Wiener Charme

Dass ich über eine Vielzahl an Gaben und Talenten verfüge, wird für den regelmäßigen Leser dieses Blogs keine Überraschung sein. Heute darf ich Sie in ein kleines Geheimnis einweihen, das ich bisher nicht an die große Glocke gehängt habe: Ich bin ein Touristenmagnet. Nicht, dass die kulturinteressierte Masse der Pauschalurlauber nach Wien pilgert, um Herrn Moser zu bestaunen und abzulichten wie den Stephansdom oder das Riesenrad. Nein, ich ziehe Touristen wie durch ein Wunder an, wenn sie verloren und verwirrt umherirren auf der Suche nach dem nächsten MacDonalds, der U-Bahn oder dem Schloss Schönbrunn. Ich weiß nicht, woran es liegt, dass die Fremden in unserer Stadt ausgerechnet mich aus der Masse der Einheimischen herauspicken, um auf den rechten Weg zu finden. Ich vermute, es liegt an meinem weltmännisch-einheimischen Blick oder an meinem mürrischen Lächeln, das Offenheit und Wiener Charme ausstrahlt. Natürlich rutscht mir an einem schlechtgelaunten Tag auch mal ein kläffendes „Schleich di!“ raus, wenn ich nach dem Stephansdom gefragt werde. Doch im Großen und Ganzen bin ich die Hilfsbereitschaft in Person, quasi das fleischgewordene Goldene Wienerherz.

Nun musste ich dem Bericht einer großen österreichischen Tageszeitung entnehmen,  dass mein geliebtes Wien laut einer aktuellen Umfrage knapp hinter Paris die zweitunfreundlichste Stadt der Welt ist. Fast 40% der Befragten bezeichneten die Wiener als unfreundlich gegenüber Besuchern aus dem Ausland, der Durchschnitt der anderen Städte läge bei 17%. Ich war in den Grundfesten meiner Fremdenfreundlichkeit erschüttert. Sind meine Landsleute tatsächlich solch unwirsche, grantige Zeitgenossen? Ich fasste den Entschluss, meine Heimatstadt in diesem unseligen Negativ-Ranking nach hinten zu pushen. Ich würde alles geben, damit wir bei dem Umfrage 2018 höchstens noch im Mittelfeld der unfreundlichsten Städte zu finden sind. Denn wer wenn nicht ich, der Touristenmagnet, könnte diesen Trend umkehren! Ohne meine Hilfe und professionelle Freundlichkeit würde Wien in wenigen Jahren in der touristischen Bedeutungslosigkeit versinken; Kaiserin Sisi und die Lipizzaner würden keine Touristen mehr hinter dem Ofen hervorlocken, wenn wir sie mit ablehnender Mieselsüchtelei vergraulen. Ich sah mich bereits, mit der Silbernen Ehrennadel des Österreichischen Tourismusverbandes ausgezeichnet, in den Abendnachrichten als Retter des Abendlandes gefällige Interviews geben.

Am Freitagmorgen war die erste Gelegenheit gekommen, die desaströse Umfrage Lüge zu strafen. Da meine brave Gemahlin unseren tomatenroten Spanier in die Werkstatt brachte, um ihn winterfest machen zu lassen, war ich mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs. Mit eingezogenen Schultern und aufgestelltem Kragen gegen den bitterkalten Wind huschte ich über den Vorplatz des Bahnhofes, um die Schnellbahn Richtung Fischkonservenfabrik rechtzeitig zu erreichen. Plötzlich bemerkte ich, wie auf zwei Uhr eine resolute Dame mit blonder Dauerwelle zielstrebig auf mich zusteuerte, ausgerechnet mich aus der wogenden Menschenmasse herauspickte und mich mit den Worten „Verzeihnse ma, welche Bahn fährt denn hier zum Krist Kindel Markt am Rathausplatz?“ ansprach. „Guten Tag, verehrte gnädige Frau, herzlich Willkommen in der schönen Wienerstadt!“ lächelte ich mein sympathisches Freitagmorgen-Lächeln, ergriff ihre wollbehandschuhte Hand und deutete einen Handkuss an. Erschrocken zuckte sie zurück. „Keine Angst Gnädigste!“ beruhigte ich die Fremde. „Ich gehöre zu den freundlichen Wienern. Möge sich Ihr Aufenthalt in unserer reizenden, kleinen Millionenstadt so angenehm wie möglich gestalten. Sie kommen aus Deutschland, wie ich ihrem entzückenden Dialekt entnehme? Ich vermute mal vom Niederrhein.“ „Kai-Uweeee!“ rief die verdutzte Touristin in das gesichtslose Menschenmeer, und kurz darauf  eilte ein untersetzter Glatzkopf herbei und baute sich neben der blonden Dauerwelle auf: „Watn los, Hedwich? Will dir der Kumpel da an die Wäsche?“ deutete er auf mich. „Nein, nein! Häschdäg Notme!“ parierte ich den Vorwurf elegant und zeitgemäß. „Ihre liebe Gattin frug nach der schnellsten Verbindung zum Christkindlmarkt am Rathausplatz. Und wir kamen ein wenig ins Plaudern. Mein Name ist übrigens Moser.“ Ich reichte dem Herrn vom Niederrhein die Hand, der sie wohl automatisch ergriff und so etwas wie „Krawutke“ murmelte. Der Wind pfiff uns eisig um die Ohren und sanft bugsierte ich das deutsche Ehepaar in das gleich neben dem Bahnhofseingang gelegene Cafe Moni. Im Halbdunkel blinkte ein Spielautomat und versprach Sofortgewinne, an der Bar saßen ein paar verlorene Seelen bei Rotwein und Cognac. „Das ist eines ihrer berühmten Wiener Kaffeehäuser?“ frug Hedwig erstaunt und betonte den Kaffee norddeutsch auf der ersten Silbe: KAFFe. Ich korrigierte bereitwillig ihre falsche Aussprache („Kaffeeeee“)  und bestellte bei der verschlafen wirkenden Kellnerin drei Melange. „Nun, hier handelt es sich eher um eine Bahnhofspelunke. Die namhaften Etablissements finden Sie in der Innenstadt, beispielsweise das Cafe Landtmann, gleich gegenüber vom Christkindlmarkt neben dem Burgtheater“, erläuterte ich hilfsbereit. „Was führt Sie in unsere schöne Stadt?“

