Märchenstunde

Frau Mag. Sabine Krickl ist Apothekerin, Alleinerzieherin und Bewohnerin unserer schnuckeligen Reihenhausanlage. Man kennt sich „vom Sehen“, man grüßt sich und letzten Herbst haben wir uns im Rahmen eines kleinen nachbarschaftlichen Grillabends eine elektrische Heckenschere von ihr ausgeliehen. Vorige Woche begegneten wir einander im Supermarkt zwischen Spargel aus Peru und Blutorangen, und es entspann sich ein kleines Geplauder zwischen Heidi und der Apothekerin. Ich bekam noch mit, dass Frau Krickl auch Mama einer 8jährigen Tochter namens Julia ist, dass ihr Mädchen ihre Volksschullehrerin toll findet… dann waren meine Gedanken bereits in der Fleischabteilung und drehten sich um die Frage, ob wir für die geplanten Cheeseburger besser auf reines Rind oder doch auf die gemischte Variante Rind-Schwein zurückgreifen sollten. Im Geiste sah ich mich bereits die Patties brutzeln, mit goldgelbem Cheddarkäse belegen, sowie Tomaten in Scheiben schneiden.  Mit verklärtem Blick sah ich durch Frau Krickl Richtung Fleischtheke, als mir die liebe Heidi ihren Ellbogen in die Seite rammte: „Das geht doch, oder? Am Freitag? Bist eh zu Hause, Moser! Gell?“ „Was? Jaja, natürlich. Zu Hause!“ antwortete ich reflexartig. „Gut Frau Krickl, dann bis Freitag“, verabschiedete sich Adelheid und drückte der Nachbarin die Hand. Ich schüttelte ahnungslos grinsend ebenfalls ihr Händchen und schob den Einkaufswagen Richtung Fleisch. „Was ist am Freitag? Kommt sie auf einen Kaffeeplausch vorbei?“ „Hast du nicht zugehört“, zeigte sich meine Gattin entrüstet, „Frau Krickl hat am Freitagabend ihr 20-Jahre-Matura-Treffen und keinen Babysitter für ihre Tochter Julia. Ihre Mutter ist krank, ihre Freundinnen haben Theaterkarten, sind auf Urlaub oder sonstwie verhindert. Also hat sie uns gefragt, ob wir auf Julia aufpassen.“ „Aber du triffst dich doch freitags mit Uschimaus zum monatlichen Tratsch – du hast doch nicht zugesagt?“ „Doch, und DU auch. Also spielst du Babysitter, wenn ich mit Uschi weg bin.“ „Aber ich hab doch schon einen Single-Männerabend mit den Transformers, Rocky und Jogginghose eingeplant!“ Heidi bestellte 40 dkg gemischtes Faschiertes.

Ich muss zugeben, dass ich im Umgang mit jungen 8-jährigen weiblichen Menschen nicht sehr versiert bin, aber nun gab es kein Entrinnen. Verwichenen Freitag, pünktlich um 18 Uhr, klingelte es an der Haustür. Mama Sabine und Julia ante portas. Heidi hauchte mir ein Küsschen auf die Wange und entschwand zu ihrer Uschimaus; die Apothekerin wies ihre Tochter an, mir die Hand zu geben und brav zu sein. Dann kehrte sie mir mit den Worten „Spätestens um 22 Uhr hole ich sie ab. Viel Spaß ihr Zwei!“ den Rücken. Ich war allein mit Julia.

