Green Christmas

Die vergangenen Novembertage waren frostig, windig und von ungemütlichen Regenschauern durchsetzt. Heute jedoch keine Spur mehr vom grieseligen Schnupfenwetter, ein Hochdruckgebiet lässt den Himmel über Wien azurblau erstrahlen. Die dicke, rote Daunenjacke blieb im Schrank und als ich morgens unser Reihenhäuschen verließ, fuhr mir ein föhniger Frühlingswind neckisch durch die gescheitelte Frisur. Während ich an den letzten Tagen in der Früh eine Eisschicht von der  Windschutzscheibe unseres tomatenroten Spaniers kratzen musste, war es heute im Wageninneren durch die Morgensonne bereits heimelig warm. Ich kurbelte das Fenster runter, und auf der Fahrt zur Fischkonservenfabrik schlackerten meine Abteilungsleiterohren vergnügt im lauen Fahrtwind. Erstmals in diesem Jahr fühlte ich so etwas wie Weihnachtsstimmung aufkommen. Ich meine natürlich nicht das bitterkalte Weihnachten meiner Kindheit, wo der kleine Moserbub bis zur Nasenspitze im Schnee versank sobald er vor die Haustür trat. Nein, ich meine das neue Weihnachten der 2000er Jahre, das grüne klimaerwärmte Weihnachten. Seit Jahren stehen wir Flachländler ja kurzärmelig um den Christbaum, während draußen die Schneeglöckchen blühen und die Blaumeisen ein Sonnenbad nehmen. Heute ist so ein Tag, und ich bedauerte fast, dass der Radiosender meiner Wahl während der 30-minütigen sonnenbeschienenen Fahrt zum Arbeitsplatz kein einziges Mal „Last Christmas“ über den Äther jagte.

Um auch ein wenig vorweihnachtliche Stimmung in unsere eher tristen Büroräumlichkeiten zu bringen, stoppte ich unterwegs bei einem Papierfachgeschäft und erstand einen schönen, altmodischen Adventkalender. So einen wie aus meiner Kindheit, der nur mit kleinen bunten Bildchen hinter dem nummerierten Fenster überrascht. Keine Süßigkeiten, kein Naschwerk, kein billiges Plastikspielzeug, nur Bildchen von Tannenzweigen, Kerzen, Teddybären und Engeln. Nächste Woche am Freitag ist der 1. Dezember und ich freue mich schon wie ein kleines Kind auf das Öffnen des ersten Türchens.

Im Büro öffnete ich erst mal alle Fenster und ließ die warme, sonnige Vorweihnachtsluft einströmen. Ich krempelte meine Hemdsärmel hoch, schnappte mir ein Päckchen Reißnägel und heftete den Adventkalender neben dem Kühlschrank an die Wand, als Cerny eintraf. Er trug erstmals seit Wochen wieder sein floral gemustertes Hawaii-Hemd und schnaufte: „A Wahnsinn, des Wetter! Da kriegt man ja an Herzkaschperl. Wie soll da a Weihnachtsstimmung aufkommen?!“ Schweigend wies ich mit meiner Rechten auf den eben installierten Adventkalender, der die berühmte Krippenszene und die Ankunft der Heiligen drei Könige zeigte. „Ho ho ho!“ äffte Cerny spöttisch den Ruf des amerikanischen Santa Claus nach. „Wo haben Sie denn diese verstaubte Antiquität ausgegraben, Moser?“ Mein gefühlloser Kollege streckte seine Griffel nach dem hübschen Kalender aus und öffnete das nächstbeste Türchen. Nummer 7. Es zeigte eine kleine Spielzeugtrommel. Cerny schüttelte den Kopf: „Net amoi a Schoklad is da drin!“

Ich rückte meinen Drehstuhl ans geöffnete Fenster, lehnte mich zurück und pfiff das Lied von Frosty, dem Schneemann. Meine Weihnachtsstimmung lasse ich mir nicht kaputt machen, von Cerny schon gar nicht.

Advertisements

25 Kommentare zu „Green Christmas“

  1. Lieber Herr Moser!

    ich glaube, die Australier sind uns da klar im Vorteil. Die feiern schon lange die Weihnachtszeit in gemütlicher Wärme und bei strahlendem Sonnenschein. Nur im Adventskalender werden vermutlich auch keine Schokoladenstückchen sondern getrocknete Kängruruohren zu finden sein. Man hats nicht leicht, aber Sie haben Recht, wir lassen und die Weihnachtsstimmung nicht vermiesen 🙂

    Herzliche Grüße aus der Wärme
    Mallybeau

    Gefällt 3 Personen

  2. Bei so viel Weihnachtsstimmung schon im tristen November….. wobei auch bei uns herrliche Vorweihnachts-Sonne🌞🌴 scheint😎…. bin ich schon neugierig wie Herr Moser dann erst zur Weihnachtszeit🎄 jubilieren🎶 und die werten Kollegen damit klirre machen wird!😅
    Liebs Grüßle und noch eine schöne Woche wünsche ich!🍀

    Gefällt 1 Person

  3. Also ich bekenne mich eher Weihnachtsmuffel zu sein und ich bin froh, dass mein Radiosender bis zum 23.12. auf jegliches X-masgedudel verzichtet. (Hoffentlich bleiben sie sich auch in diesem Jahr treu)
    Aber bei einer Sache bin ich voll und ganz bei Ihnen: bei einem Weihnachtskalender einfach schon ein Türchen aufmachen, das ist ja banausischstes Banausentum. Schande über sein Schuppenhaupt …

    Gefällt 2 Personen

  4. „Im Büro öffnete ich erst mal alle Fenster“ – kurz war ich geschockt, zum Glück waren es nur die Bürofenster, nicht der Adventskalender (da hat ja ein andrer Rüpel seine Hand angelegt). Die Bürofenster lassen sich hier bei uns leider nicht öffnen, sodass wir von der warmen Weihnachtsstimmung nicht viel mitbekommen. Seit September hängen hier aber schon die Lichterketten. Von daher: Frohe Weihnachtszeit aus dem milden Hamburger Norden!

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s