Es entwickelte sich ein völkerverbindendes Gespräch, in dem ich sehr viel über Düsseldorf und den Dackel der Krawutkes erfuhr, und meinerseits über die Geschichte des Christkindlmarktes und die Vorzüge der fischlosen Fischkonserven referierte. Zum Abschied geleitete ich die deutschen Besucher noch zur U-Bahn, die sie sicher zum Rathaus bringen sollte. Ich herzte Kai-Uwe und schlug ihm freundschaftlich auf die Schulter, Hedwig drückte ich ein Küsschen auf die Dauerwelle, die daraufhin ein Tränchen zerdrückte. „Beehren Sie uns bald wieder!“ rief ich ihnen zu als sie die U-Bahn bestiegen, und winkte dem Zug hinterher, der langsam im Tunnel verschwand.

Als ich mit 90-minütiger Verspätung im Büro erschien, feixte Kollege Cerny: „Ah, der korrekte Herr Moser hat wohl verschlafen! Direktor Pfotenhauer hat schon nach Ihnen gefragt. Hähä.“ „Ich habe unsere schöne Stadt vor dem wirtschaftlichen Niedergang gerettet, Sie Schnösel“, gab ich stolz zurück. „Familie Krawutke aus Düsseldorf wird nächstes Jahr wiederkehren, und ich werde Wien vom Siegertreppchen der unfreundlichsten Städte stoßen!“ Kämpferisch reckte ich die Faust. Cerny nieste, schnäuzte sich und murmelte in sein Taschentuch: „Sie ham an Vogel!“ Ein typischer Wiener eben. Ich hoffe inständig, die Krawutkes treffen bei ihrem nächsten Wien-Besuch nicht auf Cerny.

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14 Kommentare zu „Wiener Charme“

  1. Hallo Herr Moser, schade, dass ich Sie bei meiner kurzen Stippvisite in Wien nicht persönlich kennenlernen durfte. Meine Freundin und ich waren begeistert von der schönen Stadt und den netten Wienern. Leider waren drei Tage viel zu kurz. Freundliche Grüße aus dem stürmischen Vorpommern. Von einer, die auch Hettwisch heißt.

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  2. Lieber Herr Moser!

    Soeben vernahm ich eine Radiodurchsage, dass ein Ehepaar aus Düsseldorf mit ihrem Auto als Falschfahrer Richtung Wien unterwegs ist. Mir scheint, Ihre Freundlichkeit zeigt Wirkung und die Krawutkes wollen noch ein wenig in Ihrem bezaubernden Städtchen verweilen. Ich hoffe, sie kommen heil an 🙂

    Herzliche Grüße
    Mallybeau

    Gefällt 5 Personen

  3. Ich habe, als ich im September in Wien war, nicht einen einzigen unfreundlichen Wiener gesprochen. Alle waren hilfsbereit und den Weg zum Schloß Schönbrunn musste ich auch erfragen. 🙂 Sehr schöne Stadt übrigens und ich komme auch gern wieder. Ich kann dem Umfrageergebnis nicht glauben, Herr Moser. Dass muss ein Irrtum sein. 🙂

    Gefällt 1 Person

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