Abgeschminkt!

Wie es Brauch von Alters her ist, wird am Dreikönigstag das weihnachtliche Antlitz des Moser´schen Reihenhauses abgeschminkt. Weihnachten, die große alte Diva der Familienfeste, hat uns viele glitzernde, leuchtende Tage voller Zimt- und Kerzenduft geschenkt, doch nun ist ihre Zeit abgelaufen. Die Christbaumkugeln wanderten, säuberlich nach den Farben Rot, Gold und Bunt sortiert, zurück in ihre Originalverpackung. Die letzten Schokoschirmchen, welche die zahllosen Süßigkeitsattacken wie durch ein Wunder überlebt hatten, fanden sich auf einem müden Häufchen zusammen. Mit einem leisen Anflug von Melancholie summte ich mit Heidi zum letzten Mal die alte traurige Volksweise von „Last Christmas“, während wir versuchten, die heillos ineinander verstrickten Lichterkerzenketten zu entwirren. „Erinnerst du dich an unsere Kindheit, als wir noch echte, warme Kerzen aus Wachs hatten? Und nicht diesen Irrsinn aus dunkelgrünem LED-Drahtgeflecht?“ frug ich Heidi. Wie jedes Jahr warfen wir das grüne Knäuel aus Lämpchen und Draht mitsamt dem monströs schweren Akku entnervt in die Kiste. Um die Entwirrung kümmern wir uns dann im Dezember.

Schicht für Schicht trugen wir das Christmas-MakeUp ab, sogar der Esstisch bot wieder Platz für seine ursprüngliche Bestimmung, nachdem die zahllosen kleinen Figürchen, Sternchen und Zweige verschwunden waren. „Endlich wieder essen ohne Tannennadeln zwischen den Zähnen“, freute ich mich. „Das war Rosmarin auf den Kartoffeln!“ klärte mich Heidi auf. Ich kümmerte mich um unsere kleine Krippe und mistete den Stall zu Betlehem aus. Ich schnappte mir den rauschebärtigen Josef und sprach zur Maria mit blauem Kopftuch: „Jetzt kimm Mama! Pack zamm dein kloan Messias, es pressiert.“ Mit keifender Stimme ließ ich Maria antworten: „Da kloane Brian schloft do no, Herrschaftseiten no amoi!“ Josef: „Mama, da vurn geht’s zur Kreuzigung. Links anstellen, jeder nur ein Kreuz!“ Maria: „Benno!!!“ Heidi machte meinem kleinen Crossover aus Der Bulle von Tölz und Das Leben des Brian ein vorzeitiges Ende und wischte die Darsteller mit einem Schwung vom Tisch in die alte Krippenschachtel. „Schlaf wohl, kleiner Brian! Erlöse uns von dem Übel und führe uns nicht in Versuchung, wir sehen uns im Dezember!“ rief ich ihm hinterher.

Der weihnachtliche Kehraus ist abgeschlossen. Die Diva ruht in Würde und abgeschminkt, fein säuberlich in Kartons und Schachteln verpackt, im Gartenschuppen neben dem Osterhasen. Auf der Terrasse steht die nordmannshohe Tanne nackt wie Gott sie schuf, und wirft verzweifelt ihre Nadeln ab. Das Begräbnis auf der Christbaumsammelstelle war für 14 Uhr angesetzt, gleich nach dem Mittagessen. Meinem Wunsch nach einer Feuerbestattung wurde aufgrund abstrus hoher behördlicher Auflagen nicht stattgegeben.

Bei unserer Rückkehr vom Friedhof der toten Weihnachtsbäume standen die Heiligen Drei Könige vor unserer verschlossenen Haustür und sangen inbrünstig. Rasch drückte ich ihnen einen 10er in die Hand und wünschte ihnen schulterklopfend weiterhin viel Erfolg. Irgendwann muss mal Schluss sein mit diesem ganzen Brauchtumswahnsinn. Das ganz normale Leben kann wieder beginnen.

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15 Kommentare zu „Abgeschminkt!“

  1. Lieber herr Moser!

    Sehr löblich, dass Sie den Weihnachtsbaum so ordentlich entsorgt haben. Allerdings hätte man das Kostüm des Weihnachtsmannes gleich draußen lassen und an Fasching tragen können. Oder haben Sie vor als Osterhase zu gehen, damit diese Tracht für das Osterfest schon eingetragen ist? 🙂

    Herzliche Grüße und ein gutes neues Jahr 2018!
    Mallybeau

    Gefällt 1 Person

  2. Unser Weihnachtsbaum steht auf der Terrasse und ist in diesem Jahr ein Sturmopfer geworden, danach war dann die Endschmückung angesagt.
    Das Gehudel mit den Kerzen hatten wir nicht mehr, seit letzten Jahr gibt es Einzel LED Kerzen. Das Licht strahlt zwar nicht mehr so schön, aber
    die Verpackung ist bequem. Am schönsten ist die Erinnerung aus Kindheitstagen mit den echten Wachskerzen……

    Gefällt 1 Person

  3. Zu nachmitternächtlicher Stunde kann ich Ihrer Entschmückungsorgie nicht mehr so laut applaudieren, weil sich dann die Untermieter gestört fühlen.
    Doch ich kann Ihnen schreiben, dass ich Ihnen „auf die Schliche“ gekommen bin – von wegen Abteilungsleiter Fischfabrik oder Nachrichtenverfasser von Artikeln als Journalist. Lesen Sie bei mir,w as Sie wirklich machen:
    https://chh150845.wordpress.com/2018/01/08/clara-hat-unglaubliches-geschafft/
    Viel Spaß, schmeckt hervorragend!
    Mit Gruß von Clara

    Gefällt mir

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