Sache schon gelesen, wenn ich mich nicht täusche. Dann begeben sie sich bitte nochmal hin und kommen sie meiner Aufforderung – vollkommen kostenfrei – nach. Darf auch humorig sein oder auf jeden Fall vielleicht. Zur Abkürzung der link:
    https://4alle.wordpress.com/2017/10/31/kein-betreff/
    Was zB ist ihnen alles entflogen bei dem Sturm?
    Viele Grüße
    Jürgen aus Loy (PJP) – Flachlandtiroler

    Gefällt 1 Person

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