Um das Vertrauen des Mädchens zu gewinnen, trug ich zur grauen Jogginghose mein Spiderman T-Shirt mit dem Aufdruck Amazing Spiderman. Wie aber sollte ich vier Stunden mit einer 8-Jährigen überbrücken? „Was wollen wir zwei jetzt anstellen?“ frug ich Julia freundlich. „Ich habe keine Barbie-Puppen, keine Spiele, und keine Meerjungfrauen- oder Captain-Pokèmon-DVDs. Magst du eine Tiefkühlpizza?“ Die kleine Krickl schüttelte den Kopf. „Hat dir deine Mama keine Spielsachen mitgegeben?“ Die kleine Krickl schüttelte abermals die blonden Locken. Nach einer kurzen Pause meinte sie bestimmt: „Eine Geschichte bitte!“ „Tut mir leid, ich hab auch keine Kinderbücher. Und Stephen King ist noch nichts für dich.“ „Erzähl mir eine Geschichte, Onkel Moser. Bitte!“ ließ Julia nicht locker. „Schön, dass du das Zauberwort kennst! Aber ich bin nicht dein Onkel. Dafür müssten deine Mama und ich Geschwister sein, sind wir aber nicht. Hast du ein Schwesterchen oder Brüderchen?“ Die kleine Krickl schüttelte wieder ihr Köpfchen und beharrte auf einer Geschichte. Ich überlegte kurz, ihr ein paar Abenteuer aus der Fischkonservenfabrik zu erzählen, entschied mich aber dann, mich auf meine Fantasie und mein Improvisationstalent zu verlassen. „Also gut“, verkündete ich, „eine Geschichte.“ Ich holte Julia noch rasch eine Tasse Kakao und legte los:

„Es war einmal ein kleiner Negerjunge namens Helmut. Er lebte mit seinen Eltern in einem Dorf im Urwald Afrikas…“ „NEGER sagt man nicht!“ „Wer sagt das?“ „Meine Mama.“ „Neger kommt vom französischen nègre, spanischen negro und lateinischen niger und heißt nichts anderes als schwarz. Also wurden Menschen mit dunkler Hautfarbe als Neger bezeichnet.“ „Es ist ein Schimpfwort!“ entgegnete die 9x kluge Julia. Ich erklärte ihr, dass es in meiner Jugend noch kein Schimpfwort war und man sogar Schokolade mit Erdnüssen als Negerbrot verkaufte. „Willst du jetzt die Geschichte hören oder mit mir über politische Korrektheit diskutieren?“ Da die Volksschülerin mit dem Begriff political correctness offenbar nichts anfangen konnte, entschied sie sich für die Geschichte und ich fuhr fort: „Helmut lebte also in diesem kleinen Dorf in Afrika. Sein Vater war Ziegenhirte…“ „Wieso heißt das schwarze Kind Helmut?“ unterbrach mich Julia erneut. „Warum soll es denn nicht Helmut heißen? Wie heißen schwarze Jungs sonst?“ Julia nahm einen Schluck Kakao, überlegte kurz und meinte dann: „Densl Washington.“ „Ja, so heißen die schwarzen Jungs in Hollywood, im Kino, in Amerika. In meiner Geschichte heißt er Helmut. Und jetzt Ruhe!“ Ich war bereit etwas gereizt.

Helmut war acht Jahre alt, also so alt wie du Julia, aber er wußte nichts über die Welt außerhalb seines Dorfes. Er befüllte zwei Mal am Tag drei Wasserkanister an der einzigen Dorfwasserleitung und schleppte sie mit einem klapprigen Leiterwagen zu ihrer Hütte. Er half seinem Vater beim Brennholz sammeln und beim Hüten der Ziegen, und einmal in der Woche ging er 5 km zur Schule im nächsten Dorf, wo er mühsam Lesen und Schreiben lernte. Er wußte aber nicht, dass es andere Länder und Kontinente wie Europa oder Amerika gab, wo die Menschen in prächtigen Häusern wohnten, Kühlschränke voller Essen hatten, mit Autos zum Supermarkt fuhren und mit Flugzeugen in den Urlaub flogen. Helmut kannte nur die brütende Sonne, die Fliegen, Hirsebrei und den staubigen Dorfplatz, wo er nachmittags mit den anderen Jungs Fußball spielte. „Kennt Helmut auch keinen McDonalds und keinen Fernseher und kein Handy?“ frug Julia ungläubig. „Nein, aber er war trotzdem glücklich.“ „Echt?“ „Ja, weil er von all dem Luxus, der für uns normal ist, nichts wußte, hat er diese Dinge auch nicht vermisst. Er hatte Eltern, die ihn liebten, er hatte zu essen, ein Dach über dem Kopf und Freunde, die ihn respektierten.“ Julia schwieg.

