Bittere Pillen

Ihr geschätzter Herr Moser erweckt in diesem kleinen, heiteren Blog möglicherweise den Eindruck, als sei er noch ein fideler, kraftstrotzender Abteilungsleiter in den besten Jahren. Heute muss ich jedoch die Hosen runterlassen, die Befunde auf den Tisch legen und die p.t. Leserschaft informieren, dass in wenigen Tagen ein runder Geburtstag ansteht, der mich in die Zielgruppe der Senioren katapultiert. Das nahende Wiegenfest liegt bereits spürbar in der Luft, meine Gemahlin Adelheid übt sich in tuschelnder Geheimniskrämerei, unterbricht Telefongespräche sobald ich das Zimmer betrete und gibt die Harmlose, Unschuldige. Auch das Betreten der Abstellkammer wurde mir verboten. Ich mache das Spielchen natürlich mit und gaukle vor, nichts von alldem mitzubekommen, um am Tag X stilgerecht aus allen Wolken fallen zu können.

Jaja, ich bin bereits im Spätherbst des Lebens – böse Zungen behaupten angesichts meiner immer fürwitziger sprießenden weißen und grauen Haare, dass bereits Schnee am Dach liegt und ich mich im Frühwinter befinde. Natürlich bin ich kein Springinsfeld mehr und werde auch von dem einen oder anderen Zipperlein geplagt, die ich aber bisher allesamt gekonnt ignoriert habe. Ganz im Gegensatz zu meiner lieben Mutter, die jede freie Minute ihrer üppigen Pensionistenfreizeit in den Wartezimmern der Ärzte aller Fachrichtungen verbringt, ist Herr Moser nicht so der Arzttyp. Typisch Mann vertrete ich die Ansicht, dass der Doktor sicher irgendetwas Schlimmes finden wird, das ich gar nicht wissen will. Mit Husten in die Praxis, mit dem Todesurteil Lungenkrebs nach Hause geschickt. Nicht mit mir. Darum war ich in den letzten 20 Jahren nur ein höchst seltener Gast der medizinischen Versorgung. Dies wird sich nun radikal ändern, denn meine fürsorgliche Heidi liegt mir anlässlich meines bevorstehenden, bedenklich runden Geburtstages seit Wochen in den Ohren, dass ich mich endlich gesundheitlich ganzheitlich durchchecken lassen möge. Sie meint es ja gut und ich verstehe, dass sie keine Lust hat, mir in ein paar Jahren meinen Schlaganfall-Hintern auszuwaschen und mir die Nudelsuppe über eine Schnabeltasse einzuflößen. Widerwillig habe ich mich bereit erklärt, den Marathon einer Vorsorgeuntersuchung anzutreten.

Schon mein erster Termin Anfang der Woche bei meinem Leibarzt Dr. Wolfi zeitigte kein erfreuliches Ergebnis. Nach dem mühsamen Ausfüllen eines ganzen Stapels von Formularen (Ist in Ihrer Familie jemand an Krebs erkrankt oder gestorben?), wurde mir zunächst der Blutdruck gemessen. Dr. Wolfi legte seine Medizinerstirn in Sorgenfalten und ich konnte ihn nur mit Mühe davon abhalten, mich in eine Klinik einzuweisen. Er verordnete mir ein hübsches Sortiment an blutdrucksenkenden Beta-Blockern, drückte mir einen sogenannten Blutdruckpass in die Hand und wies mich an, mir ein Messgerät zu besorgen und meine Werte drei Mal täglich einzutragen. Gestern früh musste ich dann nüchtern zur Blutabnahme erscheinen. Nachdem mir Dr. Wolfi auf der Suche nach einer spendablen Vene ergebnislos den linken Arm zerstochen hatte, setzte er sein Werk rechts  fort. Um das peinliche Schweigen zu überbrücken, frug er: „Sind Sie auch nüchtern, Herr Moser?“ „Stocknüchtern!“ entgegnete ich. „Oder wirke ich auf Sie etwa besoffen? Mein letztes Glas Gumpoldskirchner liegt Wochen zurück.“ Dr. Wolfi stocherte noch immer in meiner Armbeuge herum und nun wollte ich meinerseits wissen: „Sind Sie auch nüchtern, Herr Doktor?“ Meine Worte schienen ihn zu beflügeln, ich verspürte einen heftigen Pieks und schon sprudelte mein Lebenssaft in das Glasröhrchen.

