Jólabókaflóð

Bei Herrn Moser stehen die Dezembertage bis Weihnachten ganz im Zeichen der Adventkalender. Zu Beginn des täglichen Türchen-Marathons lüfte ich zwischen Schlafzimmer und Kaffeemaschine die geheimnisvollen Überraschungen unserer vier Kalender – ein Mini-Tütchen Chips aus dem Kelly´s Adventkalender, eine kleine Praline aus dem süßen Kalender eines Confiserie-Herstellers, eine selbstgebastelte Überraschung aus Heidis 24 Wundertütchen, und ein Bildchen im klassischen Kalender. Im Büro folgt noch vor dem ersten Kaffee Nummero 5, ehe ich mich an die diversen virtuellen Türchen und Fensterchen meiner lieben Bloggerfreunde mache. Wer auf sich hält, bietet seinen Lesern und Abonnenten in der Vorweihnachtszeit nämlich  einen Adventkalender an. Da gibt es Zitate aus Songtexten, witzige Bastelbögen, Filmtipps, geschmackvolle Keksrezepte, Gereimtes und Ungereimtes, Buchempfehlungen, tolle Fotos oder knifflige Rätsel. Es war 10:24, als ich heute auf meinem Smartphone das letzte Türchen öffnete und mit einem „Gefällt mir“ entsprechend würdigte. Erschöpft vom Kalendermarathon kippte ich die Lehne meines Bürodrehstuhls nach hinten, und im selben Augenblick schlossen sich meine Augen. Bin ich eine Puppe?

Vor meinem müden, geistigen Auge tanzten blühende Weihnachtssterne, Vanillekipferln und die aktuellen Buchneuerscheinungen in einer glitzernden Schneelandschaft zu „Jingle Bells“. Als Bücherwurm und Leseratte bin ich auch ein ambitionierter und engagierter Bücherschenker. Ich liebe es Bücher zu verschenken, und damit im Elektronik- und Gutscheinzeitalter ein bibliophiles Zeichen zu setzen. Ich bin ein häufiger und wohl gelittener Gast im On- und Offline-Buchhandel, stöbere mit Begeisterung in den Bücherbergen, und kann mich dabei in einen Thriller, in eine Biografie oder ein interessantes Sachbuch durchaus schockverlieben. Manchmal gerate ich in einen wahren Kaufrausch, sodass ich schon vermutete, im Grunde meines goldenen Wienerherzens eigentlich ein Isländer zu sein. Denn in und auf Island sind zur Weihnachtszeit drei Dinge omnipräsent: Bücher, Schnee und Schokolade. Alles begann vor etwa 75 Jahren: Im Zuge des Zweiten Weltkriegs wurde Island 1940 von den Alliierten besetzt, da der Inselstaat über kein eigenes Militär verfügte. Aus der grundsätzlichen Importnot, die in dieser Zeit vorherrschte, machte Island schnell eine Tugend: Man baute die heimische Buchproduktion aus. Wann immer ein Geschenk oder eine Freizeitbeschäftigung gesucht wurde, waren Bücher die Lösung. So arbeiteten 1950 beispielsweise zehn Prozent der Bevölkerung Reykjaviks in der Buchbranche.

Und auf genau diese Entwicklung geht die Jólabókaflóð, so der Name für die isländische Bücherflut zur Weihnachtszeit, zurück. Auch heutzutage schenkt man sich an Heiligabend nämlich vor allem Bücher … Bücher und Schokolade, um genau zu sein. Während der Nachmittag und der Abend noch ausgesprochen gesellig ablaufen, indem man gemeinsam isst und plaudert, wird nach der Bescherung und über Nacht ausschließlich gelesen. Tatsächlich ist es nämlich so, dass der gesamte isländische Winter im Zeichen der Literatur steht: Fast alle Buch-Neuerscheinungen des Jahres werden zwischen dem frühen Oktober und Mitte November publiziert – und um eine entsprechende Übersicht zu bieten, druckt der Staat alljährlich einen Bücherkatalog, den Bókatíðindi, der alle Novitäten vorstellt. Das Besondere: Dieser Katalog wird kostenlos an sämtliche Haushalte des Landes verschickt! Ich finde dies sehr sympathisch und sinnvoll.

Leider hat das Bücherschenken bei Herrn Moser einen entscheidenden Nachteil: Die Beschenkten kommen nur in den seltensten Fällen in den Genuss der liebevoll ausgesuchten Werke. Ich kann nämlich meine Neugier nicht zügeln, und lese mich bereits vorab in die gedruckten Weihnachtsgaben ein. Sobald mich das Gelesene einigermaßen fesselt, verspüre ich auch den Wunsch, das Buch zu besitzen, sodass die frischerworbene Literatur häufig in meinem Bücherregal anstatt unter dem Weihnachtsbaum landet.

Langsam erwachte ich wieder aus meinen Bücherträumereien, kippte mit der Bürostuhllehne nach vorne, sodass sich meine Augen automatisch öffneten (Ich bin doch eine Puppe!). Mein Blick fiel auf Cerny. Sollte ich dem ungeliebten Kollegen zu Weihnachten auch etwas schenken?? Warum nicht. Der neue Roman von Joachim Meyerhoff „Die Zweisamkeit der Einzelgänger“ würde mich interessieren. Soll ziemlich gut sein. Ich bin schon gespannt.

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18 Kommentare zu „Jólabókaflóð“

  1. Lieber Herr Moser!

    Sagen Sie bloß, die Abbildung zeigt einen Ausschnitt Ihres Kellergewölbes. Dann hätten Sie schon viele Freunde und Verwandte um ihre Geschenke gebracht. Aber es bleibt ja immer noch die Möglichkeit, es den Isländern gleichzutun und stattdessen ein Täfelchen Schokolade zu schenken 🙂

    Herzliche Grüße an den Bücherwurm
    Mallybeau

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  2. Dachte eigentlich, dass die Zeit der virtuellen Adventskalender längst vorbei ist und be- bzw vergnüge mich mit meinem lecker gefüllten Adventskalender in der Realität.😀
    Interessante Bücher, welche die zu Beschenkenden leicht abgenutzt bzw gelesen bekommen, aber das JÓLABÓKAFLÓÐ gilt ich erst für ungarisch und man lernt eben immer dazu.
    Liebe Grüße und noch eine schöne Weihnachtszeit wünsche ich vom Herzen💖💫🌟

    Gefällt 2 Personen

  3. Ich kenne so einen Raum. Das Buchlager des Antiquariats in dem ich schon mal nach Büchern frage. Nennt man dem Antiquar einen Titel springt er auf, und sucht. Aber nicht lange. Zumindest findet er etwas ähnliches. Toll wie der mit dem Wust an Büchern zurecht kommt.

    Gefällt 2 Personen

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