„Eines Tages brachte sein Vater ein altes Buch über die „Geschichte Österreichs“ vom Markt mit nach Hause. Er hatte eine Ziege zu einem guten Preis verkauft und das zerfledderte Buch bei einem zahnlosen, alten Marktschreier entdeckt. Es war Zeit, dass Helmut etwas über die Welt da draußen erfuhr, und so schenkte er es seinem Buben. Fasziniert blätterte Helmut im ersten Buch seines Lebens, er sah zum ersten Mal Menschen mit weißer Haut, und betrachtete staunend Zeichnungen und Fotos vom alten Kaiser Franz Josef mit dem dicken Backenbart. Er sah prächtige, kunstvoll verzierte Gebäude und Kirchen, eine Stadt namens Wien mit festen Straßen, Autos und Pferdekutschen. Diese Menschen im fernen Austria schienen unsagbar reich, sie mussten sehr glücklich sein.“  Dann hatte Julia Hunger und ich schob doch noch eine Salamipizza in den Backofen. „Der arme Helmut kennt sicher auch keine Salamipizza“, meinte das blonde Nachbarsmädchen. Es war 20:30 und ich hatte keine Ahnung, wie meine Geschichte weitergehen sollte. Noch 90 Minuten bis Frau Krickl ihre Tochter abholen würde.

Nach dem Essen sagte ich zu Julia: „Leg dich ein wenig auf die Couch, es ist schon spät. Du musst schlafen!“ „Wie geht die Geschichte mit Helmut weiter?“ wollte sie wissen. „Leg dich hin, dann erzähle ich dir noch ein bisschen.“ Julia kuschelte sich in das Polstermöbel, ich deckte sie zu und fuhr fort: „Helmut sah sich das Buch, seinen neuen wertvollen Schatz, nun jeden Abend an und seine Sehnsucht, irgendwann in das ferne Österreich zu reisen, wurde immer größer. Eines Tages kam der österreichische Bundeskanzler Kurz auf Staatsbesuch in das kleine Dorf. Helmut hatte noch nie so einen bleichen, dünnen Mann mit Ohren so groß wie ein Elefant gesehen, und zupfte ihn am Ärmel seines dunklen, eng anliegenden Anzugs. „Wer bist du?“ frug er den Kanzler. „Ich bin Basti, der König von Austria, mein Junge. Wie heißt du?“ „Helmut“, antwortete Helmut. „Oh, was für ein schöner Name“, sagte der österreichische Kanzler und strich dem Negerkind über das schwarze Kraushaar. Helmut dachte, dies sei in dem fernen Land ein Begrüßungsritual und strich Basti, der sich zu ihm heruntergebeugt hatte, ebenfalls über die pomadisierten Haare: „König Basti, darf ich mit dir nach Austria kommen? Ich möchte gerne das Riesenrad sehen, und die Ringstraße, den Niki Lauda, Mozart und Falco. Darf ich, ja?“ „Nein“, antwortete der Kanzler, „ich hab die Mittelmeer-Route und die Balkan-Route geschlossen, und auch die Atlantik- und die Pazifik- und die Grönlandroute. Wir wollen in Österreich keine Flüchtlinge und keine Neger. Für euch hab ich nur die Krampus-Rute.“ Ich merkte, wie ich mich in einen Wirbel redete. Vielleicht hätte ich das Glas Rotwein zur Pizza weglassen sollen. Aber die kleine Julia war schon eingeschlafen und als ich sie ihrer Mutter um 22:05 behutsam in die Arme legte, murmelte sie verschlafen: „Helmut…“

„Ach wie süß“, sagte Mama Krickl, „Sie träumt schon von Ihnen, Herr Moser! Sie heißen Helmut?“ „Ach wo, Helmut ist ein kleiner Afrikaner, der Ziegen hütet und mit Kanzler Kurz nach Österreich fliegen will. Kommen Sie gut nach Hause, und wenn sie wieder mal was brauchen…“ „Die elektrische Heckenschere, bei Gelegenheit. Gute Nacht Herr Moser!“ „Gute Nacht Frau Magister!“

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18 Kommentare zu „Märchenstunde“

  1. Lieber Herr Moser!

    Ich habe Ihren Beitrag bereits heute mittag gelesen. Hierüber bin ich eingeschlafen und erst jetzt wieder aufgewacht. Ein sehr gutes Zeichen, dass es sich um eine ausgezeichnete Erzählung handelt, da ich ansonsten sehr schlecht einschlafe.
    Ich werde diese Lektüre jetzt immer in unruhigen Nächten hervorholen 🙂

    Herzliche Grüße
    Mallybeau

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