Wieder im Wartezimmer, wo ich mich kurz erholen sollte, drückte mir die Sprechstundenhilfe unaufgefordert einen Plastikbecher mit rotem Schraubverschluss in die Hand und wies vielsagend auf eine weiße Tür mit der Aufschrift WC. „Nein, mir ist jetzt wirklich nicht danach“, lehnte ich ab und gab ihr das 100 ml Gefäß zurück. „Die Atmosphäre ist etwas ähhh… nüchtern.“ Nüchtern war mein neues Lieblingswort. „Außerdem schaffe ich keine 100 ml, in einer Woche bin ich bin Senior.“ Nach einem kurzen Blick auf den wogenden Ausschnitt der Arzthelferin meinte ich: „Aber vielleicht haben Sie ein anregendes Heftchen? Zur Unterstützung, Sie verstehen?!“ „Ich glaube, SIE verstehen nicht, Herr Moser! Wir brauchen keine Samenspende, sondern eine Harnprobe!“ Da ich Blutdruckpatient bin, wurde ich pflichtgemäß rot: „Weiß ich doch, was denken Sie von mir?! Ich kann aber trotzdem nicht, nichts zu machen. Hätten Sie mich mal vorher informiert, dann hätte ich gespart. Aber jetzt bin ich leer.“ Ich durfte den Plastikbecher einpacken und soll ihn beim nächsten Mal zur Blutbefundbesprechung gefüllt mitbringen. „Mit Urin!“ stellte die Sprechstundenhilfe nochmals klar. „Mittelstrahl!“ „Psssst!“ bedeutete ich der unsensiblen Assistentin mit einer dezenten Kopfbewegung Richtung wartender Patienten. Sie überreichte mir noch ein kleines Briefchen und erklärte weithin hörbar: „Und das ist für die Stuhlprobe, Spachtel liegt bei. Bitte die beigelegten Anweisungen befolgen und auch mitbringen.“ Mit hochrotem Kopf stürzte ich aus der Praxis.

Das Ergebnis der Untersuchungen werde ich mir erst nach meinem Geburtstag abholen. Zu viele Überraschungen auf einmal sind nicht gut für meinen Blutdruck.

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47 Kommentare zu „Bittere Pillen“

  1. Lieber Herr Moser!

    Ich könnte mir gut vorstellen, dass die liebe Heidi sehr genau um Ihre Arztphobie weiß und deshalb in der Abstellkammer ein kleines Apfelbäumchen als Geburtstagsüberraschung gebunkert hat. Schließlich heißt es: „An apple a day keeps the doctor away“.
    Ich wünsche vorab eine schöne Feier und guten Appetit 🙂

    Herzliche Grüße
    Mallybeau

    Gefällt 7 Personen

      1. Genau diese Gedanken hatte ich mir auch gemacht und war auf eine glatte 60 gekommen. – Aber wer weiß, die Tätigkeit in der Fischfabrik kann ja auch reines Fabuliertalent sein.
        Auf jeden Fall wünsche ich, dass in der Kammer etwas auf den Geburtstag wartet, was wenigstens ein kleines bisschen unanständig ist – damit es mehr Spaß macht!

        Gefällt 2 Personen

          1. Hallo, noch wach. Künftige Senioren dürfen senile Bettflucht üben – aber bei Ihnen dauert es ja noch ein paar Tage.
            Und da ich ja einige Tage, Wochen, Monate, Jahre älter bin, darf ich immer um diese Zeit noch am Computer sitzen. 🙂

            Gefällt 1 Person

  2. Ich kann das gut verstehen. Das fünfte Dutzend voll zu machen hat mich seinerzeit ganz schön geschafft, und die Schlagerindustrie war mir kein Trost – von wegen „60 Jahre und kein bisschen weise …“ und später dann „Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an.“ Inzwischen steht die nächste Null an, und vielleicht werde ich die sogar feiern, obwohl ich in den letzten Jahren alle (meine) Geburtstagsfeiern abgelehnt habe. Also schön die Ohren steif halten und nicht von den Weißkitteln verrückt machen lassen. 🙂

    Gefällt 2 Personen

  3. nachdem ich etwas älter bin kann ist mit Sicherheit sagen: das Alter tut nicht weh. Aber ich dachte immer, mit dem Alter wird man klüger – also bei mir war das nicht so.
    Ich hoffe aber, dass dies bei Herrn Moser der Fall ist.
    Ansonsten auf den doktoralen Rat hören (der kommt bestimmt); nicht rauchen, nicht trinken, gesund ernähern und ausreichend Bewegung.
    ich bin schon neugierig was in der Abstellkammer ist!
    Vielleicht ein Fahrrad? – das Ratespiel ist eröffnet.
    ALLES LIEBE

    Gefällt 2 Personen

  4. Gleich vorweg, falls es dir noch niemand gesagt oder geschrieben hat, der kommende Geburtstag tut nicht weh.“lächel“
    Und das Leben geht danach weiter.
    Mir ist er extrem schwer gefallen, aber man gewöhnt sich dran.
    Und mit jedem Jahr danach, wird es einfacher. „zwinker“
    Ich sag noch nicht *Alles Gute*, das soll man ja im Voraus nicht.

    LG Peggy

    Gefällt 2 Personen

  5. Geschätzter Herr Moser, passen Sie bloß gut auf sich auf.
    Sie werden es unappetitlich finden, ich muss es trotzdem sagen: in meiner Stuhlprobe von vor einem Jahr war ein Wurm drinnen.
    Okay, vielleicht hätte ich an anderer Stelle ein Stück aus dem Sitzmöbel schneiden und ins Labor schicken sollen. Immerhin ist der Stuhl ein Erbstück von meiner Großmutter großmütterlicherseits und hat einige Jahre auf dem Buckel. Als Senior darf er natürlich den einen oder anderen Wurm in sich tragen … 😉
    Gruß
    Herr Ösi

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